Der erste Abend war ein voller Erfolg. Saal 3 des Zoo Palastes war ausverkauft. Das Publikum wollte nicht nur einen der schönsten Berlin-Filme der vergangenen Jahre sehen, Jan Ole Gersters „Oh Boy“ mit Tom Schilling. Nein, sie wollten auch den Regisseur und seinen Hauptdarsteller sehen, die persönlich in den Zoo Palast kamen und vor der Vorführung des Films etwas über die Entstehung erzählten.
Dass Gerster etwa seinem Freund Schilling das Drehbuch zu lesen gab, aber nur wissen wollte, ob er es gut fände, und Schilling dann unbedingt die Rolle haben wollte, aber regelrecht darum betteln musste. Oder dass die Dreharbeiten während der Fußball-WM stattfanden und es nicht nur schwierig war, die Szenen in den Straßen von Berlin ohne die allgegenwärtigen „Schland“-Flaggen einzufangen. Sondern dass die Crew an Tagen von Deutschlandspielen schneller gedreht hat. Um das Spiel nicht zu verpassen.

So wird Film lebendig. So erhält er eine ganz persönliche Note. Man kann nicht nur in einem der schönsten und geschichtsträchtigsten Kinos der Stadt einen schönen Film genießen. Man kann auch die Filmemacher live erleben und erfährt so Dinge, die noch mal einen ganz anderen Blickwinkel auf den Film erzeugen, selbst wenn man ihn schon gesehen hat. „Hauptrolle Berlin“: So heißt die schöne Reihe, in der der Zoo Palast gemeinsam mit der Berliner Morgenpost jeden ersten Dienstag im Monat einen Film präsentiert, in dem die Stadt selbst eine Rolle spielt.
In dem sie nicht nur die Kulisse hergibt, sondern eine Schlüsselfunktion innehat. Und jedes Mal wird dazu auch ein Gast geladen. Nach dem gelungenen Auftakt wird nun als Zweites Tom Tykwer seinen Film „Drei“ vorstellen. Das ist nicht ohne Ironie: Jan Ole Gerster hat ja einst als Praktikant bei Tykwer angefangen, bevor er mit „Oh Boy“ sein Erfolgsdebüt hingelegt hat. Nach dem „Praktikanten“ kommt nun der „Chef“. Am 6. Oktober folgt dann „Berlin Calling“ und am 3. November „Sonnenallee“.

Für Tom Tykwer war „Drei“ 2010 so etwas wie eine Rückkehr. Nicht dass er Berlin je den Rücken gekehrt hätte. Aber er hatte zehn Jahre lang internationale Produktionen auf Englisch gedreht, „Das Parfüm“ in Spanien, „Heaven“ in Italien. Und hatte zwölf Jahre, seit „Lola rennt“, nicht mehr dezidiert in Berlin gedreht. „Lola“ machte ihn schlagartig bekannt, auch im Ausland, hat ihn aber vielleicht auch ein wenig festgelegt.
Sein Thriller „The International“ entstand zwar zu großen Teilen in den Filmstudios von Babelsberg, dort aber wurde etwa das MoMA in New York nachgebastelt. „The International“ war immerhin der erste Kinofilm, der den frisch eingeweihten Hauptbahnhof in Szene setzte. Doch nur wenige Szenen spielten wirklich in der deutschen Hauptstadt. Was Berlin betraf, hat sich Tykwer also lange ein bisschen zurückgehalten.

Bis er dann eben „Drei“ entwickelte. In seiner Stadt. Eine radikale Dreiecksgeschichte. Radikal, weil Ménages-à-trois gewöhnlich von zwei Männern handeln, die dieselbe Frau lieben. Das Jules-und-Jim-Prinzip. Hier aber wird die Konstellation auf die Spitze getrieben: Ein Paar, das seit 20 Jahren zusammenlebt (Sophie Rois und Sebastian Schipper), verliebt sich unabhängig voneinander in einen Dritten, (Devid Striesow). Und alle drei wissen nicht, dass jeder jeden mit jedem betrügt oder doch hintergeht.
In Wirklichkeit ist Tykwers Dreier aber ein Vierer, weil das Trio sich ganz stark über seine Stadt erlebt. A lernt C erst bei einer Konferenz kennen, sieht ihn dann im Berliner Ensemble und im Mauerpark wieder. B begegnet C erst im Prinzenbad und dann im Badeschiff.
Drama im öffentlichen Raum
A und B spazieren ständig durch die Stadt, gehen zusammen in die „Körperwelten“-Schau und machen sich schließlich vor dem „Burgermeister“ in Kreuzberg einen Antrag. Und dann begegnen sie beide, in einer der schönsten Szenen des Films, ihrem Lover im Martin-Gropius-Bau. Heiteres Location-Raten.
Die Stadt spiegelt dieses Liebeskarussell dabei auf mannigfaltige Weise. Weil die Protagonisten immerfort ins Kino, ins Theater, ins Museum gehen und das dort Gezeigte ihre Situation kommentiert. Und gleich zu Beginn wird das Format dieser Geschichte buchstäblich vorgetanzt: in einer von Sasha Waltz im leeren Raum inszenierten Choreografie. Bei aller Intimität spielt Berlin als öffentlicher Ort also immer ganz zentral mit. Und wird damit auch zur Chiffre, zur Metapher auf das Beziehungsdreieck.

Die Rolle der Hanna hat der Regisseur dabei Sophie Rois auf den Leib geschrieben. Obwohl er sie damals nur von der (Volks-)Bühne, nicht aber persönlich kannte. Er hat sie dann auch erst mal gewarnt, als er ihr das Drehbuch zu lesen gab: „Ich sag’s dir gleich, es wird unheimlich viel gefickt da drin. Lass dich bitte nicht abschrecken.“
Auch Striesow und Schipper – mit „Victoria“ inzwischen selbst ein großer Berlin-Filmer – haben erst mal geschluckt bei ihrer Liebesszene, bis sie es durchaus lustig fanden. „Du musst“, sagt Striesows Adam im Film zu Schippers Simon, „nur Abschied nehmen von deinem deterministischen Biologieverständnis.“ Das hat wohl auch beim Drehen geholfen.
„Berlin als Heimatort zeigen“
Die Ironie will es, dass Tykwer das klassische Kleinfamilienmodell just dann filmisch infrage stellte, als er es privat mit seiner Partnerin Marie Steinmann selbst begründete. Was er nicht als Widerspruch sah. Zumindest die Stadt ist dabei wirklich die seine.
„Ich hatte ein Bedürfnis danach, Berlin – anders meinetwegen als noch in einem Film wie ,Lola rennt‘ – nicht so sehr als eine Kulisse zu zeigen wie im klassischen Sinne eines filmischen Motivs“, sagte Tykwer damals, „also sozusagen das Präsentierte ganz wegzulassen und Berlin als Heimat zu erzählen. Berlin als Heimatort, in dem man ganz oft überhaupt nicht reflektiert, wo man jetzt gerade hingeht, weil das halt Automatismen sind.“

Tom Tykwer hat in der Zwischenzeit wieder viel im Ausland gedreht, den spektakulären „Cloud Atlas“, die „Sense8“-Serie auf Netflix. Wird aber demnächst wieder Berlin verfilmen, diesmal historisch: Er adaptiert Volker Kutschers hochgelobte Gereon-Rath-Buchkrimis aus den 20er-, 30er-Jahren als Fernsehserie. Man darf gespannt sein auf diese dritte große Vereinnahmung der Stadt durch Tykwer.
„Drei“ Zoo Palast, 1. September, 20 Uhr, in Anwesenheit von Tom Tykwer.
Ein Wertgutschein in Höhe von 2 Euro beim Kauf einer Eintrittskarte in der Sonntagsausgabe der Morgenpost





