Ein Buch wird zum Welterfolg, millionenfach verkauft. Und was folgt dann? Klar, der Film zum Buch. So ist es heute, so war es schon vor neunzig Jahren. Der Bestseller „Im Westen nichts Neues“ ist noch nicht mal ein Jahr raus, da schließt der Filmproduzent Carl Laemmle im Sommer 1929 einen Vertrag mit Remarque über die Filmrechte. Universal will das Kriegsepos verfilmen, es geht sofort los. Drüben in den Studios von Hollywood wird eine deutsche Kasernenlandschaft nachgestellt. Dem Produzenten Laemmle ist diese Welt vertraut. Geboren 1867 in Oberschwaben als Sohn eines jüdischen Viehhändlers, wandert er mit 17 Jahren auf eigene Faust nach Amerika aus, kauft später bei Los Angeles eine Hühnerfarm und lässt dort das erste Studio entstehen. Die Geburt von Hollywood – ein schwäbischer Geniestreich!

Laemmle hat eine Nase für gute Stoffe, er weiß, wovon die Leute im Kino träumen wollen, was die Herzen bewegt. Der Film „Im Westen nichts Neues“ ist ihm ein echtes Anliegen. In Berlin ist man allerdings besorgt. Ausgerechnet die Amis wollen dieses umstrittene Buch verfilmen, um das so hitzige Debatten toben! Der deutsche Generalkonsul in San Francisco, der Diplomat Werner Otto von Hentig – Vater des späteren linken Pädagogen Hartmut von Hentig – wird deshalb vom Auswärtigen Amt auf Laemmles Filmproduktion angesetzt. Er soll den „Herren von Universal“ eine „hilfreiche Hand“ bieten. Und darauf achten, dass die Sache nicht aus dem Ruder läuft, sprich: nicht allzu anti-deutsch gerät.

In Berlin ist man besorgt

Schon am 27. Dezember 1929 erstattet von Hentig einen ersten Bericht an den deutschen Botschafter in Washington D.C., und was er schreibt, löst Besorgnis aus in Berlin. „Ihre Befürchtung wegen des Films ‚Im Westen nichts Neues‘ scheinen mir sehr begründet. Soweit ich die Sache übersehe, bietet der Film wieder einer Unzahl verkrachter oder verkrachender kleiner Existenzen die Gelegenheit, eine Rolle zu spielen.“ Von einem Ex-Verkäufer in einem Delikatessengeschäft ist die Rede, einem deutschen Auswanderer, der sich selbst mit einem „von“ geadelt habe und behaupte, er sei im I. Weltkrieg „Leutnant im Generalstab“ gewesen. Der soll nun technischer Leiter beim Film sein. Und ein stellenloser deutscher Journalist wird Komparse. „Selbstverständlich ist er auch niemals Soldat gewesen, noch besitzt er irgendeine Vorstellung von den wahren Vorgängen im Felde.“

Hentig macht sich Sorgen, aber noch hat er nichts gesehen. Wie soll er nur ins Studio kommen? Zum Glück interessiert Laemmle von Hentigs Meinung. Vielleicht will er tatsächlich hören, was man offiziell denkt. Und sicherlich will er auch keinen anti-deutschen Film machen, der Krieg ist vorbei. Also lädt er Mitte Februar zu einer Vorführung ein. Drei Stunden Material kriegt von Hentig zu sehen, großenteils noch ungeschnitten. Der Diplomat ist von vielen Szenen beeindruckt – aber auch verärgert von platten Stereotypen. „Der Amerikaner ist der edle, glattrasierte ‚smarte‘ Mann, der in allen Schwierigkeiten eine praktische Lösung weiss und vor Humanität trieft. Der Deutsche schnauzt, wenn er Uniform anhat, macht abrupt übertriebene Bewegungen, trägt Brillengläser und einen Stoppelbart, isst Sauerkraut, trinkt Bier und zeigt in seinem ganzen Wesen eine auf die Dauer unleidlich wirkende Schwere.“

Geistreich, elegant, humorvoll? Das kann der Deutsche nicht. Nicht in Hollywood. Der Unteroffizier Himmelstoss, der kleine, devot freundliche Briefträger, der im Roman zum Kasernenhofschinder mutiert, wird zu einer zentralen Filmfigur. Gerade an ihm stört sich von Hentig. Er empfindet ihn als unerträgliche Überspitzung, als Karikatur. „Himmelstoss erscheint zunächst als der begeisterte Patriot und mützenschwenkende betuliche Briefträger. Im Augenblick, wo er die Uniform anlegt, ändert sich seine ganze Haltung und sein Wesen. Er wird nicht nur Militarist, sondern Sadist.“ So schlicht und schrecklich sei der Deutsche nicht.

Kleinlicher Nationalismus

Laemmle, der ahnt, was für einen wichtigen, starken Film er produziert hat, beginnt, sich über von Hentig lustig zu machen. „Der Junker“ wird der Diplomat hinter vorgehaltener Hand nur noch genannt. Die verfilmte Geschichte sei größer als ein kleinlicher Nationalismus. Sie betreffe alle Soldaten, ob sie nun in deutschen, französischen, englischen oder amerikanischen Schützengräben gelegen hätte. Das müsse er, von Hentig, doch verstehen.

Im April 1930 antwortet von Hentig mit einem Brief, der geradezu prophetisch wirkt und weiterdenkt, was in Deutschland längst zu spüren ist. Die NSDAP wird bei der nächsten Wahl im September 1930 beachtliche 18,3 Prozent erringen und zweitstärkste Partei nach der SPD werden. Von Hentig, der ein letztes Mal erklären will, warum er als Deutscher so empfindlich auf die Darstellung des Schleifers Himmelstoss reagiere, schreibt an den Juden Laemmle: „Darf ich Ihnen meine Stellung an einem Beispiel klarmachen? Es gibt hochkultivierte, feinsinnige und ausserordentlich edeldenkende Juden, es gibt tüchtige, ehrbare Kaufleute, geschickte und künstlerisch veranlagte Handwerker unter ihnen usw.. Wenn Sie nun ein Buch verfilmen sollten, das Zeugnis ablegt von dem Denken und Fühlen des jüdischen Volkes während einer bestimmten weltgeschichtlichen Epoche und Sie würden von den verschiedenen Personen des Buches, die, wenn ich bei dem Vergleich bleiben soll, allerdings nur zum kleinen Teil schmeichelhafte Vertreter der Rasse sind, gerade einen ganz seltenen, besonders schlimmen und rohen Verbrechertyp herausarbeiten, so würden Sie, auch wenn Sie sich ganz an das Buch gehalten haben sollten, wenig Dank bei all den Juden finden, die mit Recht auf ihre Rasse und deren typische Vorzüge stolz sind.“

Nur noch drei Jahre sind es bis zum ersten großen Boykott jüdischer Geschäfte, Arztpraxen und Anwälte in NS-Deutschland. Und später dessen antisemitische Propagandafilme wie „Jud Süß“ oder „Der ewige Jude“ werden exakt so verfahren, wie es von Hentig in seinem Brief voraussieht.

Viele Kinos verzichten auf die Vorführung

Am Ende aber ist von Hentig mit dem fertigen Werk zufrieden. Man könne den Film weder als „kriegshetzerisch, noch als uns besonders feindlich“ bezeichnen, urteilt er aus den USA. Erzählt werde die Geschichte aller Nationen aus der Perspektive eines jungen Deutschen. Laemmle lässt für Deutschland eine eigene Version des Filmes herstellen, die Rücksichten nimmt. Doch in Berlin findet so eine gelassene Stimme längst kein Gehör mehr, der Aufruhr ist schon vor der Premiere groß. Die „Rechtspresse“ liefe „Sturm gegen den Bilderstreifen“, schreibt die Vossische Zeitung im 5. Dezember 1930. 113 Kinos verzichten aus Angst vor Randale „freiwillig“ auf die Vorführung. Es liegt was in der Luft.

Noch am selben Abend kommt es in der 19-Uhr-Vorstellung im „Mozartsaal“ – dem heutigen Metropol – zum Eklat. Goebbels hat sich mit seinem Sturmtrupp in die Vorstellung am Nollendorfplatz geschlichen. Kaum hat der Film begonnen, lassen sie Stinkbomben platzen, lassen weiße Mäuse im Parkett frei, skandieren „Juden raus“ und „Deutschland erwache“. Die Vorstellung wird abgebrochen.

Am 12. Dezember 1930 verbietet die Filmoberprüfstelle alle weiteren Vorführungen von „Im Westen nichts Neues“. Der Film „gefährde das deutsche Ansehen“ und „verletze das deutsche Gefühl“. Die junge deutsche Demokratie der Weimarer Republik knickt vor dem rechten Mob auf der Straße ein. Schon damals warnen viele Kommentatoren: Das ist der Anfang vom Ende. Sie sollen recht behalten.

Dank an das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes