Als Älterem, der die Hungerjahre nach dem Krieg noch miterlebt hat, widerstrebt es mir, auch nur den geringsten Essensrest wegzuwerfen. Auch die Reste der Anfragen und Regeln mag ich nicht einfach löschen, vielmehr habe ich sie gesammelt. Machen wir uns heute also an die sprachliche Resteverwertung!

Warum heißt es die Tokioter Börse? Woher kommt das „t“? Bei Chicago und Oslo, um die beiden auf „o“ endenden großen Städte zu nennen, wird kein „t“ eingefügt. Nein, aber bei „Osloer“ oder „Chicagoer“ müssen wir nur zwei Vokalsilben hintereinander sprechen, bei „Tokioer“ wären es drei unterschiedliche Vokale am Stück. Deshalb wird aus phonologischen Gründen ein Konsonant eingeschoben.

Muss es nicht korrekterweise lauten: Er hat ihn kommen „gehört“? Mitnichten! Bestimmte Verben mit haben-Perfekt stehen, wenn ihnen ein Infinitiv vorangeht, nicht im 2. Partizip, sondern selbst im Infinitiv, und zwar im sogenannten Ersatzinfinitiv: Ich habe ihn kommen hören. Diese Anwendung ist fest bei den Modalverben (er hat kommen müssen – nicht: gemusst) und bei brauchen: Das hättest du nicht zu tun brauchen (nicht: gebraucht).

In einer Todesanzeige stand: Statt „Kränze“ bitten wir um eine Spende. Diese Rektion (der geforderte Fall) ist falsch. Da hier der Genitiv im Plural nicht zu erkennen ist, wird bei unbegleiteten („blank“ stehenden) Substantiven der Dativ benutzt: statt Kränzen, wegen Geschäften, einschließlich Getränken. Wird das Substantiv aber (von einem Artikel oder Attribut) begleitet, rutscht die Rektion wieder in den Genitiv Plural: statt freundlich zugedachter Kränze, wegen dringender Geschäfte, einschließlich alkoholfreier Getränke. Ist „ähnlich seines Vaters“ richtig? Nein, als Präposition steht ähnlich mit dem Dativ. Es muss „ähnlich seinem Vater“ heißen.

So lange oder solange – ein oder zwei Wörter? Das kommt darauf an, ob wir den Ausdruck als Konjunktion oder als Adverb gebrauchen. Solange du da bist (Konjunktion, zusammen), so lange fühle ich mich wohl (adverbial, getrennt); so sehr, so viel, so wenig, so weit sind beim adverbialen Gebrauch jeweils zwei Wörter, werden als Konjunktion aber zusammengeschrieben: sosehr ich mich bemüht habe, …; soviel ich weiß, …; sowenig er auch versteht, so viel will er immer mitreden; soweit wir es beurteilen können, ist so weit alles klar. Im Standarddeutschen sind seit und seitdem gleichberechtigte Synonyme, aber auch diese beiden Begriffe gibt es jeweils doppelt, einmal als Adverb und einmal als Konjunktion. seitdem bedeutet in beiden Fällen „seit dem Zeitpunkt, seit damals“.

spitzkriegen: Das umgangssprachliche Verb mit der Bedeutung „ergründen, erfahren“ wird zusammengeschrieben: Hast du das auch spitzgekriegt? Ich kriege das schon noch spitz! Das Verb ist unfest, seine Bestandteile können im Satz die Reihenfolge tauschen und weit auseinandergeraten. Bei Präfixverben, deren Verbzusatz ein ehemaliges Substantiv ist, müssen wir aufpassen. In Getrenntstellung wird das Substantiv nicht reanimiert: Er kann lange kopfstehen, er steht lange kopf – und nicht etwa „Kopf“. Einmal Präfix, immer Präfix. Steht im Infinitiv aber ein Substantiv, bleibt es beim Substantiv: Er will Rad fahren, er fährt Rad. Eigenartigerweise spricht man dem Eis die Substantivierung ab: Sie möchte eislaufen, sie läuft eis.

Verbindungen aus ernst und einem Verb werden getrennt geschrieben: Diese Verletzung müssen wir ernst nehmen; das habe ich doch nicht ernst gemeint. Verbindungen aus ernst und einem Partizip sollen getrennt, dürfen aber auch zusammengeschrieben werden: ein ernst zu nehmender oder ernstzunehmender Vorschlag. Das Adjektiv ernst wird selbstverständlich kleingeschrieben (die Lage wird ernst; sie nimmt ihn nicht ernst), das Substantiv Ernst dementsprechend groß: Ernst machen; es ist mir Ernst damit; Scherz für Ernst nehmen; etwas im Ernst sagen.

Peter Schmachthagen schreibt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache
Peter Schmachthagen schreibt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache © Klaus Bodig

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