Einladend sieht das Gebäude-Ensemble von draußen zunächst nicht aus. An der Eresburgstraße im Rücken von Ikea Tempelhof und Bauhaus liegt ein weiteres Industriegelände. Einst residierte hier Schlüterbrot, den meisten älteren Berlinern noch bekannt. Heute haben sich diverse Firmen angesiedelt. Und im Hochparterre an einer Laderampe liegt „Der Weinheuer“ von Andreas und Stefanie Heuer.

Sonnabend

Genießen in Berlin

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Das Erstaunliche: Der riesige Raum ist eine Lagerhalle, keine Frage, die Weinkartons – geführt werden mehr als 1000 Positionen – stehen direkt auf dem Boden, und dennoch strahlt das Ganze große und wohlige Gemütlichkeit aus. In Behältern liegen Tausende Korken, sie sorgen für einen heimeligen Duft, der Raum ist großzügig und licht. Gleich rechts vom Eingang der große „Chef‘s Table“ aus Holz, versehen mit den Aufschriften diverser Weingüter. Hier wird im April das Morgenpost-Tasting stattfinden.

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Der versierte Sommelier und Leiter der Wein- und Sommelierschule Koblenz, Claus Niebuhr, hat dafür fünf exzellente Weine ausgesucht und sich für die absolut klassische Begleitung zu Weinen entschieden: Käse. Nur sind das natürlich nicht irgendwelche Käse, sondern charakterstarke Köstlichkeiten, bezogen von einem der bekanntesten Käsehändler Berlins: Maître Philippe.

„In Frankreich nennt man das die Dreieinigkeit“, sagt Niebuhr, der im Verlauf des Termins immer wieder beweist, welch exzellente Expertise er in Sachen Wein, aber auch Käse besitzt und zu jedem Wein und zu jedem Käse eine detaillierte Geschichte kennt. „Man braucht gutes Brot, Käse und Wein. Die drei Dinge passen wirklich ideal zusammen, man hat den perfekten Genussmoment.“ Niebuhr hat sich komplett für französischen Käse entschieden, „Frankreich ist wohl das Käseland par excellence“, sagt er. Dabei folgt er zwei grundsätzlichen Aspekten, denen von Akzent und Harmonie. Heißt: Entweder einen besonderen Akzent noch betonen und verstärken oder Eigenschaften des Weins abmildern, also harmonisieren.

Ein zarter Ziegenkäse und ein Sauvignon von der Loire machen den Auftakt

Touraine Sauvignon mit Valencay-Ziegenkäse, beides von der Loire.
Touraine Sauvignon mit Valencay-Ziegenkäse, beides von der Loire.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Zunächst serviert Carola Pell, Mitarbeiterin für Events, einen Touraine Sauvignon des Jahres 2023 von der Domaine de la Renaudi an der Loire. Der präsentiert sich in der Nase zunächst mal fruchtig mit Noten vom grünen Apfel. Im Mund kommt dann Melone zum Tragen, etwas Honigmelone, etwas Wassermelone. Das ist fruchtig, grrün und licht, mit fein eingebundener Säure. Ein frischer und jugendlicher Sommerwein für die Terrasse.

Niebuhr hat dazu einen Valencay ausgesucht, einen Ziegenkäse, der ebenfalls von der Loire stammt. Der zeichnet sich durch das klassische Ziegenkäse-Aroma aus, ist durchaus streng, mit einem leicht seifigen Charakter, kräftig und etwas fordernd, mit etwas Asche im Abgang von der Rinde.

Wein und Käse passen exzellent zueinander, der Sauvignon bekommt etwas mehr Säure, aber mildert den Käse auch schön ab, ohne ihn unterzubuttern, entwickelt im Zusammenspiel noch mehr Tiefe. Ein echtes Match ist dazu auch das Brot mit Datteln und Walnüssen, die Süße passt ebenfalls sehr gut in das Bild. Ein Auftakt, der die Augen öffnet, Magen und Sinne wachmacht.

Chardonnay aus der Pfalz und Brillat-Savarin aus der Normandie

Chardonnay vom VDP-Weingut Münzberg aus der Pfalz, dazu Brillat-Savarin aus der Normandie.
Chardonnay vom VDP-Weingut Münzberg aus der Pfalz, dazu Brillat-Savarin aus der Normandie. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Es folgt ein Sprung nach Deutschland, in die Pfalz. Das VdP-Weingut Münzberg in der Pfalz steuert einen Chardonnay bei, einen Goldramstein Kalkgestein, ebenfalls aus dem Jahr 2023. Da ist schon mal viel Holz in der Nase, im Mund präsentiert sich eine durchaus stramme Säure mit sehr langem Nachhall, in dem sich Kalk und Schiefer melden, die noch einmal in die Nase duften. Der vielbeschworene „nasse Stein, der in der Sonne trocknet“, da ist er wieder. Ein sehr erwachsen wirkender Wein, mit viel Schmelz.

Niebuhr hat dazu einen Brillat-Savarin ausgesucht, einen Kuhmilch-Weichkäse aus der Normandie, der ebenfalls auf einen schmelzigen Charakter setzt. Denn im Mund ist da zunächst viel Sahne, bevor er seine ganz eigene und komplexe Charakteristik entfaltet. Die Rinde steuert ordentlich Champignon dazu, der Wein wird dazu wunderbar frisch, entwickelt eine schöne Süße und mildert so die Strenge des Käses, das ist sehr ausgewogen und ergänzt sich perfekt. Lassen Sie sich nicht die Aprikose entgehen, die bringt noch einmal Frucht dazu und ist dazu gedacht, den Wein zu verstärken, zu akzentuieren, was auch wunderbar gelingt.

Rollender Stein mit baskischem Schafskäse beim Morgenpost-Tasting

Morgenpost-Tasting März im Weinheuer
Côtes du Rhône „Roulepierre“ von der Domaine Amadieu mit Ardi Gasna. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Nach zwei Weißweinen geht es jetzt mit Rotwein weiter, und zwar mit einem Côtes du Rhône „Roulepierre“ der Domaine Amadieu, natürlich von der Rhône. Dieser „rollende Stein“ (Roulepierre) oder „Rolling Stone“ ist ein ganz typischer Vertreter seiner Zunft: Es findet sich viel Cassis, Kirsche schwingt auch mit, zudem rote Beeren, Brombeere, ein Anklang von roter Grütze. Ein leichtfüßiger unbeschwerter Wein mit viel Spaßfaktor.

Den bringt auch der Käse mit, ein Ardi Gasna, ein Tomme de Pyrenées aus dem Baskenland, erneut ein Schafskäse. Der ist wunderbar salzig, da schwingen viele Kräuter mit, Rosmarin, Thymian sind zu spüren. Ein eleganter und vielschichtiger Käse mit langem Nachhall, der etwas an einen Manchego erinnert.

Der Wein ergänzt sich hier gut, das Kräfteverhältnis stimmt absolut, das ist eine runde Sache mit Assoziationen von Sonne, Meer und Küste. Der Käse kitzelt bei dem Côtes-du-Rhône zudem noch etwas Pfeffer heraus, das ist „le sud“ in Perfektion.

Morgenpost-Tasting März im Weinheuer
Spätburgunder aus Baden, begleitet von einem Époisses aus dem Burgund.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Niebuhr steigert sich beim Schwierigkeitsgrad, was die Käse angeht. War der Valencay noch sehr mild, der Brillat-Savarin schon etwas kräftiger und der Ardi Gasna sehr komplex, kommt jetzt ein echter Höhepunkt. Zunächst aber der Wein: ein 2021er Spätburgunder „Großes Holzfass“ vom Weingut Knab vom Kaiserstuhl in Baden. Auch der setzt auf Kirsche in der Aromenwelt, ist aber ätherisch und luftig, gar nicht schwer, mit leicht tänzelnder Frucht.

Der Käse, das ist ein Époisses, ein Rotschmierkäse aus dem Burgund. Klar, Spätburgunder entspricht dem Pinot Noir, burgundischer geht kaum. Der Käse ist ein „fromage de caractère“, wie der Franzose sagen würde. Eine sagenhaft komplexe Aromatik, da kommt zuerst Lebkuchen, dann etwas Ammoniak mit Karamell und Süße, Nussigkeit und schließlich, die sind sich alle einig, im Nachhall „würzige Landluft“. Die Geschmäcker sind hier verschieden, aber spannend ist der Käse für alle.

Der Wein geht mit und harmonisiert hier, holt diese starken Aromen etwas herunter, macht den Käse zugänglicher. Eine spannende Kombination, die hier für viel Gesprächsstoff sorgt.

Kracher zum Abschluss: Muscat von der Rhône und ein kräftiger Roquefort Société

Morgenpost-Tasting März im Weinheuer
Muscat de Beaumes de Venise vom Weingut Amadieu, dazu Roquefort Société.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Auch beim Abschluss folgt Niebuhr dem Prinzip der Steigerung und serviert hier im übertragenen Sinn einen Sprung vom Zehn-Meter-Brett. Zu einem Muscat de Beaumes de Venise aus dem Jahr 2021, erneut von der Domaine Amadieu, bringt er einen Roquefort Société.

Der Wein bietet viel Honig in der Nase, da schwingt aber auch frischer grüner Apfel mit. Auch auf der Zunge ist das unfassbar viel Honig, eventuell schwingt da noch der Einfluss des Epoisse mit, die Süße bleibt aber angenehm. Das ist sehr schön, aber auch mächtig, immerhin geben hier rund 15 Volumenprozent Alkohol den Takt vor.

Das braucht man aber auch, denn der Roquefort hat es in sich. Niebuhr beschreibt den Herstellungsprozess in den mittelalterlichen Kalkhöhlen von Roquefort-sur-Soulzon, wo extra gebackenes Brot gelagert wird, bis es verschimmelt und der Käse mit dem Blauschimmel geimpft wird. Das ist wirklich was für Könner, der Käse ist zunächst ordentlich salzig, der Schimmel bildet sogar ein wenig Crunch aus, das Ganze flutet die Geschmackssinne, ist fordernd, geradezu extrem in seiner Aromatik.

Der Wein ist hier die Rettung, er fängt das Ganze sofort ein, der Honig geht etwas zurück, befreit schnell von den fast überwältigenden Aromen dieses Roquefort. Auch hier scheiden sich etwas die Geister, für Gesprächsstoff sorgt er allemal. Machen Sie sich gerne Ihr eigenes Bild beim Morgenpost-Tasting im „Weinheuer“, die geschmacklichen Erfahrungen und die Erzählungen von Claus Niebuhr sind den Weg nach Tempelhof in jedem Fall wert.

So können Sie das Morgenpost-Tasting im „Weinheuer“ reservieren

Fünf Weine inklusive Käse-Pairing gibt es vom 5. bis 31. März 2025, jeweils Mo., Mi. und Do. (außer 17.3.) ab 18 Uhr für 55,90 Euro pro Person beim „Weinheuer“, Eresburgstraße 24–29, 12103 Berlin. Tickets online unter www.weinheuer-shop.de, Stichwort Morgenpost-Tasting, und nur, solange die Plätze reichen.