Kann man diesen Tag auch positiv sehen? Die für heute geplante Eröffnung des Flughafens BER wurde auf den 17. März 2013 verschoben. Das ist ein Desaster, nicht zuletzt für den Berliner Landeshaushalt.
Doch viele Berliner haben in den vergangenen Wochen bedauert, dass Tegel am 3. Juni geschlossen wird. Werden sollte. Stattdessen bleiben Tegel und der alte Flughafen Schönefeld neun Monate länger geöffnet. Morgenpost Online stellt gegenüber, was an diesem historischen 3. Juni hätte passieren sollen, was geplant war – und was stattdessen tatsächlich eingetreten ist.
Terminal
Plan: Im neuen Terminal hätten seit dem frühen Morgen die Passagiere einchecken sollen. Hinter den Sicherheitsschleusen wären sie in die sogenannte Markthalle mit vielen Geschäften und Restaurants gelangt. Von dort wäre es dann ab zu den Gates gegangen.
Realität: Der Bau des Terminals ist laut Joachim Korkhaus, dem neuen Chefplaner des BER, fast abgeschlossen. Allerdings sind im Inneren des Gebäudes nach wie vor 2000 Bauarbeiter unterwegs. Sie sind vor allem noch mit dem Ausbau der Markthalle beschäftigt, um die Ladenflächen fertigzustellen. Die meisten Schalter und Sitzbänke sind daher mit Plastikplanen abgedeckt, damit der Staub von den Bauarbeiten sie nicht verschmutzt.
Rainer Schwarz
Plan: Der Chef der Flughafengesellschaft hätte am heutigen Morgen den Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn erleben sollen. Die Presse im In- und Ausland hätte ihn als Macher von Schönefeld gefeiert, der das derzeit wichtigste Infrastrukturprojekt der Hauptstadtregion erfolgreich zum Abschluss gebracht hat. Geschäftspartner hätten ihm auf die Schulter geklopft. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hätte sich gern mit ihm fotografieren lassen.
Realität: Stattdessen hat Rainer Schwarz mehr Arbeit als zuvor, vermutlich bis zur BER-Eröffnung im März kommenden Jahres. Rainer Schwarz muss sich nun vor Parlamentsausschüssen rechtfertigen und erklären, wie es zu der Panne kommen konnte. Der Aufsichtsrat steht nur noch halbherzig hinter ihm. Und das Bundesverkehrsministerium hat eine eigene Spezialtruppe, die Soko BER, gegründet, um seine Arbeit und den Baufortschritt zu überwachen.
Brandschutzanlage
Plan: Der BER hätte nicht nur einer der modernsten Flughäfen der Welt sein sollen, sondern auch einer der sichersten. Die vollautomatische Brandschutzanlage ist wegen der enormen Ausmaße des Terminals die größte weltweit. Sie verfügt unter anderem über rund 50.000 Sprinklerköpfe, 16.000 Brandmelder, ein mehrere Kilometer langes Kanalsystem und mehr als 1000 Klappen, über die bei einem Brand in Sekundenschnelle giftige Rauchgase abgepumpt werden sollen.
Realität: „Probleme beim Brandschutz“, sind der offizielle Grund für die kurzfristige Absage der Eröffnung des neuen Berliner Flughafens. Die gesamte Anlage ist bislang weder in allen Einzelteilen geprüft, geschweige denn in der Gesamtheit getestet worden. Bis zuletzt fehlten wichtige Dokumente, Teilbereiche des komplexen Systems waren zudem noch gar nicht miteinander verbunden. Vom Ausmaß der Probleme wollen Flughafenchef Rainer Schwarz, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (beide SPD) angeblich erst am 7. Mai erfahren haben. Dabei war spätestens im Februar klar, dass der von der Flughafengesellschaft beantragte teilautomatische Betrieb der Entrauchungsanlage nicht genehmigungsfähig war, wie Controlling-Berichte und TÜV-Protokolle belegen.
Polizei
Plan: Schon im März haben die ersten Beamten der Bundespolizei ihren neuen Dienstsitz am BER bezogen. 700 Beamte sollten dort von heute an ihren Dienst verrichten und für einen sicheren Flugbetrieb sorgen. Mit 750 Lkw-Fahrten hätten Geräte und Material an den Flughafen geschafft werden sollen. Auch neue Geräte stehen längst am BER bereit, etwa um das Handgepäck der Passagiere zu durchleuchten.
Realität: Der Umzug wurde gestoppt. In den kommenden vier Wochen macht die Projektgruppe Inventur und stellt fest, wie weit man bisher gekommen ist. Die meisten der rund 50 Beamten werden dann an ihren alten Einsatzort zurückkehren und die Kollegen in Tegel und Schönefeld unterstützen. Dort werden sie dringend gebraucht, da es wegen der höheren Passagierzahlen mehr zu tun gibt.
Manfred Körtgen
Plan: Nach dem Start des BER wollte Manfred Körtgen, der technische Geschäftsführer, „richtig durchatmen“ und es „ am Tag nach der Eröffnung genießen, wenn dann alles so funktioniert, wie wir es uns vorgestellt haben.“ Das schrieb er im aktuellen Geschäftsbericht der Flughafengesellschaft.
Realität: Tief Luft holen konnte er früher als gedacht. Denn Manfred Körtgen wurde entlassen. Ihm wird ein Großteil der Schuld für das Desaster um die verspätete BER-Eröffnung angelastet. Seine Mitarbeiter haben nicht rechtzeitig bemerkt oder klargemacht, dass die Brandschutzanlage nicht genehmigungsfähig sein werde. Was Körtgen derzeit macht, ist nicht bekannt. Dazu schweigt die Flughafengesellschaft.
Blumenhändler
Plan: Kay Herrig, der Inhaber von Blumenhaus Schamp, wollte heute zusammen mit seinen Mitarbeitern rote Rosen an die ersten 100 Gäste in der Filiale am BER verteilen. Denn für die Eröffnung des neuen Ladens war alles fertig. Kay Herrig hätte schon vor ein paar Tagen die sechs Europaletten zum Airport-Shop transportiert, auf denen er dann künftig die Ware zum Flughafen gebracht hätte.
Realität: Doch Kay Herrig wird keine Rosen überreichen. Die Europalette mit Ware im Wert von über 5000 Euro bleibt in seiner Garage stehen. Das Geschäft wird nicht wie geplant pünktlich um 6 Uhr öffnen. „Der Ausbau ist seit Mitte Mai komplett fertig, Wände, Decken, Beleuchtung“, sagt Inhaber Herrig. Er muss nun berechnen, wie die Verschiebung seinen Business-Plan verändert.
Fluglotsen
Plan: Im Tower der Flugsicherung am BER wäre es etwas voller geworden. Zwei weitere Fluglotsen hätten dort Platz genommen und den Flugverkehr am BER abgewickelt. Sie organisieren die Reihenfolge, in der die Jets abheben und landen. Zudem steuern sie den Verkehr auf dem Vorfeld.
Realität: Schon seit März steuern die Fluglotsen vom neuen Tower aus den Flugverkehr für den alten Flughafen Schönefeld. Dessen Südbahn hätte am 3. Juni zur Nordbahn des neuen Flughafens werden sollen. Doch das dauert noch mindestens bis kommenden März.
BVG
Plan: Das Verkehrsunternehmen BVG hat sich intensiv auf den 3. Juni vorbereitet. Zahlreiche Bus-Linien wurden neu konzipiert, der Einsatz von Fahrzeugen und Fahrern vorbereitet. So sollte nach 13 Jahren der TXL vom Linienplan verschwinden. Unter dem Motto „Goodbye TXL“ wollte die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus am 2. Juni ihre BVG-Oldtimer auf mehreren Linien zum Flughafen Tegel fahren lassen.
Realität: Mit der Termin-Absage für die BER-Eröffnung bleibt auch in Tegel und in Schönefeld ab 3. Juni alles beim Alten. Die Busse der BVG-Linie „TXL“ und auch die anderen Stadtbuslinien fahren weiter wie gewohnt. Das Unternehmen will unter anderem mit Lautsprecherdurchsagen in den U-Bahnhöfen und Aushängen darüber informieren, welche Verbindungen zu den bestehenden Flughäfen in Tegel und Schönefeld bestehen.
Ladeninhaber
Plan: Beatrice Posch hätte an diesem Sonntag, dem 3. Juni, eigentlich sehr früh aufstehen müssen. Um fünf Uhr hätte sie ihren Laden „Kleine Gesellschaft für Kinderspielzeug“ am BER aufschließen müssen. Der erste Kunde sollte ein Geschenk bekommen. Und dann wären die fünf Mitarbeiter vorbeigekommen, um gemeinsam auf die Eröffnung anzustoßen. „Wahrscheinlich wären viele Fernsehkameras da gewesen und ich hätte Interviews geben müssen“, sagt die Inhaberin Beatrice Posch.
Realität: Jetzt wird Beatrice Posch am Sonntag ausschlafen. Und dann mit ihren zwei Kindern einen ganz normalen Familiensonntag haben. Je nach Wetter werden sie spontan entscheiden, ob sie ins Kino oder lieber in den Garten gehen. Das georderte Spielzeug hat sie storniert. Das sei in einem Jahr nicht mehr aktuell, sagt sie.
Fluggesellschaften
Plan: Morgens um halb sechs hätten sich zeitgleich ein Flugzeug der Air Berlin und eines der Lufthansa auf den beiden Startbahnen des BER in Bewegung gesetzt. Während Lufthansa mit einem A380 nach Frankfurt fliegen wollte, hatte Air Berlin einen Rundflug geplant. Danach wäre der ganz normale Flugbetrieb am BER losgegangen.
Realität: Nun läuft der Flugbetrieb in Tegel und Schönefeld weiter. Die Berliner Luftfahrtbehörde hat für einzelne Strecken die Betriebszeiten in Tegel um eine Viertelstunde bis nach 23.15 Uhr verlängert. Allerdings hat sie keine Flüge vor sechs Uhr morgens erlaubt. Diese Flüge werden daher entfallen, bis der BER eröffnet wird.
ij/flo/les/viu



