Deutsch ist nicht gleich Deutsch. Unsere Sprache offenbart beim täglichen Gebrauch verschiedene Abstufungen und Ebenen. Wenn ein Schriftsteller auf den Literaturnobelpreis schielt und ein sprachliches Kunstwerk abliefert (oder das, was er abliefert, dafür hält), klingt das anders als die Verabredung auf dem Schulhof zur Party in der elternfreien Bude. Wenn ein Professor Einsteins Relativitätstheorie zu widerlegen versucht, wird sein Text in einem Wust von Fachbegriffen ersticken und für Alltagssprachler unverständlich sein.
Profischreiber, aber auch Berufstätige und Schüler sollten sich an die gängige sprachliche Norm und Konvention halten. Jedes Gespräch, in dem ab und zu ein Genitiv vorkommt, signalisiert ein gewisses Niveau des Sprechers, und jedes Schreiben, das keine Geisterfahrt wider die Grammatik, Orthografie und Stilistik ist, hat von vornherein eine größere Wirkung als ein fehlertriefendes Pamphlet. Selbst der Beschwerdebrief an den Nachbarn wegen des verräucherten Schlafzimmers nach dessen Grillabend auf dem Balkon hat eher Bestand, wenn der Nachbar nicht süffisant zurückgeben kann, dass es im Deutschen nicht „Parties“, sondern Partys heiße. Es gibt Leute, bezeichnenderweise vorwiegend junge Leute, die eine korrekte Sprache für einen überflüssigen Zeitvertreib von Großvätern und Lehrern kurz vor der Pensionierung halten – nicht weil sie „cool“ sind, sondern weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Sie haben kein akzeptables Deutsch gelernt, lernen wollen oder lernen können.
Allerdings gibt es niemanden, mich eingeschlossen, der nicht ab und zu eine Schreibweise oder eine Form nachschlagen müsste. Wo schlägt man, gedruckt oder online, als Erstes nach? Meistens im Duden. Unter „Duden“ wird in der Umgangssprache jedoch nur der 1. Band des „Dudens in zwölf Bänden“ verstanden, der sogenannte Rechtschreibduden. In ihm geht es, wie der Name schon sagt, um die Rechtschreibung, um die Schreibweise einzelner Wörter mit sämtlichen Schreibvarianten, die nach der gültigen amtlichen Rechtschreibregelung zulässig und begründbar sind. Aller Wörter? Mitnichten! Die aktuelle 27. Auflage des Rechtschreibdudens weist „nur“ 145.000 Einträge auf. Das Korpus (das, Neutrum!) dieses Berliner Verlags, die umfangreiche elektronische Textsammlung, umfasst jedoch mehrere Millionen Stichwörter.
Nicht jedes Wort, das nicht im Duden steht, ist also ein Wort, das es im Deutschen nicht gibt. Nachdem man so schön blumenreich formuliert hat, kann es vorkommen, dass ein Leser ein benutztes Wort anmerkt und schreibt: „Das Wort gibt es nicht. Das steht nicht im Duden.“ Das ist allerdings kein Kriterium. Manche Wörter stehen nicht im Duden, weil es sie wirklich nicht gibt, mögen sie auch noch so häufig gesprochen und geschrieben werden, zum Beispiel „zuordbar“. Es heißt nämlich zuordenbar und nur so. Manche grundfalsche Wörter oder Formen werden noch häufiger gesprochen, sodass der Duden meint, sie sich nicht entgehen lassen zu dürfen. Der Linienrichter mag während einer Fußballübertragung irrtümlich Abseits „gewunken“ haben, trotzdem lautet die Flexion des schwachen Verbs „winken“ nach wie vor winkte, gewinkt.

Es gibt außer dem Rechtschreibduden unzählige andere Nachschlagewerke. Anja Steinhauer erklärt in ihrem Duden-Taschenbuch „Ja wie nun? Sprachliche Zweifelsfälle und ihre Lösung“: „Ärgerlicherweise sind es auch immer wieder dieselben Fälle, die nachgeschlagen werden müssen. Heißt es nun dieses Jahres oder diesen Jahres? Auch widerspiegeln oder Hobbys sind solche Klassiker. Es gehört zwar fast zum guten Ton unter Profischreibern, sich aufzuregen, wenn eine Würstchenbude mal wieder einen falschen Genitiv-Apostroph auf dem Schild verewigt hat, aber gefeit vor Fehlern sind sie selbst auch nicht.“ Leicht zerknirscht erkläre ich: Recht hat sie!
Kontakt zum Autor: deutschstunde@t-online.de
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