Politik

O Captain! Zwei Captains!

Herthas BSC, die schwierige Suche nach einem Kapitän – und ein gewagter Vorschlag

Der Fußball ist seiner Zeit meist hinterher. Das konnte man beim Umgang mit dem Thema Rassismus in den 90er-Jahren erleben. Da flogen regelmäßig Bananen und Affenlaute aufs Feld, wenn dunkelhäutige Spieler am Ball waren. Aber dagegen ernsthaft unternommen hat man erst ab den Nullerjahren etwas. Und das war zuletzt auch beim Komplex Homophobie zu beobachten: Während Schwulsein in den meisten anderen Bereichen der Gesellschaft längst akzeptiert ist, drucksen sie im Fußball eher so rum. Auf absehbare Zeit wird sich jedenfalls wohl kein aktiver Profi outen.

Es ist also zu vermuten, dass der Fußball ein bisschen gestrig daherkommt. Dafür kann das Spiel selbst natürlich nichts. Aber es zieht eben auch ziemlich viele Leute an, die eher nach hinten als nach vorn schauen. So ist das auch – und ich bitte Sie, mir diesen zugegeben etwas windschiefen Vergleich nachzusehen – mit unserem heutigen Thema: der Mannschaftskapitän. Bei Hertha BSC hat Trainer Pal Dardai das Problem, keinen geeigneten Kandidaten nach seiner Couleur zu finden. Der Ungar hätte gern einen Steuermann wie früher, dessen Brust breit genug ist, dass man auch mal bei Zeiten drauftrommeln kann. Weil es den aber bei den Berlinern nicht gibt, wird Dardai nach langem Hadern an diesem Freitag wohl verkünden, dass weiterhin Fabian Lustenberger die Spielführerbinde tragen darf – ein Mann mit eher schmaler Brust.

Dass Dardai gern ein Kapitänsexemplar aus den 90ern hätte, ist nicht überraschend. Der 39-Jährige hat bei solchen Dingen seine Spielererfahrung von früher in die Gegenwart überführt. Aber ich würde behaupten, dass er damit auch den Geschmack vieler Anhänger trifft. Denn für die meisten hat sich die Rolle eines Kapitäns im Vergleich zu der von früher nicht verändert. Er soll zur Identifikation in zweierlei Richtungen einladen: Erstens nach innen, dem Team gegenüber. Die Seefahrtsanalogie ist da passend: Der Kapitän soll das Schiff auf Kurs halten. Er muss es auch in stürmischen Zeiten sicher ans Ziel navigieren. Die Mannschaft an Bord soll ihm dafür bedingungslos folgen. Zweitens muss der Spielführer aber auch die Fans zur Identifikation einladen. Er ist gefühlt ja ebenso ihr Anführer. In ihm wollen sie sich und ihren Klub nach außen repräsentiert sehen. O Captain! My Captain!

Sportlich muss der Kapitän ohnehin unantastbar sein und medial sturmfluterprobt. Dazu aber stellt er offenbar auch eine prächtige Projektionsfläche dar. Ein fehlpassloser, gekonnt parlierender Unumstößling.

Da macht es sich gut, wenn der Steuermann ein robuster Zeitgenosse ist. Leider wird Robustheit im Fußball oft mit Breitbeinigkeit verwechselt, und deshalb wurde nach dem Aus von Michael Ballack jahrelang über fehlende Anführertypen in der deutschen Nationalelf debattiert, bis das Team unter dem schmalbrüstigen Kapitän Philipp Lahm im vergangenen Jahr plötzlich Weltmeister wurde.

In unserer Kultur hat vielerorts schon lange eine Abkehr von autoritären Führungsstilen eingesetzt. Im Fußball scheint das aber mal wieder noch nicht überall angekommen zu sein. Über den Kapitän wird erhitzt diskutiert, und die etwas gestrigen Typen echauffieren sich, wenn einer – so wie Lustenberger – das Brusttrommeln vermeidet und leiser daherkommt. Als hinge das Wohl und Wehe eines Klubs davon ab.

Bei dem umfangreichen Anforderungsprofil eines Spielführers, und wenn Dardai eh Probleme bei der Entscheidungsfindung umtreiben, hätte ich einen gewagten Vorschlag zu machen: Ich habe mal in den USA am College Fußball gespielt, und dort hatten wir tatsächlich zwei Kapitäne mit Armbinde auf dem Feld. Das hat die Nummer entzerrt. Einer konnte den dicken Max machen und der andere die wirkliche Arbeit im Team. O Captain! Zwei Captains!

Und wenn Sie jetzt denken: Mir doch egal, was der Meyn da erzählt. Bei Borussia Mönchengladbach hat Trainer Lucien Favre gerade entschieden, dass sein Team keinen festen Kapitän braucht. Die Binde wird reihum gehen, weil jeder Spieler Verantwortung übernehmen soll.