„ Merkel oder Macron : Wer führt Europa?“ hieß die gestrige Ausgabe des ARD-Presseclubs. Die Frage war sicherlich zugespitzt. Dass ein einziges Land Europa führt, ist selten die Regel. Für dieses komplizierte Gebilde mit vielschichtigen nationalen Interessen ist dies weder gesund noch wünschenswert. Aber ein Stück Wahrheit steckt doch hinter dem Titel der Sendung.

Nach dem gescheiterten Referendum über die EU-Verfassung in Frankreich 2005 lieferte Paris keine neuen Impulse. Zu groß war das Trauma, von den Wählern noch einmal bestraft zu werden. Frankreich war somit vor allem mit sich selbst beschäftigt. Angela Merkel dominierte die europäische Bühne. Die Schwäche des traditionellen Partners jenseits des Rheins sorgte für ein Ungleichgewicht und nährte umso mehr die Ressentiments gegen eine deutsche Dominanz. Eine Stärke, die vor allem benutzt wurde, um Europa zu verwalten. Oder haben Sie schon von einem ehrgeizigen Reformprojekt der Kanzlerin für Europa gehört?

Nun hat sich das Blatt gewendet. In Frankreich, wo knapp die Hälfte der Wähler beim ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl Kandidaten unterstützten, die europafeindlich oder europaskeptisch waren, machte der Gewinner Emmanuel Macron einen eindeutig europafreundlichen Wahlkampf. Man erinnere sich an die Inszenierung von Jupiter – so der Spitzname des neuen Staatschefs – am Abend seiner Wahl mit der Louvre-Pyramide im Hintergrund und zu den Klängen der Europahymne. Von Europa war im Bundestagswahlkampf dagegen wenig die Rede. Der frühere EU-Parlamentspräsident Martin Schulz vergaß sein Lieblingsthema.

Seit fünf Monaten nun entfaltet Macron ein europäisches Feuerwerk. Er nutzt sein Talent für große Inszenierungen an der Pariser Sorbonne Ende September oder letzte Woche anlässlich der Frankfurter Buchmesse. Er scheucht Europa auf und liefert einen Reformvorschlag nach dem anderen. Ungeduldig hatte er seit dem Frühjahr die Wahlen in Deutschland abgewartet, wohl wissend, dass die deutsche Regierung nicht vorhatte, die Wähler mit großen EU-Reformplänen zu erschrecken. Gleich danach kam die Pariser Rede an der Sorbonne, abgestimmt mit Berlin, wie Macron dem „Spiegel” sagte. Doch Macron muss sich weiter gedulden. Die Niedersachsenwahl gestern und die mühsamen Koalitionsverhandlungen in den nächsten Wochen bremsen die Gestaltungskraft Berlins.

Politik aber ist auch Psychologie, wie Macron beweist. Innerhalb einiger Wochen hat sich Frankreichs Bild im Ausland stark zum Positiven verändert. Neben der Person des jungen Präsidenten spielen dabei sein Wille, Frankreich international wieder eine Stimme zu geben und seine Reformen zu Hause eine Rolle. Das Macron-Feuerwerk muss aber noch zeigen, dass es nicht nur für eine bunte Show sorgt, sondern auch etwas bewirkt. Am Ende werden sicherlich viele seiner Vorschläge entweder in Vergessenheit geraten oder abgespeckt umgesetzt. Aber immerhin weht ein neuer Europa-Geist.

Und Macron geht klüger als seine Vorgänger mit dem deutschen Partner um. Es wird keine Drohkulisse aufgebaut, sondern eher auf Augenhöhe gearbeitet. Angela Merkel durfte die Sorbonne-Rede vorher lesen. Und so manches, das für Deutsche schwer verdaulich ist, wurde nur gestreift. Macron weiß, dass die Europapolitik auch Innenpolitik ist, und dass er durch manche Vorschläge wie mehr Vergemeinschaftung in Europa die bevorstehenden Koalitionsverhandlungen in Berlin nur belasten und Merkels Position schwächen kann.

Aus den gleichen Gründen muss die Kanzlerin vorsichtig bleiben und Macron nicht zu laut applaudieren, um FDP und CSU nicht zu irritieren. Sie weiß aber auch, dass Macron in ihrem Land geschätzt wird und Berlin mit einem erstarkten französischen Partner in Europa den Eindruck einer deutschen Dominanz leichter widerlegen kann.