Hertha BSC

Lustenberger bleibt Kapitän - eine Entscheidung der Vernunft

Lustenberger bleibt Kapitän von Hertha. Trainer Dardai hat damit eine Notlösung gewählt. Die Kritik am Schweizer ist vorprogrammiert.

Foto: dpa Picture-Alliance / Jan Kuppert/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

Berlin.  Er hat sich lange Zeit gelassen. Seit dem Start in die Vorbereitung Ende Juni sprach Pal Dardai über vieles – der Antwort auf die Frage, wer in der neuen Saison sein Mannschafts­kapitän sein würde, wich Herthas Cheftrainer jedoch beharrlich aus.

Erst wollte er sich die Vorbereitung in Ruhe anschauen, dann darauf warten, dass auch der letzten Spieler an Bord ist. In dieser Woche vertröstete Dardai Fans und Journalisten fast täglich. Bis zum Pokalspiel in Bielefeld am Montag, ­sagte er grinsend, werde er schon ­jemanden finden.

Immerhin: Bis zum äußersten hat Dardai dieses Zeitfenster nicht ausgereizt. Drei Tage vor dem ersten Pflichtspiel der Saison steht fest: Es bleibt alles wie es ist. Der neue Kapitän ist der alte, Fabian Lustenberger.

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Es fehlt an Führungsspielern

„Fabian hat seine Aufgabe im letzten Jahr in einer riesigen Drucksituation gut gemacht“, sagte Dardai. Jetzt, zum Saisonstart, wo ein möglicher Abstiegskampf noch in weiter Ferne liegt, sei alles besser. Warum solle es Lustenberger also nicht machen? Es gab schon überzeugendere Argumente für einen Kapitän.

Dass sich Dardai mit seiner Entscheidung so lange Zeit ließ, hat einen einfachen Grund: So genau er seinen aktuellen Kader auch unter die Lupe nahm, seinen Wunschkandidaten als Träger der Spielführerbinde konnte er nicht entdecken.

Sein Bauch wünschte sich einen, der kein Blatt vor den Mund nimmt; einen, der sich nicht scheut, auch mal unbequeme Botschaften an seine Kollegen zu senden. Einen Effenberg, einen Sammer – oder zumindest eine Westentaschenversion dieser einstigen Platzhirsche, kurz: einen Führungsspieler alter Schule.

Vom Mannschaftsrat abgesegnet

„Wir haben gute Spieler und gute Jungs“, sagt Dardai, „aber so einen aggressiven Typen, einen ganz großen Anführer haben wir hier nicht.“ Am ehesten entspräche Thomas Kraft diesem Anforderungsprofil. Einen Torwart hat Dardai als Kapitän jedoch kategorisch ausgeschlossen.

Also entschied er im Zweifel pro Kopf. Gegen die Unruhe, die durch die Entmachtung seines Kapitäns entstanden wäre. Gegen die Verunsicherung eines Leistungsträgers, die Lustenberger durch seine Degradierung wohl verspürt hätte. Gegen eine Veränderung, die keine wirkliche gewesen wäre.

Über einen oder gar mehrere Stellvertreter wollte Dardai am Freitag nicht sprechen. Stattdessen verwies er auf den Einfluss des neuen Mannschaftsrats, bestehend aus Kraft, Per Skjelbred und Valentin Stocker sowie Sebastian Langkamp, Peter Pekarik, John Brooks, Roy Beerens und natürlich Lustenberger.

Ein Großteil dieser acht Spieler sehe Lustenberger als Kapitän, erklärte Dardai. „Damit ist er nicht nur mein Kapitän, sondern auch der der Mannschaft.“

Keine Stammplatzgarantie

Lustenberger, 27, im achten Jahr bei Hertha, geht damit in seine dritte Saison als Kapitän. Der Schweizer gilt als bedacht und kommunikativ, ist als Führungsspieler aber nicht unumstritten.

Herthas Ex-Coach Jos Luhukay machte in Krisenzeiten kein Geheimnis daraus, dass er sich mehr Führungsstärke gewünscht hätte. Eine Kritik, der schon weit größere Namen ausgesetzt waren. Bayern- und Nationalelf-Kapitän Philipp Lahm lässt grüßen.

Anders als der Weltmeister verfügt Lustenberger allerdings nicht über eine Stammplatzgarantie. Im defensiven Mittelfeld wartet mit Per Skjelbred ein laufstarker Konkurrent, in der Innenverteidigung der hochgewachsene und hochveranlagte John Brooks.

Für Dardai anscheindend kein Problem. Der Trainer machte deutlich, dass er vorerst auf Spieler setzen wird, die die Strapazen der Trainingslager ertragen haben. Während Lustenberger und Co. in Bad Saarow und Schladming schwitzen, spielte Brooks für die USA beim Gold Cup. Er wird sich zunächst ­hinten ­anstellen müssen.

Flache Hierarchie im Team

In Sachen Einstellung darf sich bei Hertha allerdings niemand mehr hinten anstellen. In Abwesenheit klassischer Alphatiere muss das Modell der flachen Hierarchien greifen.

Alle Stammkräfte stehen in der Pflicht, mehr Verantwortung zu übernehmen. So wie aktuell in Mönchengladbach, wo der frühere Hertha-Trainer Lucien Favre die Rolle des Kapitäns ad absurdum führt. Bei den „Fohlen“ geht die Binde künftig reihum.

„Wenn das Schiff auf falschem Kurs ist, genügt es nicht, den Kapitän auszuwechseln“, hat der tschechische Schriftsteller Pavel Kosorin einmal festgehalten. „Man muss den Kurs ändern.“ Anders ausgedrückt: Für Hertha gibt es 2015/16 wichtigere Fragen, als die nach dem Träger der Binde. Die Rufe nach einem starken Leitwolf sind trotzdem vorprogrammiert. Dann, wenn es nicht läuft.