BER-Debakel

Merkel wünscht BER-Chef Mehdorn „glückliche Hand“

Der langjährige Bahnchef soll den BER retten. Mehdorn wird bereits am Montag sein Amt antreten.

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Der frühere Bahn-Chef Hartmut Mehdorn führt von diesem Montag an die Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg. Das kündigte Aufsichtsratschef Matthias Platzeck (SPD) am Freitag in Schönefeld an. Mehdorn sei für drei Jahre verpflichtet worden.

Der 70-Jährige folgt auf Rainer Schwarz, der im Januar wegen des Debakels um mehrere geplatzte Eröffnungstermine am neuen Hauptstadtflughafen entlassen worden war. Anders als Schwarz wird Mehdorn Vorsitzender der Geschäftsführung und nicht nur ihr Sprecher. Mehdorn trägt damit die Gesamtverantwortung.

Mehdorn: BER-Klage nicht über meinen Schreibtisch

Einem Interessenkonflikt mit seiner Aufgabe im Verwaltungsrat von Air Berlin will er aus dem Weg gehen. Die Klage, die er selbst als Air-Berlin-Chef gegen die Fluggesellschaft eingereicht habe, werde nicht über seinen Schreibtisch gehen, sagte Mehdorn am Freitag in Schönefeld. Da hänge sein „Herzblut“ dran. „Ich werde mein Mandat bei der Air Berlin niederlegen, damit es da keinen Konflikt gibt“, kündigte Mehdorn an.

Air Berlin ist der wichtigste Kunde des Flughafens und hat wegen der verzögerten Eröffnung auf Schadenersatz geklagt. Seine neue Aufgabe bezeichnete Mehdorn als „technisch anspruchsvoll und schwierig“. „Wir werden uns bemühen müssen, das ein bisschen demolierte Vertrauen wieder herzustellen“, versprach er. Mehdorn will aufs Tempo drücken, wie er bei seiner Vorstellung ankündigte. „Ich bin zuversichtlich, dass wir hier ein kleines Powerhouse aufmachen können.“ Schwierigkeiten scheue er nicht: „Ich bin bekannt dafür, dass ich einen geraden Weg gehe.“

Die Höhe seines Gehaltes will er nicht offenlegen. Über Geld wolle er nicht reden, sagte Mehdorn am Freitag in Schönefeld. Nach Informationen der „Bild“-Zeitung soll Mehdorn mehr als eine halbe Million Euro im Jahr verdienen – allerdings auch deutlich weniger als eine Million Euro. Mehdorns Vertrag hat eine Laufzeit von drei Jahren. Er startet an diesem Montag.

Kein Freund von Nachtflugverboten

Gleichzeitig lehnte Mehdorn ein strengeres Nachtflugverbot ab. „Ich bin kein Freund von dieser Einschränkung“, sagte Mehdorn. Er wolle „sehen, ob es nicht andere Kompromisslinien gibt“. In anderen Hauptstädten gebe es auch keine Restriktion der Flugzeiten – Berlin müsse sich an diese internationalen Standards gewöhnen. Ein strengeres Nachtflugverbot sei schlecht für Flughafen und Standort, sagte Mehdorn. Aufsichtsrats-Chef Platzeck (SPD) setzt sich als Brandenburgs Ministerpräsident für mehr Nachtruhe am Flughafen ein. Er will das bisher geplante Flugverbot auf die Zeit von 22 Uhr bis 6 Uhr ausdehnen.

Wowereit erwartet produktive Spannungen

Die Berufung ist aus Sicht des Berliner Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) „ein guter Schritt nach vorne“. „Ich freue mich über diese gute Entscheidung“, teilte Wowereit am Freitag mit. „Mit Hartmut Mehdorn wird ein erfahrener Manager mit Durchsetzungskraft an die Spitze der Flughafengesellschaft treten.“ Berlin ist neben dem Bund und Brandenburg Eigentümer des Hauptstadtflughafens.

Wowereit stellt sich aber auf intensive Diskussionen mit dem künftigen Chef des Hauptstadtflughafens Hartmut Mehdorn ein. „In der Tat hat er Ecken und Kanten, und die werden wir ihm auch nicht mehr abschleifen, nehme ich an“, sagte Wowereit am Freitag in Schönefeld.

Es werde Spannungen geben, aber die seien dann immer produktiv. Der Berliner Regierungschef hatte mit Mehdorn in der Vergangenheit gelegentlich Differenzen. Wowereit hob hervor, Mehdorn habe die volle Unterstützung der drei Flughafen-Eigentümer Bund, Berlin und Brandenburg. Zwischen den Gesellschaftern hatte es in den vergangenen Wochen Querelen gegeben.

„Im Übrigen freut mich natürlich auch, dass das Dach des Terminals schon fertig ist. Das kann auch nicht mehr verkürzt werden“, sagte Wowereit in Anspielung auf den Streit mit dem damaligen Bahnchef Mehdorn über die Länge des Daches des Berliner Hauptbahnhofs. Mehdorn hatte es kürzer bauen lassen, um den Bahnhof pünktlich fertigzustellen.

Neuer Eröffnungstermin noch immer nicht in Sicht

Berlin und Brandenburg suchen seit Monaten nach einem neuen BER-Chef. Der damalige Flughafenchef Rainer Schwarz war Mitte Januar entlassen worden. Kurz zuvor war die Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg wegen schwerer Planungs- und Baumängel auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Nach Aussagen von Technikchef Horst Amann wird der neue Airport frühestens im Herbst 2014 in Betrieb gehen.

Auf der Suche nach einem neuen Flughafenchef hatte der frühere Frankfurter Flughafen-Geschäftsführer Wilhelm Bender abgesagt. Nach Querelen im Kreis der Gesellschafter wollte er auch nicht mehr Chefberater für die Flughafen-Geschäftsführung werden.

Mehdorn hatte erst im Januar nach 16 Monaten Amtszeit die Führung bei der Fluggesellschaft Air Berlin abgegeben. Zuletzt hatte er aber noch einen Sitz im Verwaltungsrat des Unternehmens. Air Berlin befindet sich wegen der verschobenen Eröffnung in einem Rechtsstreit um Schadenersatz mit der Flughafengesellschaft.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erhofft sich vom neuen Chef des Hauptstadtflughafens neuen Schwung für das Projekt. Mehdorn übernehme eine komplexe Aufgabe, die einer allein nicht schaffen werde, sagte Merkel in München. Nun müsse im Sinne einer guten Projektsteuerung alles auf den Tisch kommen, was verbessert werden muss. „Und ich kann nur jedem, der an den Projekt mitarbeitet, eine glückliche Hand wünschen.“

Grüne kritisieren Mehdorns Ernennung

Die Berufung von Mehdorn ist nach Ansicht von Grünen-Fraktionschefin Renate Künast ein Fehler. „So setzt sich die Flughafengesellschaft endgültig dem Gespött aus“, sagte Künast „Spiegel online“. „Wenn man denkt, schlimmer geht es nicht, überzeugt einen der Aufsichtsrat zuverlässig vom Gegenteil.“ Gebraucht werde ein erfahrener Manager, Mehdorn dagegen habe als Bahnchef zehn Jahre lang das „Milliardengrab“ Stuttgart 21 betrieben.

Auch der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses, Anton Hofreiter (Grüne), äußerte sich skeptisch. Der Flughafen hätte einen diplomatischen Chef gebraucht, der offen und behutsam auf Mitarbeiter, Aufsichtsräte und Auftragnehmer zugehen könne, sagte Hofreiter „Handelsblatt Online“. „Hartmut Mehdorn kann ich mir in dieser Rolle überhaupt nicht vorstellen.“ Mehdorns neigt zu klaren Worten. Seine Biografie trägt den Titel: „Diplomat wollte ich nie werden.“

Der Vorsitzende des Berliner Flughafen-Untersuchungsausschusses, Martin Delius (Piratenpartei), nannte die Personalie einfallslos und warf angesichts der Querelen der letzten Wochen die Frage auf, wie sich Mehdorn trotz zerstrittener Gesellschafter bewähren solle.