Manchmal trifft man auf Archive, die liegen im Dämmerschlaf. Anders als bei großen gefragten Archiven, wo immer eine gewisse Unruhe ist, ein Kommen und Gehen von Besuchern, Aktenberge werden auf Wägelchen vorbeigefahren, irgendwo vibriert – verbotenerweise! – ein Handy, also anders als dort, ist man hier oft der einzige Gast. Aber das sagt nichts über die Qualität des Archivs aus. Womöglich wurde seine Relevanz einfach noch nicht erkannt. So ein kaum beachtetes Archiv existiert ganz zentral, unweit vom Bahnhof Friedrichstraße, beim Katholischen Militärbischof. Was lagert hier?
„Ich bin dabei, die Akten der ehemaligen Wehrmachtsseelsorge, die ich 1945 vor der damals allgemein üblichen Vernichtung gerettet habe (…), zu ordnen und auszuwerten“, schreibt Georg Werthmann im Januar 1960 – fünfzehn Jahre nach Kriegsende. Diese Akten sind ein Grundstock des Archivs, und weil besagter Werthmann die Akten damals auseinandergenommen und nach eigenem Gutdünken thematisch neu zusammengestellt hat, heißt der Bestand heute „Sammlung Werthmann“. Und diese Sammlung ist von Forschern noch erstaunlich unaufgearbeitet.
Bekenntnis zum NS-Militär
Worum geht es? Um katholische Soldatenpriester. Das waren Priester in Wehrmachtsuniform, die sich für die Seelsorge der Truppe berufen fühlten. Mit ihrem Bekenntnis zum NS-Militär sind sie klar zu unterscheiden von den über zehntausend katholischen Priestern, die oft gegen ihren Willen eingezogen wurden und die – weil sie den Dienst an der Waffe verweigerten – in Lazaretten arbeiten mussten. Die Wehrmachtspfarrer – ob katholisch oder evangelisch – waren dagegen im Apparat der Wehrmacht eingebunden, sie trugen den Rang eines Offiziers. Rund einhundert verbeamtete Wehrmachtspriester gab es 1939 bei den Katholiken, dazu 300 „Kriegspfarrer auf Kriegsdauer“. Später werden es mehr. Ähnlich sehen die Zahlen für die evangelische Kirche aus. Und Georg Werthmann? Der war damals der starke zweite Mann hinter dem katholischen Feldbischof Rarkowski. Sein Titel: Feldgeneralvikar der Wehrmacht. Klingt militärisch zackig.
Werthmann hatte selbst als Soldat im I. Weltkrieg gekämpft, war national eingestellt. Soldatisch Denken und katholisch Sein war für ihn kein Widerspruch. „Wir wollen dienen! Glaubenskraft als Quelle unserer Wehrkraft“, heißt seine Broschüre von 1935, die für 40 Pfennig zu kaufen ist. Später kommen die Textheftchen „Soldatenfrömmigkeit“, „Soldatentugend“ und „Soldatenehre“ dazu. Sie erscheinen 1940, im Jahr des Westfeldzugs.
Ein Wehrmachtspfarrer soll die Moral in der Truppe hochhalten. Wie existentiell die Moralfrage ist, lässt die Predigt des Wehrmachtspfarrers Joseph Ferstl erahnen, die er am Ende des Polenfeldzugs hält. Mit dem Überfall auf Polen 1939 beginnen auch die Verbrechen der Wehrmacht. „Als Christen sagen wir: Jawohl, es ist schwer, vieles sehr schwer, aber wir schauen diesem Schweren ins Auge und fügen hinzu: Es hat einen tiefen Sinn und Zweck, auch wenn ich ihn momentan nicht erkenne. Es kommt nichts von ungefähr, von Gottes Hand kommt alles her. Und wir sagen Ja zu allem, was von uns gefordert wird, weil es trotz allem der Wille Gottes ist.“ Die Predigt liest sich wie eine Art göttlicher Freibrief für das Gräuel. Und sie endet: „Ich bin bereit zum Opfer, mag kommen, was da will.“ Abgedruckt wird der Predigttext zwei Jahre später, 1941, im Passauer Bistumsblatt. Zu diesem Zeitpunkt ist der Prediger schon tot; der Wehrmachtspfarrer Joseph Ferstl fällt 1940 „durch Bombensplitter“.
Dieser Tod geht ihm besonders nahe
Seinem Vorgesetzten in Berlin, dem Feldgeneralvikar Werthmann, geht dieser Tod besonders nahe. „Joseph Ferstl war mir nicht nur ein lieber Mitbruder, sondern der beste Freund“, schreibt der unmittelbar nach Kriegsende. Die beiden kannten sich gut. Ferstl arbeitete eine Weile als Wehrmachtspfarrer in Berlin, war zuständig für den Berliner Süden, Döberitz, Stahnsdorf und Strausberg. Zusammen hält man Messen in der Heeresbasilika, der heutigen St. Johannes Basilika am Südstern. „Ferstl fürchtete sich vor nichts und sprach von seinem Sterben so ruhig und froh, wie von irgend einem Feste, zu dem man sich rüstet. Als er den Polenfeldzug hinter sich hatte, waren noch stärker als vorher Todesahnungen als schmerzliche Spuren überstandener Gefahren in seiner empfindlichen Seele zurückgeblieben. Und dann kam alles so, wie er vorausgesehen hatte.“
Ein Militärseelsorger, der keine Angst vor dem Tod hat. Das macht bei den Soldaten Eindruck. „In den Lazaretten noch sprachen, ja schwärmten die Verwundeten in ihren wilden Fiebern von ,ihrem’ Divisionspfarrer.“ In vierzehn verschiedenen Fragmenten, die alle erhalten geblieben sind, versucht Werthmann einen Nachruf auf seinen Freund Ferstl; alle getippt auf kariertem Papier und mit Datum versehen: 26. Mai 1945, 1. Juni 1945, 27. Juni 45, 12. Juli 45. Der letzte Bombenhagel ist nur wenige Wochen her, und Werthmann macht sich schon an die Aufarbeitung der NS-Zeit. Er will ein Buch über die „Geschichte der Feldseelsorge“ schreiben. Wo? Im sicheren Bayern, denn aus der Reichshauptstadt hat er sich abgesetzt – „wenn auch mein Herz komischerweise noch sehr stark an dem Trümmerhaufen Berlin hängt.“
Was ist aus den Briefen geworden?
In seinen kleinen Nachrufen schwärmt Werthmann von den Briefen, die Ferstl ihm damals im Krieg geschickt habe. „Wer seine Briefe liest, die er aus dem Felde in die Heimat schrieb, wird aus der Trauer um den Toten eine stille Ahnung um das Geheimnis dieses wertvollen Lebens in sich aufsteigen fühlen.“ Was war an den Briefen so faszinierend? Wohl sein Ringen um Moral. „Still und gelassen sah Ferstl alles Wirkliche an, auch die Sudelflecke und die Schlammvulkane, die Gottes Welt verunstalten. (…) Er grübelte über das Geheimnis des Leides und der Vorbestimmung nach und konnte tiefste Gedanken, die ihm dabei zufielen, in einfachen Briefen niederschreiben.“ Doch in der Ferstl-Mappe, die Werthmann viel später für sein Buch zusammenstellt (das übrigens nie erschien!), ist nur ein einziger Brief von Ferstl erhalten – aus dem Frühjahr 1940. Und der dreht sich eher belanglos um die Soldatenbeteiligung bei Messen.
Wohin sind die anderen Briefe verschwunden? Ferstls Briefe vom Polenfeldzug, die von der Westfront? Im Sommer 1945 scheinen sie ja noch existiert zu haben. Hat sie Werthmann vielleicht entsorgt, weil dort zu viel Belastendes für die Militärseelsorge drin stand? Eine Spekulation, aber nicht unrealistisch. Womöglich will Werthmann nicht das eigene Nest beschmutzen. Obwohl er Anfang 1945 in der zerbombten Reichshauptstadt noch zum Feldbischof ernannt wird, macht er später in der Bundesrepublik Karriere. Wird ab 1956 der erste Militärgeneralvikar der Bundeswehr, schreibt nun Broschüren wie „Die Parole. Weihnachtsgaben für die katholischen Soldaten der Bundeswehr“ oder „Leitlinien“.
Ob NS-Zeit oder Demokratie, er sieht sich in einer kontinuierlichen Tradition der christlichen Soldatenseelsorge. Wie viel Schmutz erträgt man da? Andererseits bezeugen mehrere Briefe nach Kriegsende seinen Willen, die Geschichte aufzuarbeiten. „Die Konsequenzen, die ich aus meiner inneren Einstellung zog, waren eindeutig: Ich evakuierte ab September 1939 alles aus Berlin an Dokumenten und Akten über Militärseelsorge, was mir wichtig erschien, um später einmal nach dem Zusammenbruch, der ja kommen musste, diese Dinge zur Verfügung zu haben“, schreibt er 1959.
Manchmal ist ein Archiv wie ein Krimi. Es lohnt sich, zu forschen.
Dank an das Archiv des Katholischen Militärbischofs


