Guten Tag! So grüßt man einander in Deutschland. Das haben wir zumindest in meinem Deutschkursus vor vielen Jahren gelernt. Nach nun vielen in Deutschland gelebten Jahren aber, hört man immer seltener ein „Guten Tag,“ dafür aber viel häufiger ein „Hallo“. Ist auch nett, sicherlich weniger formell, klingt aber zugleich für amerikanische Ohren sehr vertraut, was immer wieder dazu führt, dass ich anschließend sage: „Wie geht es Dir?“

Diese Frage kann unter Umständen aber gefährlich sein, wie ich wiederum gelernt habe, weil es in deutschen Ohren zu oberflächlich – sprich amerikanisch – klingt. So hat es mir eine Bekannte neulich erzählt, als ich ihr völlig gedankenlos diese Frage gestellt hatte. Allerdings waren zuvor mehrere Monate vergangen, seit wird wir uns das letzte Mal getroffen hatten. Sie ist Mutter von drei Kindern, ihr Mann arbeitet nachts, während sie tagsüber versucht, sich zurecht zu finden.

Grund genug also, fand ich, um nach ihrem Befinden zu fragen. Wie es ihr in der Zeit seit unserem letzten Treffen so ergangen sei. So dachte ich zumindest. Ich hatte die Frage verstanden als eine Art Einladung, mir von sich zu erzählen und sah darin ein Interesse an ihr als Mensch, an ihrer Familie und ihrem Leben. So hat sie es aber ganz und gar nicht verstanden.

Als Antwort bekam ich also nur einen sehr kurz angebundenen Vortrag über die Amerikaner und deren oberflächliches „Wie geht’s“, was aus ihrer Sicht nicht gleichbedeutend damit sei, dass man sich tatsächlich für sein Gegenüber interessiere. Stattdessen verstand sie die Frage fast als eine Art Beleidigung, eine flapsige Art seinen Mitmenschen zu ignorieren, während man vorgibt, sich für sie zu interessieren.

Schwierig. Was man in einer solchen Situation erwidern soll, ist mir schleierhaft. In dem Moment habe ich nur gedacht, dass sie sich vielleicht so gefühlt haben mag wie ich, wenn ich einen Anruf von einem deutschen Freund bekomme und dabei mit einem „Na?“ von ihm begrüßt werde.

Was sagt man bloß zu einem "Na?"

Mir wäre lieber, „Na, wie geht es Dir?“ oder „Na, lange von Dir nichts gehört!“ Stattdessen aber bekomme ich nur diese zwei Buchstaben zu hören, diese eine Silbe, mit der ich dann nichts anzufangen weiß. Wenn jemand einem „Guten Tag,“ sagt, dann antwortet man mit eben mit „Guten Tag“, man stellt sich vor oder gibt man sich die Hand. So haben wir es damals im Deutschkursus gelernt. Die passende Antwort auf „Na?“ wurde aber da nie erwähnt.

Einmal habe ich versucht mit „Was, na?“ zu antworten. Daraufhin kam dann ein „Na, wie ist die Lage?“ zurück. Was mir wiederum weniger geholfen hat, statt noch mehr Fragen aufzuwerfen. Was für eine Lage? Von wem oder was? Und wie soll man eigentlich den Zustand einer Lage beschreiben?

„Gut“ klingt als Antwort nur oberflächlich, was wiederum zurück führt zum Problem mit der Frage „Wie geht es Dir?“, während „schlecht“ als Antwort darauf wieder sehr negativ klingt.

Es wird ja immer wieder gesagt, dass Sprache ein Schlüssel ist für die Integration von Menschen die nach Deutschland kommen. Das lässt sich nicht bestreiten. Durch Sprache findet man seinen Weg, nicht nur auf den Straßen und in den Bahnen eines Landes. Man findet damit seinen Weg in die Gedanken eines Volkes.

In dieser Woche schlug die Alternative für Deutschland vor, Deutsch als Nationalsprache in der Verfassung zu verankern. Ein ähnlicher Versuch mit dem Englischen ist in den USA bereits seit 1750 diskutiert worden. Und er ist immer wieder gescheitert.

Jeder, der einmal Taxi in Manhattan gefahren ist, sich dabei mit dem Fahrer zwar auf Englisch unterhalten hat, aber trotzdem das Gefühl hatte, sich kaum verständlich machen zu können, weiß, dass Sprachen gelebte Wesen sind. Sie haben manchmal ihre Eigenheiten, die man nur kennenlernt, indem man sich mit ihnen auseinandersetzt. Vielleicht sollte ich es in der Zukunft versuchen mit „Na, guten Tag!“

Melissa Eddy arbeitet in Berlin als Korrespondentin für die New York Times. Sie schreibt einmal im Monat für die Berliner Morgenpost über ihr Leben, ihre Arbeit und die Unterschiede zwischen Amerikanern und Deutschen.

Mehr von den "Auslandskorrespondenten":