Nach einer langen Autofahrt in Richtung Berlin gibt es kaum etwas Schöneres, als irgendwann von der A10 auf die A114 Richtung Pankow abzubiegen. Bestimmt nicht, weil die A114 so eine tolle Autobahn ist – im Gegenteil. Die Straße ist ja mehr eine Ruckelpiste, auf der die Fahrt sich wie eine Marsmobil-Odyssee durch vulkanische Berglandschaften anfühlt. Gerade Besitzer von Kleinwagen müssen höllisch aufpassen, nicht in einem der vielen Schlaglöcher zu versinken. Zwei Fiat Panda und ein Smart werden aktuell vermisst.
Nein, die A114 entfaltet ihren Zauber nach einer langgezogenen Rechtskurve, die sanft an den Rändern von Französisch-Buchholz entlang mäandert und an deren Ende sich symbolisch das Ziel der Reise erhebt: der Fernsehturm. Schön sieht das aus, wie er dort hinten aus dem Horizont hervorsticht. Und man denkt: Gleich bin ich zu Hause. Und: Hallo, du wunderbare Stadt.
Ästhetik, die international überzeugt
Der Fernsehturm ist für mich das tollste Bauwerk Berlins – und das beste Empfangskomitee, das es gibt. Der Berliner Bär auf der Avus in Dreilinden ist ja auch ganz nett. Aber eben nicht so sichtbar wie der TV-Turm am (und nicht auf dem!) Alexanderplatz. Und das mit einer Ästhetik, die international überzeugt: Fast eine Viertelmillion Mal wird der Fernsehturm auf Deutsch oder Englisch auf Instagram erwähnt – immerhin ist er von überall in Berlin zu sehen. Ob von der Warschauer oder der Oberbaumbrücke, ob vom Teufelsberg oder vom Klunkerkranich in Neukölln.
Es gibt wohl niemanden, der beim Anblick seiner Silhouette im Sonnenuntergang nicht schon einmal sein Handy für ein Foto gezückt hat: #berlintvtower #nofilter #berlinlove #berlinstagram #sunset #tvspargel. Pure Schönheit in Hashtags. Lieber Fernsehturm, mit niemandem geht das besser als mit dir!
Wie eine Kompassnadel bist du auch. Du zeigst den Weg, egal, wo ich bin. 368 Meter, das weiß der Berliner (und der Tourist aus dem Reiseführer), bist du hoch – und damit das höchste Bauwerk der Republik. Wo du bist, Fernsehturm, ist Mitte – sowohl geografisch gesehen als auch als Gefühl.
Verzeihlich ist deshalb, für wie viele absurde Souvenirs du herhalten musst. Für Keksausstechformen, Wandteller, Babystrampler, für Parfümflaschen, Schnapsflaschen, Trinkflaschen. Für Frühstücksbretter und Wandtattoos, für Seife und Pfeffermühlen. In einem Spielzeugladen bei mir um die Ecke werden Sandförmchen für Kinder in deiner Form verkauft. Du, Fernsehturm, bist halt Kult und Teil der Berliner Popkultur, egal ob in Ost oder West. Wer hätte das bei Baubeginn vor fast 51 Jahren gedacht?
Gutes Geschäft mit dem Reiz
Wenn ich ganz nah an deinen leider verdreckten Sockel herangehe, den Kopf in den Nacken lege und nach oben schaue zu den Wolken, dann habe ich das Gefühl, du kippst mir gleich auf den Kopf. Schwindelfrei muss sein, wer dabei auf einem der Trampoline hüpft, die schräg links vom Eingang in den Boden eingelassen sind.

Aber seien wir ehrlich: Mit deinem Reiz wird auch gutes Geschäft gemacht. Die Eintrittskarten, um einmal hochzufahren, sind nicht billig – und irre lange warten muss man auch. Oben helfen immerhin der Retro-Charme des Restaurants und der fantastische Ausblick über die ziemlich hohen Preise für das leider nur mittelmäßige Essen hinweg. Aber so ist das ja überall auf der Welt mit Touristenmagneten – wer in Pisa oder Paris gut essen will, tut das auch nicht unter dem Schiefen oder dem Eiffelturm. Außerdem weiß ich doch: Du, lieber Fernsehturm, kannst auch nichts dafür.
Die A114 übrigens soll ja von 2017 an saniert werden. Berlinreisende können dann nur noch auf einer Spur Richtung City fahren – das Verkehrschaos ist programmiert. Aber immerhin dürfen sie deinen Anblick dann länger genießen. Das ist ja auch schon was. Und wenn man dich dann sieht, Fernsehturm, weiß man: Es ist nicht mehr weit. Wo du bist, ist Zuhause. Wo du bist, ist der Himmel über Berlin.
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