BER-Chaos

Resterampe Schönefeld - alle Airlines wollen nach Tegel

Die Airlines drängen nach Berlin-Tegel. Doch dort mangelt es an Stellflächen für die vielen Flugzeuge. Gleichzeitig gibt es neue Vorwürfe.

Es ist durchaus eine Leistung, der geplatzten Eröffnung des neuen Flughafens BER am 3. Juni etwas Positives abzugewinnen. Aber die schafft Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Er sehe das auch als eine Chance, sagte Wowereit bei der Taufe eines Lufthansa-Flugzeugs in Tegel. „Denn dadurch wird am Flughafen bei seiner tatsächlichen Eröffnung mehr fertig gestellt sein als es im Juni der Fall gewesen wäre.“ Die Ansicht dürften insbesondere die Chefs der betroffenen Fluggesellschaften nicht unbedingt teilen. Denn sie müssen sich jetzt mit einem Provisorium abfinden, das schon seit Jahren am Rande seiner Leistungsfähigkeit steht.

In knapp zwei Wochen wird es eng auf dem Flughafen Tegel – so eng, dass die großen Fluggesellschaften nicht garantieren können, ob sie in den kommenden zehn Monaten bis zur Eröffnung des neuen Airports Berlin Brandenburg die Hauptstadt nach Plan anfliegen. Die Lufthansa geht zwar nach der geplatzten Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens grundsätzlich davon aus, alle geplanten Flüge auch von Tegel in die Luft zu bekommen. Der ehrgeizige Plan könne aber nur funktionieren, wenn andere Fluglinien nach Schönefeld ausweichen, schränkte Lufthansa-Vorstand Carsten Spohr ein. „Einfach „On Top“ wird das nicht gehen“, so Spohr. Dafür sei der Flughafen zu klein.

Doch Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn hatte kurz zuvor ebenfalls in Berlin klar gemacht: „Wir weichen nicht nach Schönefeld aus. Da ist es zu eng. Außerdem begrüßt einem dort bis heute ein Stück DDR. Da will man doch keine Gäste empfangen.“ Nun hoffen beide Airlines, dass andere Carrier nach Schönefeld wechseln, aber auch die großen ausländischen Fluggesellschaften meiden den alten DDR-Flughafen.

Auch Air France setzt auf Tegel

Air France beispielsweise ließ umgehend Meldungen dementieren, wonach die Franzosen angeblich ab Juni einzelne Flüge von Schönefeld aus planten. „Air France wird ihre Starts und Landungen bis zur Eröffnung des neuen Flughafens ausschließlich in Tegel durchführen. Schönefeld wird nicht bedient“, sagte eine Sprecherin der Airline. Die für 3. Juni geplante Inbetriebnahme des neuen Flughafens war nach offiziellen Angaben wegen technischer Schwierigkeiten auf nächstes Jahr verschoben worden.

Lufthansa, Air Berlin aber auch Billigflieger wie Easyjet wollten mit Start des neuen Flughafens die Zahl der Flüge deutlich anheben, und daran halten zumindest die beiden deutschen Gesellschaften auch unter den beengten Verhältnissen in Tegel fest. Es sei wichtig, den kompletten Flugplan inklusive der Zeiten einhalten zu können. Er sei aber zuversichtlich, dass dies auch funktionieren werde, sagte Spohr. Die Lufthansa werde ab Juni 15 Maschinen in Berlin stationieren, sechs mehr als derzeit. Insgesamt will sie 40 Prozent mehr Sitzplätze anbieten als bisher.

Hartmut Mehdorn bekräftigte, ebenfalls bis zur geplanten Eröffnung des neuen Airport am 17. März 2013 alle bereits geplanten Flüge in Tegel durchführen zu wollen. „Wir wollen keine Verbindung absagen. Und eine Verlegung von Flügen nach Leipzig, wie im Umlauf gebracht wurde, wird es nicht geben“, so der Air-Berlin-Chef. Mögliche Flugausfälle ab oder nach Tegel wollte Mehdorn jedoch nicht ausschließen: „Wir wissen nicht, was die anderen Airlines vorhaben. Spätestens wenn der Winter kommt und der am Ende hart und schneereich ist, hat Tegel ein Problem“, warnte Mehdorn. Unter anderem die Enteisung der Maschinen sei in Tegel aus Kapazitätsgründen besonders schwierig. „Noch können wir die Situation aber nicht endgültig beurteilen.“

Entscheidung am Donnerstag

Zunächst müsse das Ergebnis der Flugplankoordination am Donnerstag in Frankfurt am Main abgewartet werden. Auf der Konferenz werden die Slots, also die Zeitfenster für Starts und Landungen, an deutschen Flughäfen vergeben. Nächste Woche ist Mehdorn nach eigenen Angaben mit Flughafenchef Rainer Schwarz verabredet, um das Problem zu besprechen. Es sei die Aufgabe der Flughafengesellschaft, für ausreichende Kapazitäten zu sorgen, sagte der Air-Berlin-Chef. 1500 Starts und Landungen will Air Berlin ab Juni durchführen, das sind acht Prozent mehr als bislang. Der Flughafen Tegel war zuletzt schon dem bisherigen Passagieraufkommen nicht gewachsen. Für den neuen Ansturm hat er daher erst recht keine Kapazitäten mehr. Es fehlen Parkpositionen für die Maschinen oder Räume zur Fluggast- und Gepäckabfertigung, und das sind nur zwei von vielen Defiziten. Die Airlinechefs halten denn Starts und Landung nach den neuen, aufgestockten Plänen nur für möglich, wenn das Nachtflugverbot in Tegel von 23 Uhr bis 6 Uhr gelockert wird. „Das ist zwingend notwendig, um alle Maschinen unterzukriegen“, sagte Mehdorn. „Wir reden hier von bis zu zehn Maschinen, die morgens vielleicht eine halbe Stunde früher starten. Und es ist schon klar, dass wir hier in Hauspantoffeln gehen müssen.“ Oliver Wagner, Bereichsleiter Direct Services bei der Lufthansa, sagte: „Wir haben vier Mal pro Woche Flieger, die kurz nach 23 Uhr starten und gehen davon aus, dass die Betriebszeiten entsprechend angepasst werden.“

Darüber hinaus forderte Mehdorn Investitionen in das 38 Jahre alte Terminal, um die kommenden Monate einen reibungslosen Ablauf zu garantieren. „Wir haben Tegel in all den Jahren lieb gewonnen, aber der Flughafen ist nicht mehr zeitgemäß und inzwischen wirklich abgegriffen. Unter anderem muss die Kofferverteilung verbessert werden, und zusätzliche Parkpositionen für Maschinen sind nötig.“ Die Lufthansa stellt sich darauf ein, aus Platzgründen abends einzelne Maschinen zur Wartung nach Schönefeld fliegen zu müssen. „Die sind dann leer und eine zusätzliche Kostenbelastung“, so Wagner. Zudem müsse man mehr Flugzeuge an Außenpositionen abfertigen und aus Platzgründen nicht direkt am Gate.

Aber die Kosten, die durch die Verschiebung der Flughafeneröffnung entstehen und über deren Höhe man kommende Woche erstmals reden will, wollen die Airlines der Flughafengesellschaft in Rechung stellen. „Zur Höhe der Kosten, die sich für uns aus der Verschiebung ergeben, kann ich noch nichts sagen, darüber reden wir kommende Woche“, so Mehdorn. Aber auch dann will die Airline die Summen nicht nach außen dringen lassen. Klar ist nach Worten des Air-Berlin-Chefs nur eins: Air Berlin werde aus dem Flughafen-Desaster kein finanzieller Schaden entstehen. „Das hat man uns gesagt, auch wenn das nicht juristisch verbindlich ist“, so Mehdorn.