Flughafen

Wie ein Fischverkäufer gegen den BER kämpft

Statt Hilfe bekommt ein Gastronom am BER eine Kündigungsdrohung. Nun bangt er um die Zukunft seines Geschäfts.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Gregor Klässig hat Post von der Berliner Flughafengesellschaft FBB bekommen. Kein mehr oder minder höfliches Bedauern, dass der neue Hauptstadtflughafen BER nun viel später öffnet als geplant, sondern eine „Letzte Mahnung“.

Angemahnt werden in dem Schreiben mit dem angsteinflößenden Betreff 275,19 Euro – zu zahlen für einen Ausweis, der zum regelmäßigen Betreten abgesperrter Bereiche im neuen Flughafen-Terminal in Schönefeld berechtigt.

Doch Gastronom Klässig, der dort am 3. Juni einen Fish&Chips-Imbissstand eröffnen wollte, braucht den sogenannten Flugsicherheitsausweis nun nicht. Das Terminal ist noch immer eine riesige Baustelle und wird es wohl noch für viele Monate bleiben.

Gerade erst wurde die Inbetriebnahme des BER nochmals um sieben Monate auf den 27. Oktober 2013 verschoben. Erst dann können auch die geplanten 150 Läden und gastronomischen Einrichtungen öffnen.

„Mein Geschäftsführer hat einen Baustellen-Ausweis, einen Flugsicherheitsausweis benötigt er bis zur Eröffnung im nächsten Jahr nicht und daher bezahle ich ihn auch nicht“, sagt Klässig.

Flughafen ignoriert Einwände

Die Flughafengesellschaft stört dieser Einwand nicht. Sie forderte zuletzt am 11. Juli das Entgelt für den im Juni ausgestellten, aber völlig unbrauchbaren Ausweis. Sollte das Geld inklusive einer Mahngebühr von 12,50 Euro nicht fristgerecht eingehen, will sie „ohne weitere Ankündigungen ein Inkassobüro zur Beitreibung unserer Forderungen“ einschalten.

„Darüber hinaus werden wir in Kürze die fristlose Kündigung der bestehenden Miet- bzw. Versorgungsverträge zustellen“, kündigte ihm die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB) an.

„Ein echtes Stück aus dem Tollhaus“, findet die Berliner Grünen-Abgeordnete Nicole Ludwig. Für die wirtschaftspolitische Sprecherin ihrer Fraktion ist der Umgang mit dem Mittelständler aus Berlin nur ein besonderes negatives Beispiel, wie die Flughafengesellschaft mit den Geschädigten der von ihr selbst verschuldeten späteren BER-Eröffnung umgeht.

Statt der vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und der gerade abberufenen Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz (parteilos, für CDU) sowie von Flughafenchef Rainer Schwarz im Juni groß angekündigten Hilfe würden vom BER-Desaster Betroffene Kündigungsdrohungen erhalten.

Garantie bei Eröffnung längst abgelaufen

„Unter schneller, unbürokratischer Hilfe stelle ich mir etwas anderes vor“, sagt die Wirtschaftsexpertin der Grünen. Am Donnerstag will ihre Fraktion im Abgeordnetenhaus daher ein Notfallprogramm beantragen, das nicht nur Versprechungen, sondern konkrete Ansprechpartner und Hilfen enthält.

Hauptproblem für nicht wenige der insgesamt 70 von der Terminabsage betroffenen Mieter sind drohende Liquiditätsengpässe. Zwar müssen sie für die im BER noch nicht eröffneten Läden und gastronomischen Einrichtungen noch keine Miete zahlen. Doch sie haben für angeschaffte Einrichtungen und technische Geräte Kredite und andere Verbindlichkeiten zu bedienen. Belastungen, die für kleine und mittelständische Unternehmen schnell existenzbedrohende sein können.

Gastronom Klässig zum Beispiel hat nach eigenen Angaben in seinem Imbiss im BER-Terminal bereits 350.000 Euro investiert, davon 250.000 Euro mit einem Einrichtungskredit. Den muss er zwar derzeit nicht tilgen, Zinsen fallen aber dennoch schon an.

„Das Geld muss ich mit meinen anderen Ständen jetzt irgendwie mitverdienen“, sagt er. Hinzu kämen Aufwendungen für die Einstellung und Ausbildung von acht neuen Mitarbeitern, von denen jedoch inzwischen sieben wegen zu langer Wege zu den alternativen Einsatzorten sein Unternehmen schon wieder verlassen hätten.

Nicht eingerechnet hat Klässig dabei Verluste, die sich im Moment gar nicht genau beziffern lassen. Etwa der Wertverlust der modernen Kücheneinrichtung, für die – so es bei der Eröffnung im Herbst nächsten Jahres bleibt – dann die Garantie längst abgelaufen sein wird.

Kaum konkrete Hilfsmaßnahmen

„Wir konnten den Ofen bisher nicht mal testen, weil wir kein Strom im Terminal haben“, sagt Klässig. Helfen würde ihm eine Summe, mit der er Liquiditätsengpässe überbrücken könnte.

Eine solche Unterstützung wünscht sich auch Leonhard Müller, Vorstandsvorsitzender der traditionsreichen Berliner Uhrenmanufaktur Askania. In die beiden nun nicht nutzbaren Geschäfte im BER-Terminal hat das Unternehmen eine Summe „im Wert von zwei Einfamilienhäusern“ investiert.

Auch Müller musste dafür Kredite aufnehmen. „Wir wollen nichts geschenkt – aber wir brauchen eine konkrete Hilfe etwa in Form eines zinslosen Darlehens, um Liquiditätsengpässe zu überbrücken“, sagt Müller.

Seit Juni, so konstatiert Jochen Brückmann von der Berliner IHK, habe es zwar viele Gespräche mit den betroffenen Gewerbetreibenden gegeben, konkrete Hilfen jedoch kaum. „Das übliche Instrumentarium reicht dafür nicht“, so der IHK-Experte.

Mieter sollen gehalten werden

Die Grünen-Abgeordnete Nicole Ludwig sieht die Eigentümer der Flughafengesellschaft und damit auch die Politik in der Verantwortung. „Der Aufsichtrat muss die Geschäftsführung anweisen, was sie zu tun hat.“ Am Donnerstag wollen die Grünen im Abgeordnetenhaus erneut die Einrichtung eines Hilfsfonds für die BER-geschädigten Gewerbetreibenden auf die Tagesordnung setzen.

Die Flughafengesellschaft will in den nächsten Tagen erneut mit allen 70 Mietern von Verkaufsflächen im BER-Terminal reden. Dabei sollen die Probleme individuell erfasst werden. „Unser Ziel ist, trotz der Verzögerung jeden unserer Mieter zu halten“, sagt Flughafen-Sprecher Ralf Kunkel.

Denkbar als Soforthilfen seien die Rückzahlung von Kautionen oder die Verlängerung von Verträgen. Geldforderungen des Flughafens an BER-Mieter für nicht benötigte Ausweise waren dem Unternehmenssprecher neu. „Dem werden wir nachgehen“, sagt Kunkel.