Berlin – New York

Versuchen Sie es doch mal mit Baseball

Die Sportart hat in Deutschland nicht so viele Anhänger, dabei kann sie so spannend wie Fußball sein, meint Melissa Eddy.

Melissa Eddy, ist Auslandskorrespondentin der „New York Times“

Melissa Eddy, ist Auslandskorrespondentin der „New York Times“

Foto: Reto Klar

Ein deutscher Spieler hat am Mittwochabend seiner Mannschaft einen großartigen Sieg beschert – gegen den amtierenden Weltmeister. Im letzten Moment, nachdem sein Team eine 8:1-Führung verspielt hatte.

Es war eine Rettung, wie sie selten zu erleben ist, dank eines jungen Berliners, der sich in den vergangenen Jahren zu einem Top-Spieler entwickelt hat. Doch die Sport-Schlagzeilen in Deutschland werden meist von anderen Sportarten und anderen Spitzenathleten dominiert. Zum Beispiel von Ronaldo, der am vergangenen Mittwoch mit seinem späten Elfmeter Real Madrid den Einzug in das Halbfinale der Champions League rettete. Baseball findet hingegen nicht so häufig in den Medien statt.

Das ist schade. Denn der Spieler Max Kepler verdient es, gelobt zu werden. Nicht nur für seinen Einsatz am Mittwochabend, sondern auch dafür, dass er es überhaupt von den Baseball-Feldern Berlins auf die US-Profiebene, in die Major League Baseball (MLB), geschafft hat. Wer das verstehen will, muss jetzt im Frühling nur mal an einem Sonnabendnachmittag auf dem Baseballplatz an der Sachtlebenstraße in Zehlendorf vorbeischauen. Dort gewinnt man einen Eindruck, wie weit dieser Weg war.

Schon morgens weht vom Grill ein Hauch von Rauch über den Platz, auf dem Jungen und Mädchen in Trikots der großen MLB-Mannschaften ihre Baseballschläger schwingen. Was in den USA als Jugendsport sehr ernst genommen wird, ist in Berlin nur eine Spaßliga, bei der Spieler und ihre Familien einen schönen, entspannten Nachmittag verbringen können, gestärkt von Hamburgern und Süßigkeiten von der Candy-Bar.

Wer mal diese Art "Little America" erlebt hat, versteht umso mehr, wie besonders es ist, dass einer, der vor fast 20 Jahre hier seinen ersten Baseball gefangen hat, jetzt ein Spiel für die Minnesota Twins gegen den Weltmeister von 2017, die Houston Astros, grandios gerettet hat – nicht durch einen, sondern zwei Homeruns.

Viele Deutsche erzählen mir, Baseball wäre zu langweilig, weil Stunden lang nichts passieren würde. Das kann ich ja verstehen, denn bei dem ersten Profi-Fußballspiel, das ich gesehen habe, ging es mir genauso. Es war 1994, Italien spielte gegen Brasilien in der berühmten Rose-Bowl-Arena in Pasadena in Kalifornien. Ich saß in Deutschland vor dem Fernseher mit Freunden, die gespannt waren und mir erzählten, es sei ein Klassiker.

Doch 90 Minuten lang passierte, soweit ich das zumindest sehen konnte, gar nichts. Kein einziges Tor fiel, die Mannschaften rannten nur hin und her – ohne sichtbares Ergebnis. Am Ende wurde Brasilien Weltmeister – durch Elfmeterschießen. Trotzdem saßen meine deutschen Freunde die ganze Zeit gebannt vor dem Bildschirm. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass auch die Taktik und die Art, wie auf dem Platz gespielt wird, zählte. Das erzähle ich jetzt jedem Deutschen, der Baseball wegen Langeweile abschreiben will. Auch diese Sportart hat eine Strategie, in den langen Momenten zwischen den Homeruns oder dann, wenn ein Spieler den Ball so weit über die Outfieldbegrenzung schlägt, dass er um alle vier Bases laufen darf, um einen Punkt zu erzielen. Wenn das im letzten Inning passiert, kann das für die Mannschaft des Schlägers das Spiel entscheiden.

Genau so einen Homerun erzielte Max Kepler am Mittwochabend. Schon vorher hatte er seiner Mannschaft zu einem großen Vorsprung mit einem Homerun geholfen. Das Team verspielte aber einen Vorsprung von 8:1 im Laufe der Partie, bis zum neunten Inning, kurz vor dem Ende. Dann kam der 25 Jahre alte Kepler und schlug seinen zweiten Homerun, womit er das Spiel mit 9:8 zugunsten seiner Mannschaft Minnesota – meinem Heimatstaat – entschied. Bei mir zu Hause brach Jubel aus.

Für uns war Max Kepler ganz eindeutig der Spieler des Abends. Auch hier in Berlin, ganz egal, was Ronaldo gemacht hat.

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