Schallschutz

Fluglärm - Banges Warten auf die Flugzeuge vom BER

25.000 Haushalte am BER haben Anspruch auf Schallschutz. Viele Anträge fehlen noch. Dabei sollen Ende März 2015 die ersten Flieger von der Südbahn des neuen Flughafens in Schönefeld starten.

Foto: Massimo Rodari

Im Garten von Lutz Berger blühen die Zitronenbäume, auch Orangen gibt es und im Herbst wird er Kiwis ernten können. Der 52-Jährige hat sich mit seiner Frau Kirstin hinter dem Haus ein kleines, exotisches Paradies geschaffen. „Ich habe immer noch keinen Antrag auf Schallschutz gestellt“, sagt Lutz Berger. „Ich habe das immer wieder weggeschoben, weil es so belastend ist.“

Dabei will Flughafenchef Hartmut Mehdorn Ende März 2015 die ersten Flieger von der Südbahn des neuen Flughafens BER in Schönefeld starten lassen. Stimmt die Luftfahrtbehörde Berlin-Brandenburg dem zu, werden vom nächsten Frühjahr an die Maschinen in nur wenigen Metern Höhe über die Dächer der Häuser in der Nähe des Brandenburger Platzes in Blankenfelde-Mahlow donnern.

Lutz Berger ist nicht der einzige der rund 25.000 Lärmbetroffenen um den künftigen Hauptstadtflughafen BER, der noch keinen Schallschutz am Haus beantragt hat. Nach Angaben der Flughafengesellschaft FBB warten rund 6500 Betroffene ab. Aber nur 309 Anspruchsberechtigte nahe der künftigen Südbahn haben noch nichts unternommen, obwohl sie den Lärm abbekommen werden, wenn Flughafenchef Mehdorn die südlich gelegene Start- und Landebahn des BER ab März 2015 in Betrieb nimmt, bis die Nordbahn auf dem derzeitigen Flughafen in Schönefeld saniert ist.

Um die Sanierung beginnen zu dürfen, muss die Flughafengesellschaft aber in den nächsten zwei Monaten noch mehr als 4000 Bescheide an Anwohner der Südbahn ausgeben. Die Bearbeitung der Anträge läuft jedoch schleppend.

„Bis 2006 habe ich gehofft, dass das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig den Planfeststellungsbeschluss zum Hauptstadtflughafen BER kippt. Danach wurde meine Frau schwer krank,“ erklärt der gelernte Fliesenleger Berger sein Zögern. Dann blieb die Eröffnung vor zwei Jahren aus. „Jetzt wird es Zeit, den Antrag zu stellen“, ist Lutz Berger klar. „Mir fehlten nur bisher einfach die Nerven für den Papierkrieg.“

Andere haben sich der Prozedur schon lange gestellt. Gisela und Bernd Gielow haben vor sieben Jahren ihren Antrag bei der Flughafengesellschaft eingereicht. Die frühere Sparkassen-Angestellte und der Kraftfahrer können die Schriftsätze in ihrem dicken, grauen Leitz-Ordner schon gar nicht mehr zählen. „2009 war zum ersten Mal ein Gutachter bei uns“, sagt Gisela Gielow. Er hat alles fotografiert und sehr viel aufgeschrieben. “ Danach passierte lange gar nichts.

Im Juli 2011 kam dann der erste Bescheid. Die Gielows legten Widerspruch dagegen ein. „Denn für eines der Wohnzimmerfenster sollten wir keinen Schallschutz genehmigt bekommen“, erinnert sich Gisela Gielow. Erst ein Jahr später erfuhren sie, weshalb: „Wegen der Jalousie, die wir dort angebracht haben.“ Eine ganz einfache Plastiklamellenjalousie für ein paar Euro. „Soll die uns vor Fluglärm schützen?“, fragt Bernd Gielow. Es ist so kurios, dass er lachen muss.

Geänderte Rechtslage

Dann änderte sich die Rechtslage. Das Oberverwaltungsgericht entschied im April des vergangenen Jahres, dass die Anwohner ein Recht auf einen weitaus besseren Schallschutz haben als bis dahin vorgesehen. In den rund 14.000 Wohnungen, die im Tagschutzgebiet liegen, darf es nach Eröffnung des BER tagsüber zu keiner Zeit lauter als 55 Dezibel sein.

Inzwischen hat der Flughafen ein Verkehrswertgutachten vom Haus der Gielows erstellen lassen, ein Ingenieurbüro war Anfang Mai da. Dazwischen kamen mehrere Verkehrsweggutachter. Eines der Büros schrieb das Ehepaar wenig später erneut an. „Die haben gar nicht gemerkt, dass sie schon mal hier waren“, sagt Gisela Gielow.

Das Ehepaar hat auch die 4000 Euro als Entschädigung für den Außenbereich, ihren Garten, noch nicht bekommen, weil es Widerspruch gegen den ersten Bescheid eingelegt hat. Wenn die Südbahn am BER eröffnet ist, fliegen die Jets über ihre Terrasse.

Bis heute wissen sie nicht definitiv, ob sie zu denen gehören, die keinen Schallschutz, sondern eine finanzielle Entschädigung erhalten. Das ist dann der Fall, wenn durch bauliche Veränderungen das festgelegte Lärmschutzziel im Inneren des Hauses nur mit einem Aufwand erreicht werden kann, der 30 Prozent des Grundstückswertes überschreitet.

„Hauptsache, wir bekommen endlich Klarheit“, sagt Gisela Gielow. Für etwa 1300 Häuser wird derzeit der Verkehrswert ermittelt. Bislang liegen erst für rund 30 Wohnungen oder Häuser die Ergebnisse vor. Aufgrund der Daten will der Flughafen entscheiden, ob die Besitzer die Schallschutzeinbauten erstattet bekommen oder eine Entschädigung erhalten.

Nicht alle wollen in der Einflugschneise bleiben. Sigrid Zentgraf-Gerlach wohnte jahrelang in Blankenfelde-Mahlow. Vor zwei Monaten zog sie mit ihrem Mann nach Potsdam. Dennoch engagiert sie sich weiter für die Bürgerinitiative Mahlower Schriftstellerviertel. Schallschutz und Entschädigung dürften nicht vom Verkehrswert des Hauses abhängig gemacht werden, so die Aktivistin. Denn habe einer wenig, bekomme er wenig. Habe er viel, bekomme er viel. Das sei Unrecht: „So wie dieser ganze Flughafenbau in einem so dicht besiedelten Gebiet“, sagt sie.