Die Einen gedenken ihrer Toten. Die Anderen verzehren eine Gans oder feiern den Beginn der fünften Jahreszeit. Unterschiedlicher könnte die Bedeutung des 11. Novembers in Frankreich und in Deutschland nicht sein. Das Datum ist in Frankreich seit Jahrzehnten von den Erinnerungen an den „Grande Guerre“, womit der Erste Weltkrieg gemeint ist, geprägt. Dieser Konflikt wurde vor allem auf französischem Boden geführt und kostete Millionen von Leben. Stellvertretend dafür steht die Schlacht von Verdun.

Als Grundschüler hatten wir an diesem Tag zwar schulfrei, gingen am Vormittag aber angeführt von unserem Lehrer zum „Monument aux morts“, einem Denkmal für die Gefallenen beider Weltkriege. Der Bürgermeister sprach. Die Marseillaise ertönte. Veteranen schilderten für uns einprägsam ihre Erlebnisse von der Front.

Seitdem ich in Deutschland lebe, habe ich gelernt, dass der 11. November auch hierzulande bedeutsam ist. Aber die Bräuche des Martinstags und der Start der Karnevalszeit sind fröhliche Ereignisse, die nichts mit der Schwere unseres Feiertages zu tun haben. Dafür müssen die Deutschen zwei Tage vorher, am 9. November, einen schmerzhaften Erinnerungsspagat durchführen, zwischen der Freude, die mit dem Mauerfall verbunden ist, und der Trauer um das Gedenken an die Pogrome von 1938.

Die unterschiedliche Bedeutung eines Datums ist an sich völlig normal. Jedes Land hat seine eigene Geschichte und die nationale Erinnerungskultur wird von dieser Vergangenheit geprägt. So wird es auch künftig bleiben. Dennoch wäre es schön im zusammenwachsenden Europa, wenn identitätsstiftende Personen oder Ereignisse die Völker mit einer transnationalen Erinnerungskultur prägen könnten. Wir haben einen Europatag am 9. Mai. Dieser wird aber nur von Eliten wahrgenommen und spielt für die breite Bevölkerung keine Rolle.

Frankreich und Deutschland bemühen sich seit Jahren schon, den Grundstein für eine transnationale Erinnerungskultur zu schaffen. Bücher über deutsch-französische Symbole wurden veröffentlicht. Ein gemeinsames Geschichtsbuch für den Schulunterricht wurde geschrieben, das leider wenig zum Einsatz kommt. Das letzte Beispiel haben am Freitag Emmanuel Macron und Frank-Walter Steinmeier geliefert. Die zwei Staatschefs haben ein neues deutsch-französisches Erinnerungszentrum auf der Bergkuppe Hartmannsweilerkopf in den Vogesen besucht, wo im ersten Weltkrieg 30.000 Soldaten aus beiden Ländern starben. François Hollande und Joachim Gauck hatten den Grundstein dieses gemeinsamen Projekts 2014 gelegt, anlässlich des 100. Jahrestags des Kriegsbeginns. Die Schlacht am Hartmannsweilerkopf hatte damals eine wesentlich geringere Bedeutung als die von Verdun. Aber es ist ein Ort, wo sich ausschließlich Deutsche und Franzosen bekämpften. In der Ausstellung, die von einem gemeinsamen Wissenschaftsrat erarbeitet wurde, kommen die französische und die deutsche Sicht zum Tragen. Das hatte man im neuen Informationszentrum in Verdun nicht getan. Man stelle sich solche gemeinsamen Projekte zwischen Deutschland und Polen vor. Es sieht aber im Gegensatz zum deutsch-französischen Verhältnis zur gemeinsamen Geschichte düsterer denn je zwischen Deutschland und Polen aus.

Der Hartmannsweilerkopf ist in dreifacher Hinsicht bedeutend. Dieser Ort erinnert an den ersten Weltkrieg, er ist ein starkes deutsch-französisches Symbol und darüber hinaus ein europäisches. Nun nähert sich das Jahr 2018 mit Gedenkfeiern rund um das Ende des ersten Weltkrieges. Der französische Präsident will diese Gelegenheit nutzen. In einem Jahr sollen die 80 beteiligten Nationen nach Paris eingeladen werden. Aber nicht nur das Erinnern spielt dabei eine Rolle. Macron will die Symbolik dieser Erinnerung für seine Europapläne nutzen und hofft dabei auf die Unterstützung der neuen deutschen Regierung.