Drei historische Filme hat mein Berliner Kiezkino in den letzten Monaten gezeigt, die als eine Art Spiegel für die Stimmung in meinem Land dienen können. Als Erstes kam im Sommer der 100 Millionen Dollar teure Film „Dunkirk“ von Christopher Nolan heraus. Das Drama der Schlacht von Dünkirchen spielt zwischen dem 24. Mai und dem 4. Juni 1940 in der nordfranzösischen Stadt, die die letzte Bastion des Britischen Expeditionskorps bildete, das in Frankreich und Belgien eingesetzt war. Den Briten und Franzosen ist es letztlich gelungen, den Brückenkopf so lange zu verteidigen, bis mehr als 330.000 der ungefähr 370.000 Soldaten evakuiert werden konnten. Hunderte private Schiffe, so wie im Film geschildert wird, schwärmten über das Meer, um Soldaten zu retten.
Am 4. Juni hat die deutsche Wehrmacht die Stadt dann eingenommen. Das „Wunder von Dünkirchen“ wird den Briten mit der Muttermilch eingeflößt. Dargestellt als glanzvolle Niederlage, aber auch als Wendepunkt zum späteren Sieg über die Nazis. Es wird wie kaum ein anderes historisches Ereignis als Ausdruck der Vereinigung von Nation und Volk in einer Zeit gesehen, in der alle zusammengerückt sind, um das Land zu retten. Es ist eine der stärksten kollektiven Erinnerungen der Briten und beeinflusst unsere nationale Psyche bis heute. Der Ausdruck „Dunkirk Spirit“ wird in schweren Zeiten ebenso benutzt wie der andere Slogan aus dem Krieg „Keep Calm and Carry On“.
Nach „Dunkirk“ wurde Lone Scherfigs romantische Komödie „Ihre beste Stunde“ gezeigt. Die junge Autorin Catrin Cole wird etwa zum Zeitpunkt der Vorbereitung der Dünkirchen-Operation vom British Ministry of Information damit beauftragt, das Drehbuch zu einem Propagandafilm zu überarbeiten, der ihre Landsleute vom Krieg ablenken soll. Catrin und ihre Filmcrew schaffen es, einen Film zu drehen, der das Herz der ganzen Nation erwärmt und dafür sorgt, dass die Briten Mut in schwierigen Zeiten schöpfen.
Vor einer Woche habe ich zuletzt den Film „Die dunkelste Stunde“ gesehen, in dem Gary Oldman wundervoll den britischen Premier Churchill spielt. Während die britische Armee in Dünkirchen strandet, beweist der Premier in seiner wohl dunkelsten Stunde Courage und rettet mit seiner widerspenstigen und exzentrischen Politik England vor den Nazis. So sollen wir diesen Film interpretieren.
Diese drei Filme – sie sind nur eine Handvoll vieler ähnlicher Werke – scheinen mir dem Psychodrama zu ähneln, das die aktuelle Stimmung Großbritanniens sehr gut wiedergibt. Es macht mich ehrlich gesagt ein bisschen ängstlich, dass mein Land in den beunruhigenden Zeiten des Brexits in so sentimental-nationalistischen Filmen Trost sucht. „Brexit Seelenstärkung“, schrieb ein Kritiker.
In „Die dunkelste Stunde“, der eigentlich ein genialer Film ist, gibt es eine frei erfundene Szene, in der Churchill zum ersten Mal in seinem Leben in die Londoner U-Bahn steigt, um die Stimmung der Nation zu erspüren. Die Pendler sind empört, als sie ihn erkennen, aber nach ein paar Witzen wieder entspannt. Er fragt sie schließlich ganz direkt: „Was wäre, wenn der Feind in England eindringen würde?“ „Wir würden kämpfen!”, antworten sie. „Und wenn ein Friedensvertrag mit Hitler möglich wäre?“ „Never!“, rufen alle gleichzeitig.

Dies ist wie Balsam auf die Seele der Brexit-Befürworter. Nigel Farage, einer der Hauptbefürworter des Brexits, lobt die drei Filme, die zeigten, dass Großbritannien wieder so „great“ wie 1940 werden könne, wenn es sich von der EU befreie. Man müsse nur wieder an den „Dunkirk Spirit“ glauben.
In allen drei Filmen leiden alle, helfen sich gegenseitig und fühlen sich als verschworene Gemeinschaft. Das vermisst man in diesen Tagen. Die Botschaft scheint zu sein – ihr könnt diese Gemeinschaft wieder haben, wenn ihr zusammenrückt gegen Brüssel (und Deutschland), um den Brexit zu einem Erfolg zu machen. Letztlich aber sind diese Filme nichts als eine Überdosis Nostalgie.
Kate Connolly ist Korrespondentin vom „The Guardian & The Observer“
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