Als Journalistin auf Reise durch Europa kann man darauf zählen, immer wieder mit der Frage konfrontiert zu werden: „Woher kommen Sie?“ Eine schwierige Frage. Denn die Antwort „aus Berlin“ reicht manchen nicht. Sie hören an der Aussprache, dass das irgendwie nicht stimmen kann. Aber doch, es stimmt. Denn wie diese Woche in einer herrlichen Titelgeschichte in der „Zeit“ stand, ist Berlin seit Jahrhunderten eine Stadt, in die die Menschen kommen, um ihr Glück zu suchen.
Fast genauso wie New York. Fast. Wie der berühmte „Große Apfel“ zieht Berlin Menschen an, die etwas werden wollen. Beide Städte sind Sammelbecken für alle diejenigen, die sich dort, woher sie stammen, nicht zu Hause fühlen. Nach nur wenigen Schritten durch die pulsierenden Straßen von beiden Städten überkommt sie das Gefühl, endlich befreit zu sein von all den Tugenden, Erwartungen und Einschränkungen, die das Leben anderswo bestimmen.
In Berlin wissen die Ausländer diese Qualität besonders zu schätzen. Denn die üblichen Schwierigkeiten, mit denen ein Fremder in Deutschland täglich zu kämpfen hat, sei es Pünktlichkeit, Ordnung oder überhaupt im Kopf behalten zu müssen, was die vielen bunten Verkehrsschilder erlauben oder verbieten, sind in Berlin kaum präsent.
Inzwischen ist Berlin auch unter vielen New Yorkern beliebt. Denn selbst wenn jeder es toll findet, über den Times Square spazieren zu können, ohne von einem Taxi erfasst zu werden, und seit Bürgermeister Rudy Giuliani in den 1990er-Jahren gegen die Verwüstungen und Vernachlässigung in der Stadt zu kämpfen begann, ist New York zwar schöner und sicherer geworden, gleichzeitig aber teurer und weniger kreativ.
Genau zu diesem Zeitpunkt aber begann die Welt, samt New Yorkern, Berlin zu entdecken. Inzwischen leben mehr als 20.500 Amerikaner in der deutschen Hauptstadt, viele davon aus New York.
Doch trotz aller Ähnlichkeiten bleiben Unterschiede zwischen den beiden Städten. Einer der markantesten ist die Frage, wer Einheimischer sein darf. In Berlin muss man in der Stadt auf die Welt gekommen sein, um sich „ein Berliner“ zu nennen – bis auf einen US-Präsidenten, natürlich. Jeder andere, der hier mehrere Jahrzehnte gelebt hat, sogar zur Schule gegangen ist oder mehrere Jahre gearbeitet hat, ist trotzdem gezwungen zu erklären, dass er aus wo auch immer stammt.
Im Gegensatz dazu sind New Yorker all jene, die sich auf Broadway, Wall Street oder nach Williamsburg berufen fühlen. Sobald sie angekommen sind, sind sie auch gleich New Yorker.
Auch wer sich nur mit gebrochenem Englisch verständlich machen kann, gehört dazu. Denn im Gegensatz zu manchen CDU-Politikern, die bei der bunten Sprachvielfalt Berlins einen Schreck bekommen, erwartet praktisch jeder Englisch-Muttersprachler in New York, dass der indische Taxifahrer kaum zu verstehen sein wird. Solange er einen zügig an den Ort bringen kann, an den man will oder muss, genügen die Sprachkentnisse.

Von „Ausländern“ oder „Migrationshintergrund“ wird in New York kaum gesprochen. Und wenn, dann ist es oft voller Stolz, dass man einen Ururgroßvater hat, der aus Irland über Ellis Island seinen Weg nach New York machte, oder eine Mutter, die von den Philippinen über den Flughafen JFK ihr Tor zur Neuen Welt fand.
Selbst in Zeiten, in denen neu Hinzugereiste auf die Idee kommen, im Namen des islamistischen Terrors acht Menschen zu töten und ein Dutzend andere zu verletzen, indem man mit einem Pick-up auf einen Fahrradweg rast, akzeptieren die meisten New Yorker, dass – leider – selbst eine solche Gefahr zum Leben in der Stadt gehört. Wie Ellen Bernadskaya, die an jenem Tag auf dem Weg zur Halloween-Feier war, der „New York Times“ sagte: „Wir sind eben New Yorker und das seit langer Zeit, seit 9/11 eben.“ Sprich gut 16 Jahre. Ein ähnliches Zugehörigkeitsgefühl kann man allen Berlinern, ob hier geboren oder neu dazugekommen, nur wünschen.
Melissa Eddy arbeitet in Berlin als Korrespondentin für die New York Times. Sie schreibt einmal im Monat für die Berliner Morgenpost über ihr Leben, ihre Arbeit und die Unterschiede zwischen Amerikanern und Deutschen.
Mehr Berlin - New York:


