Deutschstunde

Von daher sollten wir deshalb darauf achten

Manche Sprachdummheiten muss man ganz zu Anfang stoppen, bevor sie zur Epidemie geworden sind, meint Peter Schmachthagen.

Ich hab die jungen Herrschaften auch gleich erkannt, trotzdem es ein bisschen dunkel ist. Was sagen Sie zu einem solchen Satz? Diese Formulierung stammt von Thomas Mann. Bei Hans Fallada lesen wir: Er lächelt mit, trotzdem er jetzt ängstlich wird – und in der „Neuen Zürcher Zeitung“: Trotzdem ihm die Höhe zu schaffen machte, erstieg er den Montblanc.

Hier gilt: Wenn Thomas Mann das schreibt, bekommt er den Literaturnobelpreis, wenn die Morgenpost das schriebe, bekäme sie riesigen Ärger mit ihren Lesern. Uns Normalsterbliche drängt es, den Konzessivsatz (den Umstandssatz der Einräumung) mit obwohl oder obgleich zu bilden: Obwohl es dunkel wird, macht er sich auf den Weg.

Trotzdem – was Thomas Mann zusammengefügt hat, wird der Duden nicht scheiden. Die deutsche Sprache ist reich in ihrer Ausdrucksweise und vielschichtig bei der Bedeutung zahlreicher Wörter. Das Wort „trotzdem“ bedient zum Beispiel zwei Wortarten: Einmal ist es Adverb in der Bedeutung „ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dessen ungeachtet“ und im anderen Fall Konjunktion in der Bedeutung „obwohl, obgleich“.

Oftmals handelt es sich dabei weniger um Logik als um eingefahrene Vorlieben, die verbissen verteidigt werden. Trotzdem ich, Pardon!, obwohl ich davon ausgehe, dass mein Manuskript für diese Kolumne nicht geändert wird, würde ich es nie wagen, eine Wendung wie „über 1000 Meter“ zu senden. Es heiße „mehr als 1000 Meter“, belehrte mich mein damaliger Chefredakteur vor über, nein!, vor mehr als vier Jahrzehnten. Der zeitliche Gebrauch der Präposition auf wurde und wird hingegen nicht beanstandet, sodass der Vorstand „auf“ einer Versammlung gewählt werden kann, obwohl die Teilnehmer ja nicht „auf“ dem Saal gelegen haben, als sie während der Tagung die Wahl vornahmen.

Stark ins Zwielicht geraten ist auch das Adverb „teilweise“. Die Insassen wurden teilweise schwer verletzt. An einer solchen Formulierung können sich manche Leute geradezu festbeißen. Wie kann es möglich sein, dass verschiedene Teile einer Person schwer verletzt sind?, wird gefragt. Wir sollten „teilweise“ jedoch nicht temporal, also im zeitlichen Sinne, gebrauchen. Er unterrichtete teilweise an der Uni, teilweise an der Schule, bedeutete, dass der Dozent seinen Körper teilen müsste oder die Fähigkeit der Bilokation besäße, der gleichzeitigen Anwesenheit an zwei Orten, die meines Wissens zum letzten Mal beim heiligen Don Bosco beobachtet worden sein soll. Natürlich muss es in diesem Zusammenhang zeitweise heißen.

Im Schussfeld befindet sich auch das Adverb „darunter“. Fünf Ärzte bemühen sich um ihn am Krankenbett, darunter ein Kardiologe. Nun zeugt es von ausgeprägter räumlicher Vorstellungskraft zu unterstellen, dass sich vier Ärzte im 1. Stock am Krankenbett befinden und der Kardiologe eine Etage darunter im Erdgeschoss. Die Wendung „unter ihnen“ hätte meinem alten Direktor sicherlich besser gefallen, doch wir müssen aufpassen, dass manche Wörter nicht gleich in den Keller zur Pathologie gebracht werden, damit sie mit dem Skalpell so lange seziert werden, bis nichts Lebendiges mehr an ihnen ist. Das Adverb „darunter“ hat mehrere Bedeutungen, darunter sowohl „unter dieser Stelle“ als auch „unter dieser Menge, in dieser Gruppe“.

Von daher sollten wir darauf achten – auweia!, das muss nicht sein! Ein einfaches „deshalb“ oder „aus diesem Grunde“ tut es auch und klingt viel flüssiger. Allerdings scheint alle Welt zu glauben, „von daher“ sei ein Ausweis seriöser Sprache. Während ich diese Zeilen schreibe, erklärt irgendein Politiker im „Mittagsmagazin“, die Türkei müsse von daher die Auflagen erfüllen. Manche Sprachdummheiten sollte man ganz zu Anfang stoppen. Sind sie erst zur Epidemie („im ganzen Volk verbreiteten Krankheit“) geworden, ist es zu spät.

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