Heino Ferch ist von jeher ein großer Schweiger. Lange Worte liegen ihm nicht, vielsagende Blicke, die Lippen aufeinander pressen und beredt mit den Backen mahlen, das ist seine Kunst. Insofern ist der Schauspieler genau die richtige Besetzung für die Siegfried-Lenz-Verfilmung „Der Verlust“, die ihn noch ein wenig mehr fordert, was das Unausgesprochene angeht. Denn da verkörpert er den Reiseführer Ulrich Martens, der eben noch seine Kunden im Plauderton unterhält und dem es dann buchstäblich die Sprache verschlägt. Ihm wird schlecht, er schwankt, muss seine Tour abbrechen, kommt ins Krankenhaus. Ein Hirnschlag.
Siegfried Lenz ist vor ziemlich genau einem Jahr, am 7. Oktober 2014, im Alter von 88 Jahren verstorben. Es spricht für das ZDF, den großen Schriftsteller zu seinem ersten Todestag mit einer neuen Verfilmung zu ehren. Welcher Sender macht so etwas heute noch? Und die Besetzung kann sich sehen lassen: Neben Ferch spielen Stars wie Ina Weisse, Fritzi Haberlandt, Meret Becker und Margarita Broich. Regie führte Thomas Berger, der auch schon die Lenz-Kurzgeschichte „Die Flut ist pünktlich“ adaptierte.
Nur leider, leider hat das mit Siegfried Lenz recht wenig zu tun. In seinem Roman von 1981 ging es wortreich und kunstvoll um den Verlust der Sprache, wie ein Mann von heute auf morgen damit leben muss, anders zu kommunizieren, mühsam die einfachsten Worte wiederzuerlernen. Heino Ferch darf sich auch ein paar Minuten im Krankenhaus plagen, darf auf einem Zettel hilflos das Wort „Geschangenfaft“ falsch hinkritzeln, um zu beschreiben, wie er sich fühlt. Aber richtig sprachlos ist er nicht. Er flüstert nur, als sei er heiser.
Der Verlust des Films ist also nicht die Sprache, sondern – der Lenz-Roman. Tatsächlich wird hier eine Story erzählt, die mit der Vorlage nichts zu tun hat. Als Nora (Ina Weiss) für Ulrich ein paar Sachen fürs Krankenhaus packen will, findet sie in seiner Wohnung Anzeichen für eine andere Frau. Statt sich um den Geliebten zu kümmern, begibt sie sich auf Spurensuche und entdeckt, dass er ein Doppelleben mit einer anderen Frau führt. Eine x-beliebige Dreiecksgeschichte, kraftvoll gespielt und inszeniert. Nur mit Lenz hat sie halt nichts zu tun. Man wird den bösen Verdacht nicht los, dass da ein altes Drehbuch liegen geblieben ist und auf den prominenten Toten umgebogen wurde. Ein Etikettenschwindel zum Todestag.
„Der Verlust“ ZDF, heute, 20.15 Uhr
Peter Zander

