Berlin - London

Die unvergesslichen Sprüche des Coco Schumann

Der Berliner „Ghetto Swinger“ überlebte Auschwitz dank seiner Musik. Wie sich Freunde an seinen Humor erinnern, erzählt Kate Connolly.

Kate Connolly,  Korrespondentin vom  „The Guardian & The Observer“

Kate Connolly, Korrespondentin vom „The Guardian & The Observer“

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Ich weiß aus Erfahrung als Berliner Korrespondentin, man braucht nicht lange rumzukratzen, um zu entdecken, dass die meisten waschechten Berliner interessante Leben geführt haben. Kein Berliner war aber für mich bisher interessanter als Coco Schumann, der Swing- Gitarrist und Jazzmusiker, dem ich das erste Mal 2012 begegnen durfte. Ich fuhr mit ihm und einigen Freunden, unter anderem mit seiner langjährigen Unterstützerin und Kulturmanagerin Bärbel Petersen, nach Theresienstadt, wo er als Jude im März 1943 im Konzentrationslager gelandet war, nachdem ihn ein Nebenbuhler „verpfiffen“ hatte, wie er immer sagte.

Coco kehrte 69 Jahre später nach Theresienstadt zurück, um einen Film mit dem Geiger und Wahl-Berliner Daniel Hope über die renommierten Musiker zu drehen, die in dem Lager den Eindruck erwecken sollten, den Juden gehe es dort gut. Coco führte uns durch die Straßen von Theresienstadt, auf den Platz, auf dem er mit seiner Band, den „Ghetto Swingers“ in einem Nazi-Propaganda-Film gespielt hat. Er zeigte uns das Café, in dem seine Band aufgetreten ist, und wo er in Konzertpausen reingeschmuggelte „Vlasta“-Zigaretten geraucht und „Muckefuck“-Ersatzkaffee getrunken hat, und sich selbst wunderte wie – verhältnismäßig – gut es ihm in einem KZ ging. Bis er dann nach Auschwitz deportiert wurde. Auch dort wurde er aus den Reihen der Häftlinge selektiert, und schnell in eine Band integriert, die der SS zur Verfügung stand, um deren Langeweile zu vertreiben. Coco musste für sie Melodien spielen.

Es war sein Glück, dass er die beliebtesten amerikanischen Evergreens kannte. Gelernt hatte er sie in den illegalen Tanzbars des Berlins der 30er- und frühen 40er-Jahre, wo er gespielt hatte, obwohl er nicht nur minderjährig, sondern auch Jude war. Das Lieblingslied der SS war Coco zufolge „La Paloma“, ein Lied, das durch Hans Albers 1944 in Deutschland populär geworden war. Dass er dieses Lied und andere solcher Melodien spielen konnte, hat ihm letztlich das Leben gerettet.

Coco war ein Berliner durch und durch. 1924 im Scheunenviertel geboren, wuchs er als Schlüsselkind auf, da seine Eltern – Mutter Friseurin, Vater Polsterer – beide arbeiteten. Er lernte das Leben auf den Straßen Berlins kennen. Als 14- oder 15-Jähriger hörte er in der Weba Eisdiele an der Pestalozzistraße auf dem lederbezogenen Telefunken-Plattenspieler eines Freundes, den Ella-Fitzgerald-Song „A-Tisket, A-Tasket“. Von da an war er, wie er selber sagte, der Musik verfallen.

Coco hatte immer einen Spruch parat, um die jeweilige Situation zu kommentieren, in der er sich gerade befand. Auf unserer Rückfahrt von Theresienstadt nach Berlin sagte er unter anderem: „Ich jammere nicht, dass ich in Auschwitz war, sondern ich juble, dass ich rausgekommen bin.“ Es war ihm immer bewusst, wie wichtig seine Rolle als einer der letzten Augenzeugen des Holocaust war.

Frau Petersen hat diesen und viele andere Coco-Sprüche anlässlich seines 90. Geburtstags vor drei Jahren in einem Buch gesammelt. An seinem Grab auf dem jüdischen Friedhof an der Heerstraße Anfang Februar, flogen Coco-Sprüche durch die eiskalte, aber sonnige Luft als kleine tröstliche Worte aus den Mündern der Trauergäste. „Einem Abschied mit den Worten ,Wir kommen bald wieder‘ würde Coco begegnet haben ,Bitte keine Drohungen‘“, sagte eine. Konzerte beendete er oft mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen eine unruhige Nacht“. Und wenn er hustete, meinte er: „Liebling, Du denkst es ist Leidenschaft, aber es ist Asthma.“ Und er sagte oft: „Solange ich Musik mache, habe ich keine Zeit, alt zu werden.“

Ich werde nie vergessen, wie er bei unserer ersten Begegnung den Jazz Tanzhit aus dem Jahr 1919 spielte: „I Wish I Could Shimmy Like My Sister Kate“ (Ich wünscht, ich könnte den Shimmy tanzen wie meine Schwester Kate). Lieber Coco, wo immer Du jetzt bist, ich hoffe, dass Du weiter dabei bist, Leute zum Shimmy zu bringen mit Deiner unvergesslichen Musik.

Kate Connolly ist Korrespondentin vom „The Guardian & The Observer“

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