„La France s’ennuie“ (dt. „Frankreich langweilt sich“) schrieb kurz vor Mai 1968 ein bekannter französischer Kommentator. Und heute? Trotz epischer Wahlprogramme, zig Marktplatzauftritten, Talkshows und sonstiger TV-Formate fasst ein Wort den diesjährigen Wahlkampf zusammen: „Langeweile“.
Dass Angela Merkel Bundeskanzlerin bleibt, steht außer Frage. Die Umfragen liefern, abgesehen von kleinen Nuancen, seit Wochen ähnliche Zahlen. Viele Wahlplakate bieten die üblichen Slogans. Deutschland, die größte Macht Europas, gönnt sich einen Wahlkampf ohne Kanten. Die Bürger wirken zufrieden mit sich und ihrem Land, geschützt von einer Ersatz-Mutti, die ihre Kleinen vor den zahlreichen Raubtieren der übrigen Welt beschützen soll.
Aber könnte dieses Sommermärchen 2017 nicht ein brutales Ende erleben? Im Gegensatz zu 1968 in Frankreich erwarte ich hier keine Barrikaden und keine Revolution. Wir sind nun mal in Deutschland. Aber ein böses Erwachen am Wahlabend halte ich nicht für ausgeschlossen. Die Umfragewerte von CDU/CSU und SPD gehen langsam zurück. Bei den Christdemokraten sorgt man sich schon vor den Risiken einer lang angekündigten und sicheren Wiederwahl von Merkel, die die Unterstützer der Kanzlerin demobilisieren könnte. Wie wird die Wahlbeteiligung am Ende ausfallen? Was werden die unentschlossenen Bürger tun? Ich glaube, die kommende Wahl könnte mit einem schlechteren Abschneiden der beiden Volksparteien enden als 2009 nach der letzten Großen Koalition.
Als Franzose, der in der Vergangenheit zu oft Wahlabende erleben musste, an dem die Rechtsextremen bessere Ergebnisse erzielten als vorhergesagt, bin ich besorgt.
Kann das langsame Erstarken der AfD in den letzten Umfragen das Vorzeichen eines Durchbruchs am Sonntagabend sein, der Deutschland in einer Woche in einen Schock versetzen würde?
Der Einzug einer rechtsextremen Kraft in den Bundestag ist an sich schon wegen der Geschichte dieses Landes ein Ereignis von historischer Tragweite, das weltweit für Aufmerksamkeit sorgen wird. Sollte das Ergebnis der AfD die Prognosen am Ende aber übertreffen, wäre der Imageschaden für das „Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ desaströs.
Aber so oder so zeigt der Aufstieg der AfD, dass es in diesem Land rumort, dass diese „Insel der Seligen“, die von manchen beschrieben wird, mehr als früher von Spaltung, Ängsten und sogar Hass geprägt ist. Was ich vor Kurzem bei einem Wahlkampfauftritt von Angela Merkel in Torgau erlebte, war schauderhaft.
Der Erfolg der AfD liegt nicht nur in ihren Vorschlägen begründet, sondern ist auch Ausdruck einer zunehmenden Ablehnung der politischen Klasse und des etablierten Systems. Es ist eine Minderheit, ja; aber dieser Teil der Wähler wird eben nicht mehr von den klassischen Parteien erreicht. Und auch die bisherige Opposition im Bundestag glänzte nicht sonderlich. Die Grünen gerieten im Wahlkampf vor lauter Angst, irgend etwas falsch zu machen, an den Rand der Profillosigkeit. Die Linke kann nur bedingt den Frust vieler Wähler für sich nutzen. Am Ende der letzten Großen Koalition kam sie 2009 auf immerhin 12 Prozent bundesweit. Na warten wir mal ab.
Die FDP konnte als außerparlamentarische Kraft auf diesem günstigen Nährboden in aller Ruhe ihr Comeback vorbereiten. Sie lockt neben ihrer Stammwählerschaft enttäuschte CDU-Wähler oder gemäßigte Wutbürger an. Ein Erfolg, der stellvertretend ist für die Suche mancher Bürger nach Kräften oder Ideen, die sie in den letzten vier Jahren im Bundestag vermisst haben.
Nicht alle werden am Wahlabend jubeln. Und so mancher wird vielleicht geschockt sein. Doch ganz sicher werden die politischen Verhältnisse mit dieser Wahl neu gemischt. Ob das Risiken birgt? Sicher. Aber Risiken können „dornige Chancen“ sein, um einen Spitzenkandidaten zu zitieren.

