Liebe Leserin, lieber Leser,
als Student beherrschte ich in meiner kleinen Wohnung in Tiergarten genau vier Gerichte: Spaghetti Bolognese, Spaghetti Napoli, Ravioli und Steak. Während ich die Bolognese tatsächlich selbst zubereitete und das auch beim Steak hinbekam, sah das bei den anderen beiden „Leibspeisen“ anders aus.
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Sonnabend
Genießen in Berlin
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Natürlich kaufte ich beim Edeka um die Ecke an der Levetzowstraße (das war doch ein Edeka, oder?) die Maggi-Ravioli aus der Dose, an guten Tagen die Variante mit „Fleisch“. 1,10 Mark standen 90 Pfennig gegenüber, wenn ich mich recht erinnere. Ich kam aus einem Haus, in dem meine Mutter auf der einen Seite täglich frisch kochte. Auf der anderen wuchs ich zu einer Zeit auf, da Dosenessen nicht als despektierlich angesehen, sondern gefeiert wurde. Als Befreiung von der Schnippelarbeit, als Erleichterung für die geplagte Hausfrau. Natürlich kaufte man Dosen, nicht weil man musste, sondern weil man es konnte. Was übrigens bis heute dazu führt, dass mir mein Hühnerfrikassee am besten mit Spargel und Champignons aus dem Glas schmeckt. Meiner Frau auch. Ja ja, ich sehe die Hobby- und Spitzenköche unter Ihnen erschüttert die Nase rümpfen. Dégueulasse, ich weiß es. Ist aber nun mal der Geschmack unserer Kindheit. Nur dieser typische Konservengeschmack macht es perfekt für uns.
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Beliebt war damals auch die ach so praktische TK-Lasagne (über die man noch Butterflöckchen streuen sollte), die aus meiner heutigen Sicht schrecklichen Knack-und-Back-Brötchen (die schmecken immer noch so wie früher, ich habe es ausprobiert) und diese seltsamen Teiglinge mit würfeligem Gemüse drauf. Die laufen als „Bistro Baguette“ immer noch über das Kassenband und würden in Frankreich wohl eine neue Revolution auslösen, sollte ein Food-Konzern jemals so verwegen sein, sie dort anzubieten.
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Es war ganz klar ein „Mirácoli-Tag“
Ich hatte also keine Berührungsängste, was Comfort Food angeht, und wenn es die oben erwähnten Spaghetti Napoli gab, dann war ganz klar ein „Mirácoli-Tag“. Sie erinnern sich an die Werbung? Wenn Sie mal richtig lachen wollen: Hier habe ich Ihnen einen der wohl berühmtesten Werbespots für Mirácoli auf YouTube verlinkt. Aus dem Jahr 1987, ich erinnere mich gut. „Essen ist fertig“, keiner kommt. „Mirácoli ist fertig.“ Alle eilen herbei. 1985 war sogar noch von „geheimnisvollen Gewürzen und Kräutern“ die Rede. So kann man „getrocknete Zwiebel, modifizierte Maisstärke, Salz, Kartoffelstärke, hydrolysiertes Pflanzeneiweiß (Mais, Raps), Zucker, Kräuter, Knoblauchpulver, Gewürze, Sonnenblumenöl“ (die offizielle Zutatenliste von der Mirácoli-Website) natürlich auch verkaufen. Damals galt auch noch: „Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald.“ Klar.
Auch meine Mutter, so gut sie als Köchin war, tat sich übrigens schwer mit dem Backen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Aber natürlich (!) hatte die Industrie auch hier vorgesorgt. Es gab und gibt Backmischungen. Zitronenkuchen und Marmorkuchen waren meine Lieblinge. Naja, und die ganzen Aromen darin, ob jetzt natürlich, naturidentisch oder künstlich, das hatte selbstverständlich Wumms, da konnte ein hausgemachtes Produkt einfach nicht mithalten. Und diese Lebensmittelfarben. Herrlich.
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Ich habe so etwas später nie wieder angefasst. Vor zwei Jahren kam ich jedoch in Versuchung, alldieweil meine Frau und ich zwei Tage auf unsere Nichte und unseren Neffen aufpassen mussten. Meine Nichte hatte am kommenden Tag Geburtstag. An ihrer Schule ist es Tradition, dass man zu der Gelegenheit etwas Süßes mitbringt. Meine Frau hatte auch schon fleißig im Supermarkt fertige Kuchen und Kekse eingekauft. Als ich meine Nichte allerdings von der Schule abholte, überraschte sie mich, als sie sorgenvoll fragte: „Was bringe ich denn jetzt morgen in die Schule zu meinem Geburtstag mit?“ Ich schaute souverän drein: „Mach Dir keine Sorgen, Deine Tante hat schon ganz viel eingekauft.“ Das vertiefte die Sorgenfalten allerdings nur (was auch einer Zehnjährigen nicht gut steht). Sie entgegnete: „Aber es muss doch was Selbstgemachtes sein.“ Ups. Nun entstanden auf meiner Stirn die Sorgenfalten, was mich als Endfünfziger wie einen Bernhardiner aussehen ließ.

Ich schluckte und mir huschten kurz die Backmischungen durch den Kopf. Aber das hätte ich vor mir selbst nicht verantworten können. Also bot ich trotz meiner laienhaften Backkenntnisse den Rest meiner Souveränität auf. „Keine Sorge. Sag mir einfach, was Du mitbringen möchtest, und wir machen das zusammen.“ Diesen zweifelnden Blick, mit dem sie mich bedachte, werde ich nie vergessen. Sie überlegte den ganzen Heimweg. Dann: „Ich möchte Brownies mitbringen.“ Ach Du Schande, wie machte man die? Souveränität wieder einschalten: „Brownies. Kein Problem.“ Lesebrille rauskramen, Handy in Anschlag bringen, Google: „Brownie-Rezept“. Zum Glück fand ich etwas. Wir checkten die Vorräte, kauften ein (wobei mein Neffe kurz im Gewühl verschwand und ich zum ersten Mal das entsetzliche Angstgefühl erlebte, das Väter wohl auch empfinden, wenn der siebenjährige Nachwuchs mitten in der Großstadt aus dem Blickfeld verschwindet) und machten uns an den Teig. Wir hatten viel Spaß, vor allem als mein Neffe den laufenden elektrischen Handrührer aus der Schüssel zog, ohne ihn vorher auszumachen. Natürlich durften sie trotzdem die Schüssel ausschlecken, das ist ja schließlich das Beste am Ganzen. Die Brownies gelangen, meine Nichte war selig und die Schulklasse wohl auch begeistert.
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Es geht also auch ohne. Aber was wäre, wenn man nun doch eine Backmischung entwickeln würde, die ohne Palmfett, Milchzucker, Emulgatoren und Aromen auskäme? Genau das haben sich Naz Pelen und Thomas Fortmann auch gedacht. Fortmann war in seinem Bekanntenkreis für seinen Carrot Cake bekannt. Alle baten ihn um das Rezept. Aber keiner backte den Kuchen – ein Phänomen, das ich auch kenne.
So entstand die Idee, gute Backmischungen zu machen. Monatelang wurde in der WG-Küche experimentiert. Die Mitbewohner hätten sich nicht beschwert, so Fortmann zu meiner Kollegin Stefanie Hofeditz. Sie durften die Ergebnisse ja essen. Es entstand „Tortmann“, ein Wortspiel natürlich. Und niemand zieht wohl nach Berlin, wenn er nicht ein paar Ideen hätte, etwas anders zu machen. Nur wir gebürtigen Berliner hätten es gern wie früher. Teilweise zumindest. Zum Carrot Cake gesellten sich also Sorten wie Tropische Blondies, Himbeer-Zitronenkuchen, Erdbeer-Cookies und Matcha-Cookies.
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Sie verzichten konsequent auf Aromen und Konservierungsstoffe und teilen die Zutaten in mehrere Tüten und Backschritte auf, um so das Ergebnis zu verbessern. Der Preis ist natürlich höher als im Supermarkt, aber vor allem der Carrot Cake läuft wohl gut. Spricht also nichts dagegen, das nächste Mal auf eine Backmischung zu setzen. Ob aber Zwölfjährige auf Matcha-Cookies stehen? Wer weiß.
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Gastro-News der Woche
Restaurant Week: Vom 28. Oktober bis zum 22. November findet in Berlin wieder die Restaurant Week statt. Geboten wird in zahlreichen Restaurants in der Hauptstadt ein Drei-Gänge-Menü zum festen Preis, inklusive einem Aperitif. Mit dabei sind neben anderen das „eins44“, das „Brikz“, das „Remi“ oder auch das „Bundesbüdchen“, „To The Bone“ oder das „BRLO“. Buchbar sind sechs tägliche 90-Minuten-Slots, Menü und Uhrzeit werden bei der Buchung festgelegt. Wählbar sind Menüs zu 29 oder 45 Euro. Infos und Reservierungen: https://restaurant-week.de/
Eis Engelchen: Der Sommer ist Geschichte und mit dem Beginn des Herbsts endet die Eis-Saison. Zum Abschluss verschenkt die Berliner Eismanufaktur Eis Engelchen zu Halloween Eis. Am 31. Oktober gibt es im Flagship Store im Hotel „Adlon Kempinski“ Gratiskugeln, um die Vitrinen leer zu machen. Ab 12 Uhr gibt es für alle zwei Kugeln gratis pro Person, so lange der Vorrat reicht. Danach geht es in die Winterpause, die Wiedereröffnung ist im März 2027. Hotel Adlon am Brandenburger Tor, Samstag, 31. Oktober 2026, ab 12 Uhr, solange der Vorrat reicht, bis zu zwei Kugeln Eis pro Person.

Clash: Felicitas Then geht in die Verlängerung. Die bekannte „The Taste“-Gewinnerin, Köchin und Kochbuch-Autorin bleibt noch bis Ende November im „Clash Kitchens & Bar“ im Hotel „Nyx“ in Köpenick. Anlass sei die gute Resonanz der Gäste, heißt es. Auf der Karte steht kalifornische Küche unter dem Motto „California Clash by Felicitas Then“. Then hat für die Verlängerung noch einige neue Gerichte entworfen, die zur Saison passen. Das Menü findet sich auf der Website des Hotels. Grünauer Str. 1, Köpenick, täglich 12-22 Uhr.
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Zwei Jubiläen in Berlin
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Bei der Menge an Restaurantbetrieben, die schließen müssen, ist jedes Jubiläum eine Feier wert. Zufälligerweise war ich in dieser Woche gleich bei zwei eingeladen. So feierte zum einen das Hotel „Titanic Chaussee“ an der Chausseestraße in Mitte sein Zehnjähriges. Nein, nicht sein zehnjähriges Jubiläum, um das einmal zu betonen, so etwas gibt es nicht. Das würde nämlich bedeuten, das Jubiläum dauere zehn Jahre. Korrekt ist also das Jubiläum des zehnjährigen Bestehens oder ähnlich.
Die „Titanic“ Hotels gehören der Familie Aygün. Die Brüder Mehmet und Saim kamen 1971 nach Berlin und eröffneten hier den ersten Dönerladen, an der Adalbertstraße. Ob sie das Döner Kebab wirklich erfunden haben, sei dahingestellt. Daraus entwickelte sich jedenfalls ein Familienimperium mit zahlreichen Hotels, in der Türkei und in Deutschland. Und das Titanic Chaussee hatte die Familie von Grund auf gebaut, eine Leistung, die man nur würdigen kann.
Und so wurde in das Restaurant „Pascarella“ geladen, wo Küchendirektor René Bütefisch Italien pur auf die Teller der rund 100 Gäste brachte. Ein angenehmer Abend mit unprätentiösen italienischen Klassikern, die für meinen Geschmack teils noch etwas mehr mutige Würzung vertragen hätten.

Das zweite Jubiläum: Andraschko. Seit Jahren kämpfe ich darum, dass die redaktionelle Kaffeemaschine ihre Füllung aus den roten Tüten des Unternehmerehepaars Elisabeth und Willy Andraschko erhält. Allein, der Preis schreckt etwas ab. Zuhause jedoch sieht die Nespresso-Kapselmaschine ihrem Ende entgegen, wogegen die jahrelang im Schrank verschwundene French Press ein Comeback feiert, natürlich nur mit Andraschko-Kaffee. Ich will hier keine Werbung machen (tue es nolens volens natürlich trotzdem), aber was die Andraschkos da in ihrer Rösterei in einem Industriegebiet in Tempelhof fabrizieren, ist aus meiner Sicht Spitzenklasse. Das hat mit Jacobs Krönung, Dallmayr Prodomo oder auch Nespresso etwa so viel zu tun wie Sekt aus dem unteren Supermarktregal mit einem Champagner. Und der Erfolg gibt ihnen recht: 20 Jahre gibt es das Unternehmen bereits, und kaum ein Spitzenrestaurant verzichtet auf die Kaffees. Vielleicht ist das ja auch mal was für Sie. Man kann sich die Kaffeesorten in unterschiedlichen Mahlgraden liefern lassen, auch für die Filtermaschine. Manuela Blisse hat die Geschichte der beiden aufgeschrieben. Es war jedenfalls ein sehr unterhaltsamer Abend, mitten in der Rösterei, bei dem mir Zwei-Sterne-Koch Sebastian Frank („Horváth“) genau erklärte, was er von einem echten Backhendl erwarte und wie er es zubereiten würde. Vielen Dank dafür, demnächst werde ich es ganz sicher ausprobieren.
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Überraschendes Kleinod janz jotwede
Wissense, Berlin is ja riesich, weeß jeda. Und so intanational, det jeda Kiez seine eijene Sprache hat. Heimatsprache in Neukölln is mittlaweile türkisch oda arabisch klar. Mitte? Nur Englisch, nüscht sonst. Prenzlberg ooch. Aba wenn ick an die eene oda andre Ecke denke, denn fang ick janz automatisch an zu berlinan. Charlottenburg is so eene Ecke, ooch jerne Charlyburg jenannt. Wilmasdorf sowieso. Und denn jibt‘s da noch Tempelhof und Lichtenrade. Für alle aus Pankow: Det liegt im Süden und is eene der letzten Idyllen von Berlin, wa? Ick weeß det, ick wär da fast ma hinjezojen. Aba die Androhung der Dresdner Bahn hat mir davon abjehalten.

Ich mache mal auf Hochdeutsch weiter, bevor ich Ihre Berliner Sprachkenntnisse zu stark strapaziere. Det Berlinerische is imma noch olle Kasupke vorbehalten. Jetzt haben wir jedenfalls die Dresdner Bahn und ich genieße es, mit dem FEX in kürzester Zeit am BER zu sein. Deutschlandticket sei Dank spare ich damit 60 Euro, die ich sonst für Taxi, Bolt oder Uber berappt hätte. Aber Lichtenrade hat auch einen S-Bahnhof, man kommt also ganz gut dahin. Nur für Kulinarik war der Ortsteil bislang nicht so bekannt. Doch genau hier hat Ahmed Omer Ahmed ein Restaurant eröffnet.
Dabei war er selbst auch erstmal ratlos und wusste gar nicht, wo Lichtenrade überhaupt sein soll. Er habe zunächst an Lichtenberg gedacht, erzählte er meiner Kollegin Gesa Noormann. Seit Dezember 2025 kocht er im schicken Glaskubus direkt am S-Bahnhof, auf dem Gelände des neuen Quartiers um die Alte Mälzerei.
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Der Mann hat früher unter anderem in Sterneküchen gearbeitet, in Berlin auch im „Tisk“. Seine kreative, frische Küche setzt konsequent auf regionale, saisonale Zutaten, die von nachhaltigen Partnern wie „Kumpel & Keule“ oder dem „Ökodorf Brodowin“ stammen. „Ich versuche einfach, alles ein bisschen leichter, filigraner und eleganter zu machen“, sagte Omer meiner Kollegin Gesa Noormann, die den Weg von Westend nach Lichtenrade auf sich genommen hatte. Sie war jedenfalls sehr angetan von dem, was dort auf die Teller und in die Gläser kommt. Hier ihre glasklare Empfehlung.
Damit verabschiede ich mich für heute von Ihnen und mache meine regelmäßige Schubladen-Razzia – auf der Jagd nach Überflüssigem und Abgelaufenem. Backmischungen oder Ravioli finden sich darin garantiert nicht (die hatten wir zuletzt während Corona als Notvorrat). Aber die eine oder andere Tüte Fertig-Kartoffelpüree könnte bestimmt noch entsorgt werden. Ihnen wünsche ich viel Freude beim Backen, schließlich ist die Weihnachtszeit nicht mehr fern, mit feinem Kaffee, italienischen Spezialitäten oder einem Ausflug in den Süden Berlins – und natürlich wieder eine genussvolle Woche. Nächstes Mal erfahren Sie, wo es zum Morgenpost-Menü im November geht. Ich hoffe, Sie werden sich genauso über den spektakulären Ort freuen wie ich.
Herzlich, Ihr
Alexander Uhl









