Liebe Leserin, lieber Leser,

haben Sie auch schon mal in einem Restaurant gesessen und ein Pärchen am Nebentisch beobachtet? Sicher, auch wenn das natürlich keiner gern zugibt. Falls die Aufmerksamkeit meiner Frau zu sehr in Richtung der schlechten Essmanieren wandert, die nebenan praktiziert werden, zitiere ich gern meinen Vater. Der ermahnte mich als Kind drohend mit der Frage: „Wo ist unser Tisch?“ Meine Frau praktiziert das inzwischen auch umgekehrt, denn ich bin nicht weniger neugierig als sie. Schließlich sind wir Journalisten. Worauf ich hinauswill: Häufig sehe ich dabei Menschen, die sich gegenüber sitzen und sich anschweigen. Stattdessen schauen sie auf ihre Handys, gelangweilt auf die Teller oder semi-interessiert im Restaurant herum. Wo ist unser Tisch?

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Allerdings gibt es Ausnahmen, wo die Ablenkung normal ist. Der Grund: Man isst bei einer Veranstaltung. Vorn auf der Bühne Gesang, Revue, Tanz, Darbietung, am Tisch Seezunge Meunière, Tournedo Rossini oder Pfirsich Melba. Zu sehen ist so etwas in vielen alten Filmen. Heutzutage ist das, was wir wohl neudeutsch Event-Gastronomie nennen würden, etwas aus der Mode gekommen. Stattdessen lieben wir das gesellige Miteinander, die Unterhaltung, das soziale Gemenge. Falls man sich noch etwas zu sagen hat.

Obwohl: Ist die Event-Gastronomie aus der Mode gekommen? Zurzeit ist ein anderer Trend zu beobachten, zumindest die ersten zarten Triebe eines wiedererstarkenden Pflänzchens. Denn seit Corona reicht es den Menschen offenbar teilweise eben nicht mehr, in Restaurants zu gehen und über Gott und die Welt zu plaudern: Sie wollen unterhalten werden, brauchen den Extra-Kick, nicht nur auf dem Teller.

Was mich immer an Monty Python erinnert: In dem Film „Der Sinn des Lebens“ bietet ein Kellner einem Ehepaar in den mittleren Jahren Themenkarten an, damit sie sich unterhalten können.

„Le Petit Chef“ verbindet Live-Animation und reales Menü auf einem Teller.
„Le Petit Chef“ verbindet Live-Animation und reales Menü auf einem Teller.© Skullmapping | Skullmapping

Das ist nun bei den Event-Angeboten nicht mehr nötig. Entweder tobt ein kleiner animierter Küchenchef über Tisch und Teller, um beim Erfolgskonzept „Le petit Chef“ Augen zum Strahlen zu bringen. Oder es wird musiziert wie beim Sinatra Dinner oder gleich eine gigantische Show geboten wie im „Wintergarten“. Naja, und „Pomp Duck“ im Spiegelzelt ist natürlich jedem ein Begriff – und funktioniert seit Jahren wunderbar.

Ich selbst kann einem solchen Konzept nicht allzu viel abgewinnen – was auch an schlechten Erfahrungen liegt. So hatte ein Kellner einmal vor dem Auftritt von Barbara Schöneberger im Tipi am Kanzleramt meiner Frau ein volles Glas zielsicher in die Handtasche gekippt. Passiert in dem Gedränge und spricht dafür, dass man sich doch auf eins konzentrieren sollte: entweder den Sänger, das Essen oder sein Gegenüber.

Juliane Eva Reichert hat dem Trend zu Berlins neuen „Hungerspielen“ nachgespürt, stellt Ihnen hier einige der Angebote vor, und macht sich Gedanken, was dieser Trend bedeuten könnte.

Asiatisch exquisit beim Morgenpost-Menü Veggie in Mitte

Morgenpost-Menü Veggie Mai im Moon Exquisite
Ngo Bao Do (Service-Leiter), Tran Dang Hoang (Sous-Chef), Hoa Vu Viet (Geschäftsführer), Nguyen Phuong Nam Demi (Chef de Partie) und Quoc Hoan Nguyen (Chef de Cuisine, von links) im Moon Exquisite. © FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Viele von Ihnen erinnern sich sicher noch an das „Balthazar“ am Kudamm, wo Holger Zurbrüggen jahrelang wirkte. Später verlagerte er seine Tätigkeit ganz nach Mitte, in das „Balthazar 2“ am Spreeufer. Groß war bei vielen Szenekundigen die Überraschung, als er vor einem Jahr ganz einfach aufhörte. Ohne Sang, ohne Klang, ohne Tamtam. Raus kam das auch nur, weil sein Nachfolger sich ankündigte.

Hoa Vu Viet, ehemaliger Balletttänzer (ich stolpere immer noch über die drei „t“, egal wie lange die Rechtschreibreform her ist), führt ein sehr erfolgreiches vietnamesisches Restaurant in Weißensee. Fast alle seine Gäste sind Stammkunden, die dort authentische vietnamesische Küche genießen. Doch Hoa wollte mehr. Denn er ist zwar kein gelernter Koch, hat aber viele kreative Ideen, die er ausleben möchte. Und so übernahm er das „Balthazar“ am Spreeufer. Das heißt jetzt seit einem Jahr „Moon Exquisite“ und ist genau das: exquisit.

Morgenpost-Menü Veggie Mai im Moon Exquisite
Nori-Capellini, Burrata, Basilikum-Pesto, Parmesan und Togarashi: der Hauptgang beim Morgenpost-Menü Veggie im „Moon Exquisite“.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Für das Morgenpost-Menü Veggie hat er mit seinem Küchenchef fünf spannende Gänge kreiert, die eine Fusion von europäischer und asiatischer Küche darstellen. Das funktioniert erstaunlich gut, viele andere versuchen so etwas auch und scheitern kläglich. So serviert er die „Golden Pumpkin Symphony“, eine Komposition aus Zwiebelmus, sautiertem Hokkaido-Kürbis, Zwiebelchutney und einem Wantan-Cracker, der wie ein Deckel darüber liegt. Das ist schon großes Kino.

Auch die anderen Gänge haben mich „abgeholt“: Macadamia-Topinambur-Süppchen mit hausgemachtem Chiliöl etwa, das Sorbet aus Nashi-Birne, angegossen mit Rosé-Sekt, und auch die Nori-Capellini, die mutig mit Burrata, Basilikum-Pesto, Parmesan und Togarashi kombiniert werden. Der wilde Geschmack des Meeres durch die Alge verbindet sich perfekt mit der cremigen Burrata. Das ist mal was ganz anderes. Auch das Dessert, Earl-Grey-Tiramisu mit Matcha-Pulver, begleitet von einem seltenen japanischen Pflaumenwein, macht so richtig Spaß.

Also: Selbst wenn Sie eingefleischter Liebhaber von Kalb, Huhn, Rind oder Lamm sind, sollten Sie den Weg nach Mitte antreten, ich kann Ihnen das Menü und den überaus zuvorkommenden Service nur empfehlen.

Spargel mal ganz anders?

Bekannt, beliebt, unkaputtbar: Schnitzel, Spargel und Kartoffeln mit Sauce hollandaise.
Bekannt, beliebt, unkaputtbar: Schnitzel, Spargel und Kartoffeln mit Sauce hollandaise.© Martin Schutt/dpa/Archivbild | Unbekannt

Wie essen Sie am liebsten Ihren Spargel? Als Cremesuppe, mit Kochschinken, rohem Schinken, gehacktem Ei, zerlassener Butter oder Sauce hollandaise? Vielleicht auch gern das Schnitzel dazu? Laaaaaaangweilig. Klar, ein- oder zweimal pro Saison habe ich das auch gern, bei mir vorzugsweise mit einem perfekt soufflierten Schnitzelchen und mit Hollandaise, aber immer muss das nicht sein. Mein verwöhnter (manche sagen „versauter“) Gaumen wird dieser Eintönigkeit schnell überdrüssig. Aber gibt es überhaupt was anderes? Gefühlt nicht.

Spargelgerichte
So geht’s auch: Spargelschnitte aus dem „Chicchetti da Rosa“.© gn | GN

Insofern freute ich mich sehr, als Gesa Noormann mir vorschlug, nicht nur die besten Weine zum Spargel vorzustellen, sondern auch einmal Restaurants aufzusuchen, die Spargel innovativ anbieten. Mit dem Königsgemüse kann man nämlich wirklich viel machen. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Sanddorn-Spargel-Risotto? Oder einer Spargelschnitte? Sieht schon klasse aus, finde ich. Spargel kann man auch grillen oder braten, es muss nicht immer gekocht in Wasser mit Zitronensaft, Salz, Zucker und Butter sein. Hier finden Sie ein paar Anregungen, was alles mit Spargel geht. Und falls sie das selbst mal ausprobieren möchten: Hier geht es zu den Rezepten.

Damit heize ich mal den Grill vor. Wenn es um Mut geht, kann man auch mal ein Seattle-Style-Teriyaki-Huhn zusammen mit Spargel auf den Rost hauen. Ihnen wünsche ich viel Spaß bei einem Event, ob mit oder ohne Gastronomie, mit Spargel oder mit den asiatisch-europäischen Köstlichkeiten beim Veggie-Menü. Und natürlich wie immer eine genussvolle Woche.

Herzlich, Ihr

Alexander Uhl

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