Es ist wunderbar, wenn Klischees korrigiert werden. Dann macht der Job des Auslandskorrespondenten umso mehr Spaß. Die deutsche Innenpolitik genießt in unseren Redaktionen den Ruf, keine leichte Kost zu sein. Entweder wirkt sie relative öde. Politische Skandale sind relativ selten. Und wenn schon, dann geht es um schwarz beschäftigte Putzfrauen oder um eine politisch nicht ganz korrekte Einladung (siehe „Wulff-Affäre“), deren Betrag für Franzosen als lachhaft gilt. Man muss schon auf Altkanzler Schröder und seine neue südkoreanische Freundin zurückgreifen, um etwas Glamour und Tratsch in der deutschen Politik zu finden.

Sonst gilt die deutsche Politik als eher bieder. Die rhetorischen Fähigkeiten vieler Politiker sind bescheiden. Vieles ist schwierig zu erklären. Warum gibt es in Bayern eine folkloreträchtige Partei namens CSU, obwohl Angela Merkel die Vorsitzende der Christdemokraten ist? Meine Hörer, die mehrheitlich im frankofonen Afrika leben, fühlen sich vielleicht an Stämme erinnert. Und das hoch komplizierte Verfahren zur Bildung einer Koalition ist auch für den Deutschland-Korrespondenten eine Herausforderung ersten Grades.

Aber in den letzten Wochen scheint Deutschland verwandelt. Die Überraschungen häufen sich. Ich muss erklären, warum im kalten deutschen Herbst Jamaika in aller Munde ist und wer der Möchtegern-Macron namens Christian Lindner ist, der im Elysee-Palast als Schreckgespenst betrachtet wurde. Undenkbar wäre es in Frankreich sowieso, dass bürgerliche Parteien in der gleichen Regierung mit Grünen sitzen. Macron ist zugegebenermaßen seine eigene GroKo.

In Deutschland gilt alles als durchgeplant. Da das Schlimmste hierzulande immer als sicher oder wahrscheinlich gilt, wird für alle Eventualitäten gesorgt. Überraschungen werden nicht so goutiert. Aber die Deutschen scheinen doch anpassungsfähig zu sein. Die Attraktivität Südeuropas scheint sich nicht mehr auf Latte macchiato und Baguette zu beschränken. In den letzten Wochen hat die deutsche Politik eine spannende Wandlung vollzogen, selbst wenn diese die Wähler nicht immer begeistert hat. Die Bildung einer neuen Regierung hat in der Geschichte der Bundesrepu­blik nie so lange gedauert. Man fühlt sich an italienische Verhältnisse oder an die französische vierte Republik erinnert. Das größte Land Europas wird geschäftsführend regiert. Die mächtigste Frau der Welt verbringt Tage und Nächte in Verhandlungen und feilscht um Worte und Posten.

Und seit einigen Wochen nimmt das Berliner Politkarussell unheimlich Fahrt auf. Die Beschleunigung fordert ihre Opfer. Fast im Stundentakt sorgt die SPD für Schlagzeilen. Das Haltbarkeitsdatum mancher Ankündigungen ist auch eine journalistische Herausforderung. Kaum hat man ein Porträt des zukünftigen Außenministers Schulz verfasst, der Hand in Hand mit Macron Europa reformieren will, muss man über das tragische Ende einer politischen Karriere berichten. Wen soll nun der französische Präsident bei der SPD anrufen? Der Running Gag mit den Telefonaten der beiden, die Schulz so demonstrativ erwähnte, ist nun passé.


Pascal Thibaut ist französischer Korrespondent in Berlin und schreibt immer montags über das Leben zwischen der Seine und der Spree
Pascal Thibaut ist französischer Korrespondent in Berlin und schreibt immer montags über das Leben zwischen der Seine und der Spree © Amin Akhtar | Amin Akhtar

Die Talfahrt der SPD scheint keine Grenzen zu kennen. Und gleichzeitig nimmt die Unzufriedenheit an Bord des Panzerkreuzers CDU zu. Die große Steuerfrau führt das Boot durch schwieriges Fahrwasser weiter. Aber immer mehr Matrosen rebellieren. Die Göttinnendämmerung der Angela Merkel ist natürlich ein wichtiges Thema für Auslandskorrespondenten.

Die deutsche Politik ist so spannend wie lange nicht mehr. Gleichwohl erscheinen die Katastrophenkommentare, die man gelegentlich lesen kann, stark übertrieben. Die Medien- und Politblase im Berliner Regierungsviertel vermittelt zum Teil den Eindruck, dass die Wehwehchen der „Volksparteien“ Deutschland an den Rand des Abgrunds brächten. Von außen gesehen erscheinen diese Turbulenzen angesichts der Gesamtsituation des Landes als bescheiden.

Pascal Thibaut ist französischer Korrespondent in Berlin und schreibt immer montags über das Leben zwischen der Seine und der Spree

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