Fluglärm

Tegel-Anwohner zwischen Gelassenheit und Entsetzen

Die verschobene Eröffnung des BER bedeutet eine Ausweitung des Flugverkehrs in Tegel - und noch mehr Fluglärm für die Anwohner.

Foto: Christian Schroth

In den Bezirken rund um den Tegeler Flughafen fliegen nicht nur die Pollen tief. Alle paar Minuten donnert ein Flugzeug über die Dächer und Köpfe der Anwohner hinweg. Die kennen das. Seit mehr als 60 Jahren. Die Nachricht, dass der Flugverkehr nach dem 3. Juni mitnichten eingestellt, sondern nun sogar besonders während der Abendstunden noch erweitert werden soll, nehmen die Anwohner rund um den Airport Tegel gelassen. So beurteilt zumindest der Reinickendorfer CDU-Abgeordneten Burkard Dregger die Lage: „Ich kenne keinen, der sich darüber beschwert hat“, sagte er am Donnerstag im Abgeordnetenhaus.

Fragt man auf der Straße nach, stellt man fest: Allzu viele Bekannte im Norden Berlins scheint der Abgeordnete nicht zu haben. Denn nach einer Umfrage von Morgenpost Online, ist die Mehrheit der Befragten kritisch gegenüber zusätzlichen Flügen eingestellt.

„Das ist eine Zumutung“

Das Ehepaar Laurentius, das in der Pankower Wolfshagenerstraße das Café Canape betreibt, ist sauer. „So, wie es jetzt ist, ist es doch schon eine Zumutung. Dass es jetzt noch mehr Flüge werden sollen...“ Renate Laurentius lässt den Satz in der Luft hängen. „Wir hatten für den 3. Juni eigentlich ein von Fluglärm freies Frühstück geplant. Jetzt haben wir eine Kutsche bestellt und planen unter dem Motto „Lieber Kutsche fahren, als Fliegen“ eine Kiezprotestaktion daraus zumachen.“ An der Café-Außenwand zeigt sie das Countdownschild. Auf „Nur noch 297 Tage Flughafen Tegel“ ist es eingestellt. Das „nur “ hat sie durchgestrichen. „Die Gäste haben so gejubelt, als es von 100 Tagen runter auf 99 ging“, erinnert sich die Café-Betreiberin. „Auch wenn unser Protest hier nichts bewirken wird, wir wollen wenigstens zeigen, dass wir nicht einverstanden sind.“

Aber dennoch gibt es sie, die gelassenen Bürger, wie Sottirios Polyimos, der seit zehn Jahren in der Kavalierstraße wohnt. „Es ist doch gut, dass die geplanten Flüge nicht ersatzlos gestrichen werden. Denn schließlich wollen wir ja alle in den Urlaub fliegen“, meint der Architekt. „Und wir sind hier an den Fluglärm gewöhnt.“

Der 72 Jahre alter Rentner, Raul Fischer aus Reinickendorf wirkt beinahe erleichtert über den zusätzlichen Flugverkehr: „Ohne den Tegeler Flughafen wird uns hier doch etwas fehlen“, findet er.

„Es ist ein Skandal, dass auf dem Rücken der Menschen in Berlins Norden Wowereits BER-Debakel ausgetragen wird“, sagte dagegen der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Harald Moritz am Donnerstag im Parlament.

Nach Angaben der Stadtentwicklungsverwaltung wird es vor allem abends zu einer Zunahme der Flüge kommen. Am Kinderbauernhof Pinke Panke bereitet genau das den Angestellten Sorge. „Wir übernachten hier mit den Kindern häufig, wenn dann nachts lange durch geflogen wird, wird das belastend sein für die Kinder“, glaubt Jan Schnapper, der seit 21 Jahren auf dem Hof arbeitet.

Immerhin, zusätzliche Flüge am frühen Morgen insbesondere an den Wochenenden sind eher unwahrscheinlich. „Dass es zusätzliche Starts am Sonntag ab 5.20 Uhr gibt, sieht unsere Verwaltung skeptisch“, gab die Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Daniela Augenstein, am Donnerstag zu Protokoll.

Der Reinickendorfer Gesundheitsstadtrat Uwe Brockhausen (SPD) lehnt eine starke Ausdehnung des Flugbetriebs ebenfalls ab: „Die Lärmforschung hat eindeutig belegt, dass Lärm nicht gesund ist. Ich möchte alle Verantwortlichen bitten, die Interessen der in der Einflugschneise lebenden Bürger zu achten.“

In der Tegeler Kögelstraße haben die Anwohner von den 150 Extraflügen aus der Zeitung gehört. Ein Anwohner streicht sich den Schweiß von der Stirn, während er feststellt: „ Wir können doch alle noch gar nicht sagen, was das wirklich für uns bedeuten wird. Aber an uns wird da auch gar nicht gedacht. Die haben Angst vor weiteren finanziellen Verlusten“, meint er säuerlich. Seinen Namen möchte er lieber nicht nennen.

Die Fenster schließen

Die 43-jährige Tegelerin Natalia Eikelmann steht auf ihrem Balkon und blickt gelassen in die Sonne. „Für ältere Menschen ist das mit Sicherheit nicht leicht. Aber ich mache einfach die Fenster zu, wenn der Lärm mich abends beim Fernsehgucken stört.“

Ein paar Häuserblocks weiter sitzt Torsten Jahn vor den Geschäftsräumen seiner Autovermietung. „Gelassen?“, fragt er: „Wer sollte das denn gelassen sehen. Alle, mit denen ich darüber gesprochen habe, sind einer Meinung: Wie soll das überhaupt funktionieren?“ Er zuckt mit den Schultern. „Jetzt kommt hier schon alle 60 Sekunden eine Maschine vorbei. Ist das überhaupt möglich, täglich noch einmal 150 zusätzliche Flüge zulassen? Haben die das auch überprüft? Gibt es dann nicht auch eine erhöhte Unfallgefahr?“ Misstrauisch blinzelt er gegen das Sonnenlicht. „Das Einzige, was uns tröstet, ist die Tatsache, dass es temporär ist. Wir müssen die paar Monate bis März eben durchhalten.“

Der Berliner Anwalt Frank Boermann, der mehrere Flughafen-Anwohner vertritt, findet, dass die Anlieger den zusätzlichen Nachtflugbetrieb nicht einfach so hinnehmen müssen. Die Betriebsbedingung des Airports für einen Flugverkehr außerhalb der bisher üblichen Betriebszeiten müsse grundlegend geändert werden. Ein Verfahren sei dafür nötig. Ein Verfahren an dem auch die Anwohner beteiligt werden müssten.

Alle Informationen rund um den neuen Hauptstadtflughafen BER im Special von Morgenpost Online