Der frische Blick, den man als Ankömmling in einem neuen Land mitbringt, lässt peu à peu nach. Wenn man wie ich mehr als die Hälfte seines Lebens in Deutschland verbracht hat, ist man mit der Zeit so integriert, dass einem die Heimat manchmal weniger vertraut vorkommt als Deutschland. Doch gelegentlich reicht ein Erlebnis, eine Begegnung oder nur ein Stichwort, und schon werden alte Erinnerungen wach gerüttelt.

Vor zehn Tagen besuchte ich das Konzert der Chansonsängerin und Wahlberlinerin Bérangère Palix in der Werkstatt der Kulturen. Mit viel Humor und Selbstironie beschrieb sie in einigen Songs das Staunen einer jungen Französin über hiesige Sitten, wie zum Beispiel die Spargelmanie der Deutschen im Frühling, die den Eindruck vermittelt, als müsste man sich mehrere Wochen lang nur von diesem Gemüse ernähren.

Und dann kam der köstliche Song meiner Landsfrau über das Saunieren, bei dem plötzlich unauslöschliche Erinnerungen in mir hochkamen. Wie sie, dachte ich beim ersten Besuch in einem solchen Riesenofen an eine heiße Version des Waterboarding, bei der es nicht um das Simulieren des Ertränkens geht, sondern um ein Rezept für einen saftigen Menschenbraten. Der Sauna-Entdecker aus Frankreich will also wie im Chanson am liebsten die Flucht ergreifen. Aber bevor das ahnungslose Opfer seine letzten Kräfte sammelt, um mit Mühe und Not die rettende Tür zu erreichen, hat schon ein Wedelkönig in der Holzhütte das Sagen übernommen. „Ein falscher Torero erhält Bravo-Rufe von Masos“ singt Bérangère Palix in ihrem Sauna-Song. Die grazile Sängerin muss sich, wie ich damals, geschlagen geben. Es ist ein K.O.-Sieg zugunsten der deutschen Schwitznation.

Die Dichte an Schwitzkästen ist rekordverdächtig

Hierzulande ist man Weltmeister in Sachen Sauna. Die Dichte an Schwitzkästen ist rekordverdächtig. Experten liefern Knigge-Regeln für den gepflegten Saunabesuch. Grüßen oder nicht grüßen, sprechen oder flüstern, Distanz und Nähe und die Textilfrage: All diese wichtigen Fragen rund um diese Freizeitbeschäftigung der Deutschen werden akribisch besprochen. Wie auf dem Strand hat es der Deutsche in der Sauna gern nackt. Das ist ein Unterschied zu anderen Ländern, angefangen mit Frankreich. Hier ist es verpönt und unhygienisch, mit Badehose zu saunieren. Anderswo ist der nackte Körper unerwünscht. Dies setzt sich beim Duschen fort.

In Frankreich verwandelt sich der prüde Gallier im Schwimmbad oder im Sportstudio, wenn keine Einzelkabinen vorhanden sind, in einen mehr oder weniger begabten Kontoristen. Der Deutsche duscht ungeniert, wie Gott ihn schuf. In meinem Sportstudio, wo viele junge Männer mit türkischer oder arabischer Herkunft trainieren, musste ich mich an diese deutsch-französischen Kulturunterschiede erinnern. Diese Jungs dort sind stets mit Badehose oder Unterhose in der Sauna oder im Duschbereich unterwegs.

Nackte Sonnenfreunde mitten in der Stadt im Tiergarten

Ja, der Bezug zur Nacktheit sorgt immer für Gesprächsstoff unter den Kulturen. Im FKK-Paradies Deutschland liegen nackte Sonnenfreunde mitten in der Stadt im Tiergarten und überraschen Touristen wie frisch Zugezogene. In einem Pariser Park ist eine solche Erscheinung undenkbar. Ein deutscher Tourist, der das ahnungslos wagen würde, könnte seinen Aufenthalt in Frankreich mit einem unerfreulichen Besuch des nächsten Polizeireviers bereichern. Mein erster Studentenaustausch sorgte in dieser Hinsicht für einen Kulturschock. Zu meiner großen Überraschung zogen sich meine deutschen Kommilitonen am Strand ohne Scham aus, während ich mich mit meinem Handtuch um die Hüften schrecklich genierte. Heute kann ich über diese Leiden des jungen Franzosen nur müde lächeln. Ich hoffe, Sie hatten Zeit an diesem kalten Wochenende für einen gepflegten Besuch in der Sauna. Wenn Sie dabei eine Person beobachtet haben, die rot und unter Atemnot die Flucht ergreift, waren Sie vielleicht Zeuge eines brutalen Integrationskurses eines jungen Franzosen.


Pascal Thibaut ist französischer Korrespondent in Berlin und schreibt immer montags über das Leben zwischen der Seine und der Spree
Pascal Thibaut ist französischer Korrespondent in Berlin und schreibt immer montags über das Leben zwischen der Seine und der Spree © Amin Akhtar | Amin Akhtar

Pascal Thibaut ist französischer Korrespondent in Berlin und schreibt immer montags über das Leben zwischen der Seine und der Spree.

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