Der Sensenmann ist im 19. Jahrhundert den Menschen vertrauter als heute. Warum? Weil der Tod so oft in den Familien zuschlägt. „Meinem lieben Großpapa“, steht mit wunderschön geschwungener Kinderschrift auf einer selbst gebastelten Karte von 1873, „zum heutigen Geburtstage von seinem Enkel Ernst.“ Es folgt ein kleines Gedicht. „In des Enkels treuen Herzen/ Welken nimmer Lieb und Dankbarkeit.“ Poesiealbumslyrik, geschrieben für den Erfinder der Litfaßsäule: Ernst Litfaß.
Die Geburtstagskarte ist kostbar, denn viele Enkel hat Ernst Litfaß nicht mehr. In den Häusern seiner beiden inzwischen verheirateten Töchtern geht der Tod ein und aus. Zuerst nimmt er 1866 Enkelkind Eleonore zu sich. 1869 sterben kurz hintereinander zwei Säuglinge – die Enkelkinder Joan und Ernst. Beide werden kein Jahr alt. Nur ein Jahr später liegt Enkel Max unter der Erde, 1872 folgt ihm Enkelin Julie. Und als sei das Drama nicht groß genug, ereilt 1873 auch noch den Schwiegersohn der Tod. Nun ist die jüngste Tochter Witwe. Fast zeitgleich wird Ernst Litfaß selbst Witwer – seine Ehefrau Alexandrine Emilie stirbt im April 1873. Das abrupte Ende einer 33jährigen Ehe. Wie steckt ein Mann so viel schweres Schicksal weg?
Geschäftsmann mit gutem Riecher
Lange Zeit schien Ernst Litfaß vom Glück begünstigt. Er hat, was man als Geschäftsmann braucht – einen guten Riecher. Er ist neugierig und aufgeschlossen. Und er spürt den Puls der Zeit. Im 19. Jahrhundert schlägt der Puls von Jahr zu Jahr schneller – es ist das Jahrhundert der Modernisierung. 1816 wird Litfaß in Berlin geboren, 1845 übernimmt er die Druckerei von seinem Stiefvater. Als erstes investiert er. Er schafft eine moderne dampfbetriebene Schnellpresse an. Und entdeckt einen ganz neuen Markt für Druckerzeugnisse: die Unterhaltung. Litfaß druckt die Besetzungszettel für die vielen neuen, kleinen und großen Theater, die wie Pilze in Berlin aus dem Boden schießen. Das bürgerliche Publikum will unterhalten werden, so wie früher der Adel. Immer neue Lokale und Kleinbühnen werben in der Stadt für gutes Amüsement; um Aufmerksamkeit zu erhaschen, braucht man Werbung. Und die liefert Litfaß.
Bald will das selbstbewusste Bürgertum nicht nur Unterhaltung, es will auch politische Macht. Bei der 1848er Revolution ist Litfaß in Berlin vorn dabei, druckt Flugblätter und Pamphlete. Er plakatiert „Eine neue Adelsverschwörung“, druckt die Namen der Märzgefallenen als Flugblatt. Die meiste Aufmerksamkeit erreicht er mit seiner Satire-Zeitung „Berliner Krakehler“. Das Motto: „Der „Berliner Krakehler“ erscheint gar nicht, sondern ist immer vergriffen und vergreift sich wöchentlich ein bis zweimal. Die Tendenz des Krakehlers ist einzig und allein der Krakehl.“ Hier wird jeder und alles auf die Schippe genommen. Die 1848er Revolution? Der „Krakehler“ fasst sie in wenigen Worten zusammen: „In Frankfurt Kanonenschießen, bum, bum, bum. In Wien Glockengeläute, bam, bam, bam. In Leipzig Trompetengeschmetter, Trengterengtereng! In Dresden Kehlengejauchze, juch, juch, juch! Und allenthalben in ganz Deutschland Mützengefliege und Rückengebücke und Schwanzgewedele und Speichelgelecke. Juch! Juch! Juch!“
Verbot des „Berliner Krakehlers“
Doch die „Märzrevolution“ schafft es kaum ins nächste Jahr, im April 1849 lehnt der preußische König die von den Demokraten angebotene Kaiserkrone dankend ab. Der „Berliner Krakehler“ wird verboten. Litfaß zieht sich aus der Welt der Politik zurück und wendet sich wieder der reinen Unterhaltung zu. Eine typische Karriere dieser Zeit – auch der Leipziger Ernst Keil, der für seine 48er Überzeugungen neun Monate im Gefängnis saß, macht nach seiner Entlassung eine Kehrtwende ins Unpolitische und gründet „Die Gartenlaube. Illustrirtes Familienblatt“. Es wird die erfolgreichste Zeitschrift des 19. Jahrhunderts.
Geliebt von Frauen wegen seiner lebendig erzählten Liebesromane, die als Fortsetzung abgedruckt werden. Ob Keil oder Litfaß, beide sind Wegbegleiter beim Rückzug des Bürgertums ins Private. Es sind unterhaltsame Wegbegleiter, die dafür sorgen, dass es den Ex-Revolutionären danach in den eigenen vier Wänden nicht allzu langweilig wird. Die Zeit des Biedermeier ist endgültig vorbei, so öde soll es nie wieder werden.
Alles muss plötzlich riesig sein
Nun wird er experimentierfreudig – Litfaß probiert neue Plakatformate aus. Alles muss jetzt riesig sein, „Monsterplakate“. Die Berliner staunen, das gefällt ihnen. Eine Attraktion. Er kommt auf die Idee, Vordrucke für Behörden zu fertigen, die den Gang zum Notar ersparen. Entwirft erste Touristenführer für die Stadt, druckt „Übersichtspläne“ – „Willkommen in Berlin und Potsdam“ oder „Übersichtsplan der Plätze im Opernhaus“. Frühe Dienstleistung. Ende 1853 sucht Litfaß nach neuen Ideen. Was tun? Er reist nach Paris. Was für eine Metropole, da macht der Berliner Drucker große Augen. „Wir hatten meistentheils das Gefühl von Kleinstädtern“, wird er im Rückblick schreiben. Die Dekoration der Schaufenster, die Beleuchtung der Boulevards; Litfaß ist entzückt. „Die Schaufenster in Paris verhalten sich zu den hiesigen, wie die Leipziger Messe zu dem Jahrmarkt zu Friesack.“ Nun weiß er – sein geliebtes Berlin hängt hinterher.
Tatsächlich ist die preußische Stadt um 1855 in keinem guten Zustand. Noch gibt es kein fließendes Wasser, in den Straßen hängt der Gestank, weil der Unrat in den Rinnsteinen nicht richtig abfließt. Und die Hauswände? Voller wilder Klebereien. Schichten von Anschlägen, Plakaten, Zetteln, Werbungen sind übereinander gekleistert. Im Sommer 1854 schlägt Litfaß deshalb dem Berliner Polizeipräsidenten eine „Anschlagsäule“ vor – die spätere Litfaßsäule. Die hat er sich aus Paris abgeguckt. Und Litfaß will das Monopol für die Säulen, 150 Stück sind in der Stadt geplant. Dem obersten Polizisten gefällt die Idee, ist doch eine Säule viel besser kontrollierbar als eine wilde Zettelwüste. Denn ohne Genehmigung, Stempel und saftiger Gebühr darf nichts an der Säule angeschlagen werden. „Um den öffentlichen Zettel-Anschlag einer Regelung zu unterwerfen“, beginnt der Vertragstext, dürfe Ernst Litfaß „massive Säulen“ an „belebten Straßen der Stadt“ aufstellen. Im Juli 1855 wird die erste Säule feierlich eingeweiht – ein kleines Event. Litfaß hat seine Säule mit einer Medienkampagne vorher geschickt populär gemacht. Das war notwendig, denn die Gegner sind anfangs zahlreich. Der Berliner Magistrat fühlt sich vom Polizeipräsidenten übergangen und ist sauer. Und bei Litfaß selbst landen täglich Protestschreiben verunsicherter Berliner. Doch einmal aufgestellt, lieben die Berliner sofort ihre Litfaßsäule. Aus dem Stadtbild ist sie bald nicht mehr wegzudenken.
„In Ehrfurcht gewidmet“
Als Patriot tut sich Litfaß nun hervor. Er organisiert „patriotische Festlichkeiten“: eine Dampferfahrt, mit einem „reich mit preußischen Fahnen bewimpelten Dampfboot“, das „Soldaten-Fest“ oder „Militär-Ehren-Bankett“. Der Krieg von 1870/71 liegt schon in der Luft, Litfaß kauft massenweise Lotterie-Lose zur „Unterstützung preußischer Krieger und deren zurückgebliebenen Familien“. Außerdem schreibt er Hymnen auf die Herrscher, die er in seiner Druckerei vervielfältigt: „Seiner glorreichen Majestät dem König Wilhelm von Preussen zu Allerhöchstseinem Wiegen-Fest am 22. März 1869 in tiefster Ehrfurcht gewidmet von Ernst Litfass“. Doch richtig eng wird sein Kontakt mit dem Hof nie. Vielleicht steht ihm die 48er-Vergangenheit im Wege.
Privat läuft es anfangs auch. Ein kleiner Litfaß-Clan erblüht, so wie er es sich auf der Hochzeit seiner ältesten Tochter gewünscht hatte. Natürlich schreibt er für dieses herrliche Hochzeitsfest ein Gedicht. „Die Litfass-Thüre lassen wir offen“, verspricht der Vater auf der Hochzeit, „damit jedes Jahr ein Enkelkind/ Als Zuwachs unser Haus gewinnt.“ Und das Gedicht endet: „Es lebe und blühe das bräutliche Paar/ Daneben die Litfass´sche Enkelschar“. Zwei Jahre später heiratet die jüngere Tochter. Alles scheint so hoffnungsvoll um 1860.
Den deutsch-französischen Krieg 1870/71 unterstützt er noch leidenschaftlich, druckt unentgeltlich patriotische Kriegsdepeschen und ist mit diesen Handzetteln schneller als jede Zeitung. Nur 50 Minuten braucht er für Druck und Verteilung. So erfahren die Berliner vom Sieg in Sedan und der Belagerung von Metz. 1871 feiert er sein 25jähriges Firmenjubiläum, zieht sich dann zurück. Ende 1874 begibt sich Ernst Litfaß, nun Witwer, nach Wiesbaden auf Kur. Vielleicht will er nach all den Schicksalsschlägen etwas für seine Nerven tun. Dort in Wiesbaden stirbt er mit 58 Jahren. Sein Name bleibt unvergessen.
Dank an die Dokumentensammlung der Stiftung Stadtmuseum Berlin





