Berlin - Athen

Erinnerungskultur für die Zukunft

Ein Forschungsprojekt zu Massakern der Nazis in Griechenland wird in Berlin vorgestellt. Es geht um Anerkennung, sagt Georgios Pappas.

Georgios Pappas ist Auslandskorrespondent für „ERT“ und „Ta Nea“ in Berlin

Georgios Pappas ist Auslandskorrespondent für „ERT“ und „Ta Nea“ in Berlin

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Berlin. Es war ein historischer Tag für die deutsch-griechischen Beziehungen, als der damalige Bundespräsident Joachim Gauck mit seinem griechischen Kollegen Karolos Papoulias am 7. März 2014 das Dorf Lyngiades in der Nähe der nordwestgriechischen Stadt Ioannina besuchte. Dort legte Gauck einen Kranz nieder am Mahnmal des Massakers, das die Wehrmacht am 3. Oktober 1943 beging. Als Vergeltung für den Tod eines deutschen Oberstleutnants brachten Soldaten 82 Zivilisten um und steckten das ganze Dorf in Brand.

Der Historiker Christoph Schminck-Gustavus machte mit seinem Buch „Feuerrauch“ das Verbrechen von Lyngiades auch dem deutschen Publikum bekannt. Das war wichtig, denn er füllte damit einen Teil der großen Lücke in der historischen Aufarbeitung der Verbrechen der Wehrmacht während der Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg. Die deutsche Öffentlichkeit wusste bis dahin von Gräueltaten der SS in Kalavryta mit mehr als 1200 Opfern, oder Distomo mit der Ermordung von 218 Zivilisten. Dennoch blieben „kleinere“ Verbrechen und Opfergemeinden wie Lyngiades weitgehend unbekannt. Die Täter solcher Gräueltaten waren nicht allein die SS, sondern auch Soldaten der Wehrmacht.

Als Gauck bei seinem Besuch in Lyngiades sichtbar bewegt um Verzeihung bat, reagierten die meisten Fernsehzuschauer überrascht, sagte mir der deutsch-griechische Historiker Professor Hagen Fleischer. Denn Gauck bat um Verzeihung nicht nur für das konkrete Massaker an Greisen, Frauen und Kindern, sondern auch für die „zweite Schuld“: das jahrzehntelange Igno­rieren der vielfachen „ersten Schuld“ seitens der Bundesrepu­blik.

Auf Worte folgten Taten. Seit 2016 läuft das anspruchsvolle Forschungsprojekt „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“, um das Gedächtnis griechischer Zeitzeugen zu bewahren. Für das Projekt wurden bis jetzt 90 lebensgeschichtliche Video-Interviews geführt. Sie werden wissenschaftlich aufbereitet und auf einer Onlineplattform bereitgestellt. Das neue Online-Zeitzeugenarchiv enthält auch Transkripte, Fotos und weitere Dokumente. Die wissenschaftliche Auswertung der gefilmten Interviews wird fortgesetzt, aber auch die Integration in den Schulunterricht beider Länder sei geplant und eingeleitet, so Professor Fleischer.

Auch Zeitzeugen sind anwesend

Das Projekt ist eine Kooperation der FU Berlin und der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen und wird vom Auswärtigen Amt im Rahmen des „Deutsch-Griechischen Zukunftsfonds“, der „Stavros Niarchos Foundation“ und der „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ finanziert. Zum ersten Mal wurde das Vorhaben in Athen im Februar 2017 vorgestellt. Nun folgt die Präsentation des Archivs in Berlin vom Projektleiter Professor Nicolas Apostolopoulos (FU Berlin) und dem wissenschaftlichen Projektleiter Professor Hagen Fleischer (Nationale und Kapodistrias-Universität Athen).

Bei der Präsentation am 23. April im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors werden auch die Zeitzeugen Efstathios Chaitidis und Argyris Sfountouris anwesend sein. Das „Erinnerungsarchiv“ sei ein sehr wichtiger Schritt zur gemeinsamen Aufarbeitung der Vergangenheit, meint Argyris Sfountouris. Er ist einer der wenigen Überlebenden des Massakers von Distomo, welches die obersten Verfassungsrichter in Karlsruhe 2003 eines der abscheulichsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs nannten. Sfountouris kämpfte für die Entschädigung der Opfer. Es ging ihm dabei nicht ums Geld, sondern um Anerkennung und Wahrheit. Das Archiv, sagt Sfountouris, biete die Möglichkeit, sich direkt durch die Interviews der Überlebenden zu informieren und wichtiger noch: Es sei der geeignetste Weg, um die historische Wahrheit wiederherzustellen.

Ein gelungenes bilaterales Projekt, richtungsweisend für die deutsch-griechischen Beziehungen, die während der Schuldenkrise sehr stark litten.

Georgios Pappas ist Auslandskorrespondent für „ERT“ und „Ta Nea“ in Berlin

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