• Auch wenn die Netzentgelte sinken, bekommen Endverbraucher das in der Stromrechnung kaum zu spüren.
  • Viel stärker fällt die Stromsteuer pro Kilowattstunde ins Gewicht, die Industrie zahlt deutlich weniger.
  • Unsere Gastautorin bewertet diese Politik als unsozial und klimapolitisch falsch.

Mit Strompreisen von aktuell teils über 30 Cent pro Kilowattstunde zahlen deutsche Verbraucher mit die höchsten Energiekosten im europäischen Vergleich. Hauptgrund ist der hohe Anteil an Steuern und Entgelten. Laut Strom-Report 2025 entfallen in diesem Jahr rund 60 Prozent des Gesamtpreises pro Kilowattstunde auf Abgaben, Umlagen und Netzentgelte. Stromerzeugung, Vertrieb und Beschaffung machen mit rund 40 Prozent weniger als die Hälfte der Kosten aus.

Diese Stromsteuerpolitik der Bundesregierung schafft eine massive soziale Schieflage. Daran ändert auch die jüngst angekündigte Strompreis-Entlastung über die Netzentgelte wenig.

Staat senkt Netzentgelte: Haushalte sparen nur wenige Cent

Die Netzentgelte sind eine Gebühr, die die Netzbetreiber für die Nutzung der Stromnetze erheben. Sie sollen unter anderem die Instandhaltungskosten decken. Ab dem Jahr 2026 sollen jedes Jahr 6,5 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds diese Netzentgelte senken. Das wären insgesamt 26 Milliarden Euro bis 2029.

Für Verbraucher klingt das nach einer spürbaren Entlastung: Bei zwei bis drei Cent pro Kilowattstunde könnte das bei einem Durchschnittshaushalt bis zu 95 Euro pro Jahr ausmachen. Doch die Realität ist weitaus weniger klar: Laut Vergleichsportalen liegt die tatsächliche Entlastung eher bei 1,6 Cent – und sie fällt regional sehr unterschiedlich aus.

Zudem sind Energieversorger nicht verpflichtet, die Zuschüsse Eins zu Eins weiterzugeben. Ob die Milliarden tatsächlich auf der Stromrechnung der Verbraucher ankommen, ist also unsicher.

Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg.
Gastautorin und Energieforscherin Claudia Kemfert sieht in der aktuellen Strompreispolitik eine große Ungerechtigkeit für einkommensschwache Privathaushalte.© Privat | Reiner Zensen

Zur Person

Claudia Kemfert ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität in Lüneburg und leitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt. Kemfert forscht seit mehr als 25 Jahren zu Energiewende und Klimapolitik und hat über 600 wissenschaftliche Arbeiten sowie zahlreiche Bücher veröffentlicht. Über Publikationen, Vorträge und ihre Präsenz in Medien und über ihre Homepage informiert sie regelmäßig über Energie- und Klimafragen.

Verbraucher zahlen mehr Stromsteuer als die Großindustrie

Sicher ist dagegen: Private Haushalte zahlen weiterhin die volle Stromsteuer von 2,05 Cent pro Kilowattstunde. Das ist rund vierzigmal mehr als die Industrie, die nur 0,05 Cent entrichtet. Während große Konzerne auf vielfältige Weise von Subventionen und Ausnahmen profitieren, bleiben Bürgerinnen und Bürger sowie kleinere Unternehmen außen vor. Sie werden weiter durch die unverändert hohen Steuern und Netzentgelte im Strompreis belastet.

Für einkommensschwache Haushalte bedeutet das eine doppelte Zumutung: Sie zahlen nicht nur höhere Strompreise, sondern finanzieren über ihre Steuern zugleich die milliardenschweren Industrieprivilegien. Diese Politik ist nicht nur unsozial, sondern auch klimapolitisch falsch. Hohe Strompreise schrecken von Wärmepumpen, Elektromobilität und anderen klimafreundlichen Technologien ab.

Die Grafik zeigt, wie sich der Strompreis für Verbraucher zusammensetzt.
Netzentgelte und Steuern machen zusammen einen größeren Anteil am Strompreis aus als die eigentliche Erzeugung. Quelle: Strom-Report 2025© Strom-Report

Das bremst die private Energiewende aus, obwohl gerade sie entscheidend für Klimaschutz, Versorgungssicherheit und gesellschaftliche Teilhabe ist. Während die Industrie Übersubventionen erhält, sind Familien, Alleinstehende und kleine Betriebe die Verlierer. Weitere politische Pläne, etwa die Solar-Förderung über die Einspeisevergütung zu kippen, verstärken die bestehende Verunsicherung zusätzlich.

Unsere Leseempfehlungen:

Eine faire Energiepolitik bedeutet nicht nur eine Senkung der Stromsteuer

Eine faire Energiepolitik müsste Strom für alle günstiger machen – strukturell und verlässlich, nicht nur über regionale Zuschüsse mit unsicherem Effekt. Notwendig sind eine Absenkung der Stromsteuer für Haushalte, eine Obergrenze für Großverbraucher und eine gezielte Unterstützung einkommensschwacher Menschen. Alles andere bleibt ein politisches Versprechen mit vielen Unsicherheiten. Das ist zu wenig für die große Aufgabe, die vor uns liegt.