Deutschstunde

In Berlin einen neuen Flughafen zu bauen …

… kann Jahrzehnte dauern, aber seine Start-und-Lande-Bahn wenigstens richtig zu schreiben, sollte doch möglich sein. Die Deutschstunde.

Berlin. Gleich vorweg der Hinweis: Wir reden im Folgenden nicht vom Flugplatz Tempelhof, über den langsam das Gras der Erinnerung an die Rosinenbomber wächst, und wir meinen auch nicht den nach wie vor nicht funktionierenden „Hauptstadtflughafen“ BER, dessen jahrelange Pannen den Ruf Deutschlands als ein Land der Baumeister und Techniker nachhaltig beschädigt haben. Wenn wir also einen Blick auf die Pisten werfen, auf denen Flugzeuge starten und landen bzw. irgendwann starten und landen sollen, dann geht es hier ausschließlich um die Schreibweise der Aneinanderreihung Start-und-Lande-Bahn oder – genauer gesagt – um die Frage, wie viele Bindestriche diese Fügung aufweisen muss. Ich hatte vor einer Woche an dieser Stelle eher nebenbei bemerkt, dass es korrekterweise drei Bindestriche sein müssten. Seitdem rumort es in meinem Postfach.

Halb Berlin besteht darauf, die Start-und-Lande-Bahn als „Start- und Landebahn“ mit nur einem Strich zu schreiben. „Ich bin 81 Jahre alt und habe mein Lebtag nur einen Bindestrich benutzt“, klagt ein Leser. Ein anderer hat gegoogelt und meldet triumphierend: „Die Wikipedia schreibt auch Start- und Landebahn!“ Nichts gegen die Wikipedia, aber ein noch so gutes digitales Lexikon, das seine Leser selbst füllen dürfen, ist nicht unbedingt ausschlaggebend für die Feinheiten der Orthografie.

Im Übrigen handelte sich, würde die Start-und-Lande-Bahn wie „Start- und Landebahn“ geschrieben werden, bei dem Strich gar nicht um einen Bindestrich, sondern um einen Ergänzungsstrich. Hier würde nichts angebunden, sondern etwas ausgelassen, nämlich die Wiederholung des Stamms -bahn von der Vollform „Startbahn und Landebahn“. Das ist wie bei den Fügungen „Feld- und Gartenfrüchte“ oder „Hin- und Rückfahrt“. Das Wesentliche beim Ergänzungsstrich: Wir haben es stets mit zwei (oder mehr) verschiedenen Bezeichnungen zu tun. Gartenfrüchte sind etwas anderes als Feldfrüchte, und die Hinfahrt ist nicht die Rückfahrt.

Nach diesen Aufwärmübungen kommen wir nun zu des Dudens Kern. Bei der Start-und-Lande-Bahn handelt es sich lediglich um eine (!) Bahn (Piste), auf der sowohl gestartet als auch gelandet wird (natürlich nicht zeitgleich, sondern hintereinander). Alle Wörter einer Aneinanderreihung, die vor dem Bezugswort stehen und sich auf das Bezugswort („Bahn“) beziehen, müssen mit Bindestrichen angekoppelt werden. Das gilt für lange Fügungen wie Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität wie für kurze Komposita wie Glatteis-Unfall und eben für die Piste am Flughafen, mag sie zurzeit auch leer wie auf der BER-Baustelle oder überlastet wie in Tegel sein. Die Bestimmungswörter „Start“ und „Landung“ bestimmen die Bedeutung des Grundworts „Bahn“, deshalb dürfen diese drei Begriffe an keiner Stelle zusammengeschrieben werden.

Sie erinnern sich sicherlich an den Unterschied zwischen einer „Gewinn- und Verlustrechnung“ (falsch) und einer Gewinn-und-Verlust-Rechnung (richtig). Der Ausdruck muss mit Bindestrichen durchgekoppelt werden, da es sich um nur eine Rechnung handelt, in der Gewinne und Verluste einander unmittelbar gegenübergestellt werden. Die amtliche Regel (Duden D 26) lautet: „In Aneinanderreihungen und Zusammenset­zungen mit Wortgruppen setzt man Bindestriche zwischen die einzelnen Wörter. Das gilt auch, wenn Buchstaben, Ziffern oder Abkürzungen Teile der Zusammensetzung sind.“

Diese Regel ist keine „Zumutung“ der Rechtschreibform, wie ein älterer Leser meint, sondern gilt bereits seit 1901, und sie ist auch keine Schikane des Dudens, wie eine pensionierte Lehrerin aus Charlottenburg unterstellt, sondern steht seit Großvaters Zeiten als „Start-und-Lande-Bahn“ oder „Gewinn-und-Verlust-Rechnung“ nicht nur im Duden, sondern ebenfalls im Wahrig und in anderen Wörterbüchern.

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