Pannen-Flughafen

Südbahn-Betrieb gibt Vorgeschmack auf den BER-Lärm

Die ersten Flugzeuge sind von der Südbahn am künftigen Flughafen BER gestartet und gelandet. Lauter und tiefer, als sich die meisten vorgestellt haben. Die wenigsten Anwohner haben Schallschutz.

Foto: Amin Akhtar

Durch das weiche Gras hinterm Haus watscheln drei indische Laufenten, die Katze schnurrt auf der Bank im Garten. Boxerhündin Luna hat beschlossen, sich unter dem weiß blühenden Apfelbaum ein Nickerchen zu gönnen. Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Tatsächlich aber ist die Welt von Colette und Torsten Schley seit zwei Tagen auf den Kopf gestellt. „Mein Mann und ich wachten am Sonnabend früh gegen 7.30 Uhr auf – und konnten es nicht glauben“, sagt die 39-Jährige. „Die Flieger waren derart laut und nah. Es war so, als ob sie durch unser Schlafzimmer fliegen.“ Das ganze Wochenende sei es so gegangen. „Mit einem solchen Zirkus hat hier keiner gerechnet“, sagt Colette Schley. Die Nachbarin nickt. „Ich wurde buchstäblich wachgerüttelt“, erzählt Daniela Hensel-Skorza. „Es ist zum Heulen.“ Man habe den Passagieren kurz vor der Landung in die Fenster gucken können.

Der Sonnabend war der Tag, an dem die ersten Flieger von der Südbahn am künftigen Hauptstadtflughafen BER zu hören waren. 130 Maschinen hoben auf der neuen Piste ab oder landeten dort. Lauter und niedriger, als sich die meisten vorgestellt haben. Zumal erst in 594 von 4547 Wohnungen und Häusern im Bereich der Südbahn Schallschutzfenster eingebaut sind oder eine Entschädigung ausgezahlt wurde, wie aus dem jüngsten Bericht der Flughafengesellschaft von März 2015 hervorgeht.

Flieger im Zwei-Minuten-Takt

Was die selbständige Friseurin Colette Schley „Zirkus“ nennt, ist aber nur in Vorgeschmack auf das, was auf die Bewohner in der Einflugschneise nach der Eröffnung des Hauptstadtflughafens zukommt. Die neue Südbahn wird zunächst bis 24. Oktober in Betrieb sein. Solange, bis die Nordbahn auf dem derzeitigen Flughafen Schönefeld saniert ist. Die alte Start-und Landebahn soll später dann – mit frischem Belag versehen – dem BER zugeschlagen werden. Nach dessen Start voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2017 wird von beiden Bahnen aus gestartet und gelandet. Dann werden die Flieger im Zwei-Minuten-Takt über Blankenfelde-Mahlow hinwegdonnern. Kein anderer Ort wird mehr betroffen sein als die Gemeinde südlich von Berlin. „Jetzt ist es recht unterschiedlich“, sagt Colette Schley. „Am Wochenende war es viel schlimmer als heute.“ Das bestätigten am Montag auch andere Mahlower.

Für die Südbahn gilt derzeit – wie später für den gesamten BER – ein Nachtflugverbot zwischen 0 und 5 Uhr. Zugelassen sind in der Zeit nur Flüge in Notfällen sowie für die Post und die Regierung. Jeweils eine halbe Stunde vor und nach der Flugverbotszeit sind zudem keine planmäßigen Flüge geplant. Beide Frauen machen sich jedoch Sorgen um ihre Männer, die im Schichtdienst häufig nachts arbeiten. Torsten Schley als Berufskraftfahrer, Sascha Skorza als Bäcker. Die benachbarten Familien haben deshalb beim Flughafen Antrag auf Schallschutz auch für das Schlafzimmer gestellt. „Er wurde abgelehnt“, sagt die Verkäuferin Daniela Hensel-Skorza. Sie hält ein Schreiben der Flughafengesellschaft in den Händen: „Wir teilen die Sichtweise, wonach ein erholsamer Schlaf auch für Schichtarbeiter bzw. für Personen mit wechselnden Arbeitszeiten erforderlich ist.“

Individuelle Besonderheiten, die sich aus der Tätigkeit der Eigentümer ergeben können, fänden aber laut Planfeststellungsbeschluss vom 13. August 2004 „keine Berücksichtigung“. Bei dem Fluglärm könnten die beiden Männer tagsüber wohl kaum schlafen, fürchten die Frauen. „Das wird ohne Schallschutz zum Problem“, sorgt sich auch Torsten Schley. Die anderen Zimmer haben bereits Schallschutzfenster, deren Einbaukosten hat der Flughafen erstattet. „Allerdings entsprechen sie nicht dem, was uns zusteht“, sagt Colette Schley. Denn montiert wurden sie, als der Flughafen die BER-Anwohner noch mit zu billigen Schallschutzvarianten abgespeist hat.

Das Oberverwaltungsgericht verpflichtete im Juni 2012 das Infrastrukturministerium, darauf hinzuwirken, dass das gesetzlich „vorgesehene Schallschutzprogramm“ umgesetzt wird. Tagsüber sei im Hausinneren „keine Überschreitung des Maximalpegels von 55 Dezibel“ erlaubt. Anfang 2014 hat das Bundesverwaltungsgericht den höheren Anspruch der Anwohner in letzter Instanz bestätigt. „Seitdem wollen wir das uns zusätzlich zustehende Geld ausbezahlt bekommen“, sagt Torsten Schley, „und es in ein schallgeschütztes Schlafzimmer – und in die Dämmung des Daches investieren.“

Scharfe Kritik von Bürgern

„Der Wille des Flughafens, die Probleme der Anwohner endlich gründlich zu lösen, ist schlichtweg nicht vorhanden“, kritisiert Sigrid Zentgraf-Zerlach von der Bürgerinitiative Mahlower Schriftstellerviertel (BIMS) e. V.

Auf Anfrage der Berliner Morgenpost sagt Flughafensprecher Ralf Kunkel: „Inzwischen haben 3802 der 4547 Antragsteller eine Kostenerstattungsmitteilung erhalten. Diese können anfangen zu bauen.“ Bis Ende 2015 sollen alle, die einen bearbeitbaren Antrag gestellt haben, einen Bescheid haben, so das Ziel.

Das Aktionsbündnis Berlin-Brandenburg kritisiert die vorübergehende Nutzung der südlichen Bahn am BER scharf. Ein Sprecher sagt: „Da derzeit nur zehn Prozent der Anwohner Schallschutz haben, ist der Betrieb aus unserer Sicht nicht zulässig.“