Deutschstunde

Auch Pferde haben ein Recht auf den Bindestrich

Diesmal geht es um die weltbewegende Frage, was man den Hannoveraner Stuten orthografisch zumuten darf.

Geografische Bezeichnungen auf -isch schreibt man stets klein, während die Endung -er bei Orts- und Ländernamen selbst im adjektivischen Gebrauch konsequent zur Großschreibung führt. Man kann von einer berlinischen Mundart sprechen und am Anfang ein kleines b benutzen, aber man kann auch – ohne die Bedeutung und die attributive Satzstellung im Geringsten zu verändern – die Berliner Mundart verspotten (jedenfalls außerhalb Berlins) und findet plötzlich ein großes B am Beginn des Wortes. Trotz des großen Anfangsbuchstabens haben wir es mit einem Adjektiv zu tun, und zwar mit einem indeklinablen: Sie können es durch die Kasus und Numeri jagen, Berliner bleibt immer Berliner, hinten ändert sich nichts.

Natürlich kann der Berliner auch ein Substantiv sein und seinerseits ein Attribut binden. Dann handelt es sich entweder um einen Menschen aus Fleisch und Blut, der in der deutschen Hauptstadt lebt, oder um eine in Schmalz gebackene Teigkugel, die außen mit Zucker bestreut und innen mit Marmelade (zu Silvester auch gemeinerweise mit Senf) gefüllt ist. Diese Backware heißt in ganz Deutschland Berliner, nur in Berlin heißt der Berliner gar nicht Berliner, sondern Pfannkuchen.

Schwierig wird es, wenn der Ortsname in der Grundform bereits auf -er endet, etwa bei Hannover, Salzgitter, Jever oder Münster. Falls wir die geschilderte Wortbildung beibehielten, würde das zur Endung „-erer“ führen, die gestottert klingen könnte: der „Hannoverer“ Klüngel? Das ist ungebräuchlich. Deshalb behilft man sich, indem man die Endung zu -aner erweitert: der Hannoveraner Klüngel.

Wer oder was ist nun ein Hannoveraner? Dabei gilt es genau zu unterscheiden: Das Wort „Hannoveraner“ bezeichnet zum Ersten ein indeklinables Adjektiv, als Substantiv aber die Einwohnerbezeichnung für die Stadt, die Landschaft und das ehemalige Königreich Hannover sowie – nun kommt’s! – ein „starkes, großes, meist braunes Warmblutpferd“ (laut Universalwörterbuch). Der Hannoveraner (mit vier Beinen) ist ein typisches modernes Sportpferd im Rechteckformat (länger als hoch) bei einem Stockmaß um 165 Zentimeter, meldet Google, wobei ein Kommandeurspferd (um Leute mit gewichtigen Titeln und Bäuchen zu tragen) großrahmiger sein darf.

Doch was hat das alles in der „Deutschstunde“ zu suchen? Vor einigen Tagen hatte ich die Korrektorin eines fremden Verlages am Telefon, die gerade ein Pferdemagazin redigierte und vor der entscheidenden Frage stand, ob es Hannoveraner-Stute (mit Bindestrich) oder Hannoveraner Stute (ohne Bindestrich) heißen müsse. Sie fühlte sich weder vom Duden noch von der Wikipedia ausreichend informiert.

Ich geriet erst einmal in ein tiefes Grübeln, wohl wissend, dass ich mit jeder Antwort eine Sprachkolumne zur Sprachglosse machen würde. Eine Hannoveraner-Stute mit Bindestrich ist eine Stute der Hannoveraner-Rasse, die aber gar nicht in Niedersachsen stehen muss, sondern überall in der Welt zu finden sein kann. Eine Hannoveraner Stute ohne Bindestrich ist eine Stute, die nicht unbedingt in der Stadt Hannover, aber irgendwo zwischen Celle und Verden ihren Hafer frisst, wobei es sich jedoch nicht um eine Stute der Rasse der Hannoveraner, sondern eventuell auch um eine Pony-, Esel- oder Bierwagen-Stute handeln könnte. Ein Hannoveraner-Gestüt züchtet irgendwo in der Welt Hannoveraner, ein Hannoveraner Gestüt ist jedoch offen für jede Rasse, die sich reiten lässt, liegt aber in Hannover.

Ich fragte meine Gesprächspartnerin, ob sie Holsteiner Stute auch koppeln würde. Schließlich sind die Holsteiner auch eine bekannte Pferderasse, wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie ebenfalls Rechteckformat haben. Ich bin jedoch ziemlich sicher, dass die Holsteiner Stuten zwischen Immenhof und Pulvermanns Grab nicht von Bindestrichen bestiegen werden.

Kontakt: deutschstunde@t-online.de

Mehr von Peter Schmachthagen:

Wenn der Kranke sich die Krankheit nur einbildet

Im Plural sind die Pfründen noch begehrter

Von Roten Beten bis zu Roten Johannisbeeren

Opa wollte nur einmal kurz Hallo sagen