Hauptstadtflughafen

Was sich seit der verschobenen Eröffnung am BER getan hat

Vor genau einem Jahr wurde die Eröffnung des neuen Flughafens BER abgesagt. Viel weiter sind die Betreiber seither nicht gekommen. Eine Bestandsaufnahme.

Foto: dpa/ZGBZGH

Der 8. Mai 2012 war sogar für eine Stadt wie Berlin ein bemerkenswertes Datum. Denn Pannen sind die Bewohner der Hauptstadt eigentlich längst gewöhnt. Dass Lehrer einfach streiken, die S-Bahn häufig gar nicht kommt und man auf den Gehwegen noch im April die Überreste der Silvesternacht findet – all das ist für den Berliner völlig normal.

Doch vor genau einem Jahr gab es ein Ereignis, das man selbst Berlin nicht zugetraut hätte. Die für Juni 2012 geplante Eröffnung des neuen Hauptstadtairports BER wurde nur knapp vier Wochen vorher abgesagt.

Zu dem Zeitpunkt hatten sich die Verantwortlichen bereits geeinigt, wer bei der Eröffnungsparty neben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stehen sollte. Sie hatten Einladungen an Politiker, Unternehmer, Musiker und Schauspieler verschickt. Die Airlines hatten neue Ziele in ihr Programm aufgenommen und im Kino lief ein Werbefilm, in dem der verstorbene Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt (SPD) als Namensgeber für den BER zu sehen war.

Ein schlechter Witz

Was an diesem Vormittag vor genau einem Jahr ablief, kam einem fast wie ein schlechter Witz vor. Auf einem Podium in der Airportworld am Flughafen Schönefeld hatte in der Mitte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) Platz genommen, der damals noch den Vorsitz im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft inne hatte.

Ihm zur Seite saßen Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und die beiden damals noch amtierenden Geschäftsführer Rainer Schwarz und Manfred Körtgen. Sie erklärten den Anwesenden, dass die Eröffnung verschoben werden musste, da die Brandschutzanlage nicht funktionierte.

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Rainer Schwarz sagte, dass ihm das ganze Ausmaß der Dramatik offenbar erst am Vorabend endgültig klar geworden sei und er dann Klaus Wowereit angerufen habe. Dieser würdigte Schwarz keines Blickes. Stattdessen sagte Wowereit, dass man herausfinden müsse, „ob das Problem nicht auch schon früher hätte entdeckt werden können und wer dafür die Verantwortung trägt.“

Was aber bleibt sonst von diesem 8. Mai 2012 in Erinnerung? Sicherlich das völlig zerknautschte Gesicht Klaus Wowereits. Auch die vergeblichen Versuche des damaligen Technikvorstandes Manfred Körtgen, das Problem mit dem Brandschutz in einfachen Worten zu beschreiben. Zu klären bleibt, was sich seither am BER getan hat. Und ob wir einer Eröffnung des Hauptstadt-Airports seither näher gekommen sind.

Geschäftsführung

An der Spitze der Flughafengesellschaft sitzt heute keiner mehr, der etwas mit der kurzfristigen Absage des Eröffnungstermins zu tun hatte. Ex-Technikchef Manfred Körtgen musste schon im Mai 2012 den Posten räumen. Rainer Schwarz wurde im Januar entlassen, als der Starttermin auf unbestimmte Zeit verschoben wurde.

Seit Mitte März versucht der ehemalige Bahnchef Hartmut Mehdorn durch sein Beschleunigungsprogramm „Sprint“ das Tempo auf der Baustelle zu erhöhen. Dort war der seit August amtierende Technikchef Horst Amann noch immer mit der Bestandaufnahme der Mängel beschäftigt. Das dauerte einigen dann doch etwas zu lange. Mehdorn lässt seine Bereichsleiter nun jeden morgen um 9 Uhr zum Rapport antreten. Zudem hat er die Verantwortlichkeiten neu verteilt und ein zentrales Controlling eingeführt. Das alles macht zumindest etwas Hoffnung.

Termin

Hier sind wir weniger schlau als noch vor einem Jahr. Damals dachten Wowereit und Platzeck noch, dass ein paar Monate ausreichen würden, um die Probleme in den Griff zu bekommen und dass im Herbst der erste Flieger vom BER abhebt. Weit gefehlt. Heute gibt es nicht mal mehr einen Termin. Nachdem Amann im Januar auch die für Oktober 2013 geplante Eröffnung abgesagt hatte, traute sich niemand, ein neues Datum zu nennen. Derzeit steht nur fest, dass Mehdorn bis spätestens August über die Terminlage Klarheit schaffen will.

Finanzen

Das Chaos, das durch die kurzfristige Terminabsage auf der Baustelle entstand, und die Führungslosigkeit haben dafür gesorgt, dass der Überblick über die Kosten völlig verloren ging. Keiner konnte zuletzt verbindlich Auskunft darüber geben, ob das bislang zugesagte Geld reicht. In Gesellschafterkrisen gilt es als so gut wie sicher, dass die Gesamtkosten für den BER von den veranschlagten 4,3 auf mehr als fünf Milliarden Euro steigen.

Derzeit kann niemand mit Sicherheit ausschließen, dass die Gesellschafter Berlin, Brandenburg und der Bund noch einmal Geld nachschießen müssen. Wenigstens einen Lichtblick gibt es an dieser Stelle. Bei der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch soll der neue Posten des Finanz-Geschäftsführers geschaffen werden. Ihn soll Heike Fölster übernehmen, die bislang für die Finanzen des weltweit agierenden Konzerns Germanischer Lloyd zuständig war.

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Kommunikation

Es hätte an Zauberei gegrenzt, das BER-Desaster in der Öffentlichkeit gut darzustellen. Doch mit enttäuschten Mitarbeitern, frustrierten Auftragnehmern und drei politischen Gesellschaftern, die oft genug uneins über das weitere Vorgehen waren, konnte das gar nicht gelingen. Flughafensprecher Ralf Kunkel probierte es trotzdem. Sein Stellvertreter Leif Erichsen ging unterdessen als Sprecher zur IHK Berlin. Er wurde im Oktober durch Lars Wagner als neuem Stellvertreter in der Pressestelle ersetzt.

Nun hat Mehdorn die Kommunikation grundlegend neu geordnet. Der ehemalige Journalist des Focus, Klaus Schrotthofer, soll künftig die gesamte Unternehmenskommunikation leiten und sich dabei insbesondere um Veranstaltungen und die Kontakte zur Politik kümmern. Schrotthofer war unter anderem auch bei der Berliner Zeitung tätig und Sprecher des 2006 verstorbenen Bundespräsidenten Johannes Rau.

Brandschutz

Die Anlage funktioniert bis heute nicht. Eines der größten Probleme ist der Rauchabzug. An einigen Stellen will man daher nun die geschossübergreifende Entrauchung abschaffen und stattdessen den Rauch für jedes Stockwerk einzeln absaugen. Auch der Brandschutzgipfel mit Vertretern von Bosch und Siemens im Dezember verlief weitgehend ergebnislos. Beide Firmen bauen verschiedene Teile der Brandschutzeinrichtungen. Sie weisen jedoch eine Mitschuld an dem nicht enden wollenden Drama um den Brandschutz zurück – die größte Schwachstelle des BER.

Bauarbeiten

Auf der Baustelle des BER ist seit zwölf Monaten so gut wie nichts vorwärts gegangen. Immerhin ist nun bekannt, wie man das Licht im Terminal an- und ausschaltet. Das bringt allerdings auch nicht viel. Denn das Licht brennt trotzdem aus Sicherheitsgründen die ganze Nacht. Bis heute fehlen die Baupläne, an denen sich die Arbeiter orientieren können. Technikchef Amann will erst noch weitere Mängel aufspüren.

Damit gerät er in einen Konflikt mit Hartmut Mehdorn, der den BER so schnell wie möglich ans Netz bringen will. Mehdorn scheut dabei auch keine ungewöhnlichen Aktionen und holt Mitarbeiter der Planungsgemeinschaft pg bbi zurück. Die Flughafengesellschaft hatte den Planern eine wesentliche Schuld für das Chaos auf der BER-Baustelle gegeben und das Gemeinschaftsunternehmen auf 80 Millionen Euro Schadenersatz verklagt.

Aufsichtsrat

Klaus Wowereit hielt lange durch. Doch als im Januar auch der letzte Starttermin auf unbestimmte Zeit abgesagt wurde, gab er den Vorsitz im Aufsichtsrat an Matthias Platzeck ab. Dieser machte in kurzer Zeit deutlich, dass es ihm dabei nicht nur um den Titel geht. Platzeck nahm nämlich völlig überraschend das Brandenburger Volksbegehren für ein strengeres Nachtflugverbot am BER an und zog sich damit den Unmut der anderen Gesellschafter zu.

Diese befürchten einen Standortnachteil für den BER. Der Wechsel an der Spitze wurde von der Berliner Opposition begrüßt. Doch mit ihrer Forderung, Bau- und Brandschutzexperten in das Kontrollgremium aufzunehmen, konnte sie sich nicht durchsetzen.

Airlines

Die in Berlin vertretenen Fluggesellschaften hatten ihr Streckenangebot anlässlich der geplanten BER-Eröffnung teils deutlich ausgeweitet. Doch die Erwartungen haben sich nicht immer erfüllt. Deutschlands größte Airline Lufthansa hat daher einige Ziele schon wieder aus dem Programm genommen. Der Gewinner des BER-Dramas ist Tegel. Der innerstädtische Flughafen im Berliner Norden hat sich bisher besser gehalten, als viele erwarteten. Ob und wann er endgültig den Betrieb einstellen wird, ist wieder völlig offen.

Wie entwickelt sich der Flugverkehr in Berlin? Wer lärmt in meinem Kiez? Der interaktive Flugrouten-Radar der Berliner Morgenpost gibt Antworten. Darin werden Flugbewegungen von 96% aller Flüge der Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld in 3-D dargestellt und statistisch ausgewertet.