Deutschstunde

Kleine Merkhilfe: Was der Müller dem Maler voraus hat

Nämlich ein „h“ in mahlen. Viele Redensarten sind nicht nur betagt, sondern schreiben sich auch dementsprechend.

Foto: Federico Gambarini / dpa

Die Dur-Tonarten werden mit großen, die Moll-Tonarten jedoch mit kleinen Buchstaben bezeichnet: A-Dur, a-Moll, A-Dur-Tonleiter, a-Moll-Tonleiter. Eine Sonate in A ist eine Dur-Sonate, eine Sonate in a jedoch ein Stück in Moll. Diese Schreibweise nimmt Bezug auf die erste Terz über dem Grundton, die in Dur eine große und in Moll eine kleine ist.

Bis ins 20. Jahrhundert behandelte man „dur“ und „moll“ als nachgestellte Adjektive gemäß dem lateinischen Ursprung durus (hart) und mollis (weich) und schrieb klein. Heute werden die Namen Dur und Moll für die Tongeschlechter als Substantive angesehen und großgeschrieben, die Bezeichnung für die Tonarten jedoch weich oder hart unterschiedlich klein oder groß.

Die Personalabteilung einer Firma lud den Nachwuchs der Mitarbeiter zum Besuch bei Mama oder Papa im Büro ein und erklärte, dass die Anmeldungen in der Reihenfolge des Eingangs behandelt würden. An dieser Stelle macht sich ein altes deutsches Sprichwort immer gut. Wir lasen: „Wer zuerst kommt, malt zuerst.“

Obwohl es zu Zeiten des Baubooms so gut wie unmöglich ist, auch nur einen einzigen Malermeister privat zu beauftragen, müssen die Autor innen des Rundschreibens von der irrigen Vorstellung ausgegangen sein, sämtliche Maler der Region würden sich einen Wettlauf liefern, um als Erster die Fassade des Hauses streichen zu dürfen.

Doch hier geht es nicht um das Verb malen (mit Farbe streichen), sondern um das Verb mahlen (zerkleinern, fein zerreiben), und das schreibt man mit „h“. Kleine Merkhilfe: mahlen hat etwas mit der Mühle zu tun. Der Müller mahlt, aber der Maler malt. Das Mehl wird gemahlen, das Bild wird jedoch gemalt. Also bedeutet der mittelalterliche Rechtsgrundsatz „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, dass derjenige, der zuerst da ist, ein Vorrecht gegenüber dem später Kommenden besitzt.

Wer sein Getreide als Erster in der Mühle abliefert, hat ein Anrecht darauf, dass es auch zuerst gemahlen wird. In Eike von Repgows „Sachsenspiegel“ (um 1224) steht, vom Lateinischen ins Mittelniederdeutsche übertragen: „Die ok irst to der molen kumt, die sal erst malen“ (hier noch ohne h). Der Zeitvorsprung war maßgebend für die Reihenfolge. Privilegien wurden dadurch ausgeschlossen. Selbst der Gutsherr durfte sich nicht vordrängeln.

Viele alte Redensarten haben die Jahrhunderte überdauert. Was in die Binsen geht, ist zunichte. Diese Wendung stammt aus der Jägersprache und bezieht sich darauf, dass eine abgeschossene Wildente, die in die Binsen (in das Schilf) fällt, vom Jagdhund nicht apportiert werden kann. Sie ist verloren wie im übertragenen Sinne etwa unsere Ersparnis nach der Finanzkrise.

Mit der Jagd hat auch die Wendung durch die Lappen gehen zu tun (jemandem entwischen). Bei der Treibjagd spannte man früher Schnüre mit bunten Stofffetzen zwischen die Bäume, um dem Wild bestimmte Fluchtrichtungen zu versperren. Das Tier, das dort trotzdem durchbrach, war eben „durch die Lappen gegangen“.

Aus dem Jagdwesen stammt auch der Begriff Schliche, der ursprünglich „Schleichwege“ bedeutete. Der Jäger musste sich mit den Wildwechseln, den Schleichwegen des Wildes, vertraut machen, um zum Schuss zu kommen. Der „Schlich“ ging als „Kniff, Trick“ in die Alltagssprache über, wobei wir jemandem auf die Schliche kommen, also jemandes unlautere Methoden durchschauen.

Wer verschüttgeht, verschwindet spurlos von der Bildfläche, taucht in seinem Umfeld plötzlich nicht mehr auf. Der Verschütt bedeutet in der Gaunersprache „die Haft“. Jemand, der verschüttgegangen ist, ist also verhaftet und im Knast zurzeit der Öffentlichkeit entzogen worden. Auch entlaufenes und vom Nachbarn eingefangenes Vieh wird verschüttet, nämlich erst einmal auf seiner Hauskoppel eingesperrt, bevor der Eigentümer es auslösen durfte.

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