Schluss mit sexy, jetzt sind wir Berliner frei. Zumindest will es so der Berliner Senat, der mit dem Slogan „#FreiheitBerlin“ seit einigen Monaten für die Bundeshauptstadt wirbt. In jeder U-Bahnstation und an der Gepäckausgabe am Flughafen hängen Plakate, auf denen drei Männer auf Paddelbrettern auf der Spree zu sehen sind, während die Sonne hinter der Oberbaumbrücke untergeht. Vermutlich ist die Dreiergruppe auf kurzem Ausflug zwischen Büro und Club Berghain. Dann gibt es Zitate von berühmten Berliner Persönlichkeiten wie Rosa Luxemburg zur Freiheit wie „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden”.
So stellen sich Berliner die Freiheit vor. Für eine Amerikanerin eine befreiende Idee. Der erste Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten garantiert die Meinungsfreiheit. Geschrieben wurde er im Jahr 1787, nachdem das junge Land seine Unabhängigkeit vom britischen Königreich erkämpft hat. Damit wurde die Freiheit in die US-amerikanische Geschichte geschrieben, zusammen mit der Idee, dass sie etwas ist, was hart erkämpft werden muss. Meist mit Waffen und nicht selten mit Soldaten. Dementsprechend wird die Freiheit in den USA mit sehr viel Patriotismus verbunden.
Heute hört man in Amerika, dass die Freiheit verteidigt werden muss. Dies nicht ohne Grund in Zeiten der zunehmenden globalen Unsicherheiten, in denen die westliche Welt von allen Seiten auf die Probe gestellt wird. Nur in Amerika wird immer häufiger der Begriff Freiheit im Zusammenhang mit Unabhängigkeit von Verbündeten oder gar der Regierung in Washington verwendet. Diese Rolle der Freiheit als eine Art Antwort auf das, was einem widerstrebt, fing unter Präsident George W. Bush an. Da wurden Pommes frites, die in Amerika „French fries‘‘ heißen, von einem Republikaner umbenannt, dem widerstrebte, dass die Franzosen bei dem von Washington angefangenen Krieg im Irak mitmachen wollten. So ließ er das Gericht in der Kongress-Mensa in „Freedom Fries“ umbenennen.
Auch unter Barack Obama hatten wir damit zu tun. Diesmal wurde „Freedom“ von den konservativen und libertären Flügeln der Republikaner übernommen, um sich stärker gegen seine Politik positionieren zu können. Sie nannten ihre Gremien die „Freedom Caucus“, sie sind seit 2015 im Kongress aktiv. Auch aus diesem Jahr stammt der „Freedom Act”, ein Gesetz, das den Begriff Freiheit verwendet, um etwas zu symbolisieren, was allen Bürgern zugutekommt – nämlich die Beschränkung der Überwachung von Telefon- und Internetkommunikation durch die Regierung.
Dem Gesetz folgten die Enthüllungen von Edward Snowden und insofern würde auch die Aussage von „#FreiheitBerlin“ passen. Denn nirgendwo sonst im Westen wurde so hart versucht, dem Mann Asyl zu geben, der der Welt gezeigt hat, inwieweit wir alle von der NSA ausspioniert wurden. Nach wie vor sitzt Snowden in Moskau fest, wird aber immer wieder per Video nach Berlin gebeamt, um Vorträge zu halten und mitzudiskutieren. Das ärgert nicht wenige in den USA, wo Snowden als Verbrecher gilt, da er Staatsgeheimnisse preisgegeben hatte. Sie wollen, dass seine Freiheit eingeschränkt wird. Wenn nicht durch einen Aufenthalt im Gefängnis, dann doch zumindest durch ein Exilleben in Russland.

Auch bei der Rolle von Mauern scheiden sich die Geister auf beiden Seiten des Atlantiks. Denn diejenigen in den USA, die den Bau einer Grenzmauer zwischen den Südstaaten und Mexiko befürworten, sehen darin, dass ihre Freiheit vor illegalen Einwanderern geschützt wird. Im Gegensatz dazu steht in Berlin die Mauer für Teilung und Eingrenzung, sie wird als Barriere dargestellt, die keine andere Aufgabe als die Einschränkung der Freiheit hat.
Diese Ansicht haben frühere US-Präsidenten, von Reagan bis zurück zu Kennedy, geteilt. Es bleibt nun zu hoffen, dass nicht vergessen wird, was JFK am 26. Juni 1963 vor dem Rathaus Schöneberg allen zugerufen hat, die – wo immer sie in der Welt sind – an der Freiheit zweifeln: „Lasst sie nach Berlin kommen.“


