Herrenanzüge, meist blau oder grau, dominieren die rechte Seite. Vom Rednerpult aus gesehen links sitzen die Bunten, die Jungen und die Frauen. In der ersten Sitzung des neuen Abgeordnetenhauses manifestiert sich das Berliner Wahlergebnis. Dort offenbare sich der Generationenkonflikt, wie eine kluge Sozialdemokratin in der Lobby sorgenvoll feststellte. 43 Prozent der 16- bis 24-Jährigen haben die Linke gewählt. Unter den 25- bis 34-Jährigen waren es fast die Hälfte. Folgerichtig solidarisiert sich die Linke mit den Schülerprotesten, während andere vor Krawallen warnen.

21 von 44 Linken-Abgeordneten sind unter 40. Bei den Grünen 10 von 25. Neun von zwölf Parlamentsmitgliedern unter 30 gehören diesen beiden Fraktionen an. Für die nächsten Jahre sitzen also junge Linke und auch junge Grüne älteren Konservativen oder Rechtspopulisten gegenüber.

In den Fraktionen von CDU und SPD zusammen gibt es einen Abgeordneten unter 30

Nun ist jung zu sein noch kein Ausweis von politischer Expertise. Es wird ein hartes Stück Arbeit für diese oft unerfahrenen Leute, sich in Ausschussarbeit, parlamentarische Anfragen und das Verfassen von Anträgen einzufuchsen. Offen ist, wie weit sich viele von ihnen in Regierungsdisziplin einbinden lassen. Ob das insbesondere den Linken gelingt, wird darüber entscheiden, ob es zu Rot-Grün-Rot überhaupt kommt und ob so eine Koalition hält.

Die anderen Parteien müssen sich ernsthaft fragen, wie sie zukunftsorientierte Politik machen wollen, wenn ihnen die jungen Leute massenhaft von den Fahnen gehen und von ihnen so gut wie gar nicht repräsentiert werden. SPD und CDU haben in der Nachwuchsförderung eklatant versagt. In der SPD-Fraktion gibt es keine Stimme unter 30, in der CDU bei 33 Mitgliedern eine.

Der Konflikt zwischen Jung und Alt tobt bei vielen Themen, vor allem aber beim Wohnen

In der Union kommt der eklatante Mangel an weiblichen Perspektiven hinzu. Fünf Politikerinnen verlieren sich in der CDU-Fraktion. Den Beteuerungen des ehemaligen Landesvorsitzenden Kai Wegner, die CDU weiblicher zu machen, folgte so gut wie nichts. Die etablierten Männer sicherten sich die aussichtsreichen Plätze, die auch beim mauen 18-Prozent-Ergebnis zogen. Frauen oder Junge blieben auf der Strecke. Moderne Großstadtpartei sieht anders aus. Dass auch die AfD kaum Frauen in ihren Reihen hat, macht es nicht besser. Die Rechtspartei redet wenigstens nicht davon, Frauen fördern zu wollen.

Der Generationenkonflikt wird auch über Themen ausgetragen. Es geht um Klima, Umwelt, Ausbildung, Schulen, Unis, Frieden, Wehrpflicht, die Sicht auf Palästina – und ums Wohnen. Laut einer Umfrage des Sozialverbandes Deutschland müssen sich zwei Drittel aller unter 30‑Jährigen wegen hoher Wohnkosten in anderen Lebensbereichen einschränken. Ein Viertel der 30- bis 40-Jährigen gab an, deswegen die Familienplanung geändert zu haben. Diese Befunde gelten für ganz Deutschland. In Berlin, wo die Angebotsmieten in zehn Jahren um 70 Prozent gestiegen sind, dürfte der Druck noch größer sein.

Junge Menschen in Deutschland wollen mehrheitlich Wohnungen vergesellschaften

Da sollte es niemanden verwundern, dass die Jungen mehrheitlich die umstrittene Vergesellschaftung von Wohnungen unterstützen, wie eine Civey-Umfrage diese Woche zeigte. In ganz Deutschland bewertet weniger als ein Viertel der unter 30-Jährigen es als negativ, Bestände von privaten Konzernen in Gemeineigentum zu überführen. Offenbar können viele junge Menschen einer veränderten Eigentumsordnung und einer staatlich unterstützten Mietenkontrolle viel abgewinnen.

In Großstädten wie Berlin sind vor allem die Jungen Opfer der Mietenkrise. Sie ziehen zu, wollen das Elternhaus verlassen, möchten Kinder. Ältere sitzen auf günstigen Bestandsmietverträgen oder fürchten womöglich um den Wert der eigenen Immobilie, wenn Mietpreise stagnieren oder sogar sinken.

Dem Generationenkonflikt liegen Interessengegensätze zugrunde. Darauf basiert der Erfolg der Linkspartei. Die kluge Sozialdemokratin in der Lobby konstatiert, dass es von Union und SPD eigentlich „kein Angebot für die Jungen“ gebe. Wer in Berlins neues Abgeordnetenhaus schaut, muss sich fragen, wer in der „politischen Mitte“ oder in einer von vielen gewünschten Kenia-Koalition jenseits der Grünen glaubhaft ein solches Angebot formulieren sollte.