was mich an Berlin immer fasziniert, sind die Kontraste. Hier kann man tobende, tosende und taubmachende Hauptstraßen entlanglaufen, sich durch Massen drängeln, die sich nur brüllend unterhalten, weil der Verkehr so laut ist, nur um einmal abzubiegen und unmittelbar auf dem Dorf zu sein. Vögel zwitschern, Menschen unterhalten sich, kleine Läden verkaufen Selbstgemachtes, ab und zu mal ein Auto. Wunderbar.
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Als ich zum ersten Mal in Schottland war, nannte ich diesen Überraschungseffekt „Happy Slapping“, weil ich häufig eine Landstraße entlangfuhr, mich dabei an den Anblick gewöhnte und hinter der nächsten Kurve erneut unvermutet auf so schöne Landschaften stieß, dass ich mich fühlte, als hätte das Glück mir eine Ohrfeige verpasst.

Ähnlich ist es in Tiergarten. Wer an der Turmstraße aus der U-Bahn steigt und Richtung JVA die Straße Alt-Moabit entlang läuft, der würde wahrscheinlich nicht vermuten, dass einmal Abbiegen reicht, um eine völlig andere Welt zu betreten. Insofern war meine freudige Überraschung vor einigen Jahren groß, als ich das erste Mal den „Spreebogen“ besuchte. Dahinter lag ein völlig anderes Viertel, wie aus der Zeit gefallen. Zum einen der industriearchitektonisch wertvolle Komplex der alten Bolle Meierei, liebevoll restauriert und zu neuem Leben erweckt. Dann das ultramoderne, gigantisch wirkende Gebäude des Spreebogens, in dem einst das Bundesinnenministerium residierte. Und schließlich die Lage, direkt an der Spree, mit einem gepflasterten Uferweg, einem gepflegt wirkenden Spielplatz, und dem Blick über den Fluss, der uns Berlinerinnen und Berliner immer das Herz höher schlagen lässt, so wie dem Kölner der „Altvater Rhing“.
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Es ist eine Oase in der Großstadtwüste, ein Begriff, den ich als Journalist eigentlich nicht verwende, weil er so abgedroschen ist. Aber hier trifft er ausnahmsweise mal zu. Noch angenehmer wurde mir das Areal ein paar Jahre später, als Christopher Kümper die kulinarischen Geschicke des Restaurantschiffs „Patio“ übernahm. Wer einmal im Sonnenschein dort auf dem Oberdeck gesessen und die Gerichte dieses Ausnahmekochs gegessen hat, während die Ausflugsschiffe und kleinen Motoryachten an einem vorbeiziehen, der hat vielleicht diesen so seltenen Moment reinen und ungetrübten Glücks, den ich damals empfand und der sich für den Rest des Lebens einprägt.

Ein weiteres bemerkenswertes Boot liegt nur wenige Meter entfernt vor Anker: die „Aida“, ein Mahagoni-Schiff von 1930 aus Stockholm, das liebevoll restauriert wurde und bei dessen Anblick mir diese Woche das Herz wehtat, so schön ist es. Die kleine Yacht kann man für Ausflüge chartern, sie gehört zum Hotel „Ameron Berlin Abion Spreebogen Waterside“, das im Bolle-Komplex residiert und in dem das Restaurant „Carl & Sophie“ mit Köstlichkeiten aufwartet. Vielleicht ist es Ihnen als treuer Leserin oder treuem Leser bekannt, 2019 fand hier das Morgenpost-Menü statt. Man sitzt im lichtdurchfluteten Gastraum oder auf der Terrasse direkt an der Spree und genießt ein ähnliches Gefühl wie an Bord der „Patio“.

In dem Restaurant hat inzwischen Martin Höse die Geschicke der Küche übernommen, und hier findet im August das Morgenpost-Tasting statt. Das Team hat einen sommerlichen Ode Lemon Spritz und vier außergewöhnliche Weine zusammengestellt. Höse bereitet dazu fünf Gänge vor, die wirklich ihresgleichen suchen und schon ein kleines Morgenpost-Menü sind. Schinken vom Bunten Bentheimer mit salziger Zitronencreme und Feigenconfit, Tatar vom Kräutersaitling, Adlerfisch mit einem hinreißenden Fenchel-Risotto und Apfel, Geschmortes vom Wenger Ochsen und Gebackener Pfirsich stehen auf der Karte und ergänzen den Drink sowie einen spannenden Orange Wein, Weißburgunder, einen roten Solera und einen edelsüßen Riesling perfekt.
Spätzle an der Sonnenallee und vegane Gerichte im Körnerpark

Ähnliche Kontraste gibt es auch in Neukölln zu erleben. Kurz vor meinem Urlaub war ich, wie berichtet, bei einem längeren Spaziergang zum „eins44“, wo im August das klassische Morgenpost-Menü stattfindet, die Karl-Marx-Straße entlang gelaufen. Ein Besuch wie in einer anderen Welt. Vor allem Arabisch war zu hören, und das Ambiente erinnerte mich an Kairo. Falafel, Döner, Köfte gab es dicht gepackt nebeneinander, unterbrochen von Cafés, vor denen Männer in der Sonne saßen und Tee tranken. Ähnlich ist es an der Sonnenallee, wie mein Kollege Franz Michael Rohm feststellte.

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Doch dort residiert zwischen all den türkischen und arabischen Angeboten seit 2011 eben auch ein Restaurant, das sich auf die gute alte deutsche Küche spezialisiert hat: die „Kindl Stuben“. Hier stellt Küchenchefin Jasmin Kaya täglich frische Maultaschen und Spätzle her, es gibt gepflegtes Bier vom Fass, und das Erfreuliche: Die Preise sind kieztypisch alle moderat gehalten. Für unsere Rubrik „Unter 25 Euro“ hat er das Restaurant besucht und war nach einer Portion Spätzle überaus zufrieden und so gesättigt, dass nicht einmal mehr Platz für einen Nachtisch blieb.

Und noch einmal Kontraste: Nur 20 Fußminuten davon entfernt liegt der Körnerpark, einer der schönsten Parks in Berlin, auch wenn er leider immer wieder eher im Polizeibericht auftaucht, als in Artikeln, die einen Ausflug dorthin empfehlen. Und doch hat das Max Gerolstein und Simon Braus nicht davon abgehalten, hier die Orangerie zu übernehmen und ein ganztägiges kulinarisches Angebot zu etablieren. Natürlich sind sie sich des Umfelds bewusst, doch das dürfe ihre Mission nicht beeinträchtigen, erzählten sie Manuela Blisse, als sie vorbeischaute.
Das Ambiente ist spektakulär: Die „Orangerie Neukölln“ ist arkadisch gelegen. Es gibt Frühstück, Lunch und Abendessen. „All unsere Gerichte sind übrigens vegan. Unser Verzicht auf tierische Produkte ist jedoch nicht dogmatisch. Es geht vor allem um Genuss“, erklärt Max Gerolstein. Das gilt auch für die Speisen der Wochenkarte, ein gutes halbes Dutzend gibt es, vom Auberginenauflauf bis zum Caesar Salad. „Wir legen größten Wert auf Produktqualitäten, arbeiten mit Bio-Produkten, beim Essen gänzlich, bei den Getränken vielfach, und kalkulieren unsere Preise sehr Gäste-fair. Wir sind da sehr idealistisch unterwegs“, so Braus und Gerolstein. Ein Ausflug nach Neukölln lohnt sich also.
Neuer Stern für Charlottenburg

Das gilt auch für die Grolmanstraße in Charlottenburg. Franz Michael Rohm und meine Wenigkeit hatten ja schon einmal über das kulinarische Zentrum rund um den Savignyplatz berichtet. Hier hat Kristiane Kegelmann ihr Restaurant „pars“. Kegelmann ist Bildhauerin, außerdem Konditorin und berühmt für ihre Pralinen, echte Kunstwerke. Und jetzt hat ihr neuer Küchenchef Florian Sperlhofer mit seinen Kreationen auch den ersten Michelin-Stern für das Restaurant geholt.
Sperlhofer hat den Job von Alina Jakobsmeier übernommen. „Eigentlich wollte ich wieder eine Frau einstellen, aber dann war vom Bauchgefühl her schnell klar, dass Florian perfekt zu uns passt“, erzählte Kegelmann Gesa Noormann bei ihrem Besuch im „pars“. Sperlhofer ist gebürtiger Österreicher und hat reichlich Erfahrung in besternten Restaurants gesammelt. Zuletzt war er Sous-Chef im mit drei Michelin-Sternen ausgezeichneten Restaurant „Rutz“, nach Intermezzi im Restaurant „Amador“ (3 Sterne) und Restaurant „Reinstoff“ (2 Sterne) verantwortete er im Restaurant „Tim Raue“ (2 Sterne) die Patisserie und im „Bootshaus Traunkirchen“ den Entremetier.

Bei seiner Arbeit verzichtet er auf luxuriöse Zutaten, ein Trend in der Sternegastronomie, die früher vor allem nur das Beste und Teuerste verwendete. Dabei lässt ihm Kegelmann freie Hand. „Ich kann alles machen, was ich will. Mein Anspruch ist es, regionale Produkte in Weltklasse-Qualität zu verwenden und diese nicht zu verspielt und möglichst naturbelassen einzusetzen. Bei mir gibt es keine 1000 Gele, im Grunde gar keine Gele“ erklärt er.
Die Kollegin durfte sein aktuelles Menü probieren und war – bis auf eine winzige Kleinigkeit – schlichtweg begeistert. Den Erfahrungsbericht von ihrem „wunderbaren Abend“ finden Sie hier.
Spätzle auch beim Rezept der Woche
Abschließend verweise ich Sie gerne noch auf unser Rezept der Woche, falls Sie keine Lust oder Zeit haben, essen zu gehen. Jede Woche stellt ein Spitzenkoch der Stadt ein Rezept vor. Dieses Mal verrät Ihnen Felix Klawitter vom Restaurant „Crackers“ – passend zum „Unter 25 Euro“ –, wie er Petersilienspätzle mit Röstschalotten-Creme und Pfifferlingen zubereitet. Ich habe es selbst noch nicht ausprobiert, aber es steht ganz oben auf meiner Hobbykoch-Liste. Das Ganze klingt jedenfalls unkompliziert und verspricht hohe Genüsse auch für zu Hause.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen wieder schöne kulinarische Erlebnisse, ob beim Morgenpost-Tasting im Spreebogen (der Adlerfisch auf Fenchelrisotto ist wirklich unglaublich gut), mit Spätzle in Neukölln (es gibt auch Maultaschen und Schnitzel) oder beim Nachkochen von Klawitters Variante aus dem „Crackers“ (fehlen nur noch die Pfifferlinge im Angebot, oder haben Sie schon welche gesehen?) und wie immer eine genussvolle Woche.
Herzlich, Ihr
Alexander Uhl
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