BER-Debakel

Tegel zu klein – Air France plant mit Starts in Schönefeld

Nach dem BER-Skandal wird der Platz in Tegel eng. Air France wird wohl einige Flüge nach dem 3. Juni von Schönefeld aus starten müssen.

Nach der Verschiebung des Eröffnungstermins für den Berliner Großflughafen hat Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer eine „Soko BER“ eingerichtet. „Das Flughafen-Management muss jetzt endlich hieb- und stichfest liefern – mit voller Transparenz gegenüber dem Aufsichtsrat“, sagte der CSU-Politiker Medienberichten zufolge. Die Arbeitsgruppe, die am Freitag das erste Mal tagte, solle den vorläufigen Flugbetrieb in Tegel und Schönefeld, die Start- und Landezeiten sowie die Flughafenkoordination in Tegel und Schönefeld sicherstellen, da von der Verschiebung auch Organisationen des Bundes wie die Deutsche Flugsicherung betroffen seien.

Wann geht mein Flug und – vor allem – von wo? Diese Fragen stellen sich seit zwei Wochen auch Millionen von Passagieren. Seit bekannt ist, dass der neue Hauptstadtflughafen BER nicht wie geplant am 3. Juni eröffnen kann, wird bei den Airlines eiligst an Ersatzkonzepten gearbeitet, um möglichst alle geplanten Verbindungen von und nach Berlin an den bisherigen Flughäfen Tegel und Schönefeld realisieren zu können. Am Donnerstag entscheidet die in Frankfurt am Main ansässige Flughafenkoordination Deutschland über die Verteilung der Slots, also der Zeitfenster für Starts und Landungen an den Airports. Noch bis Dienstag können die Fluggesellschaften ihre Anträge einreichen. Neben Tegel und Schönefeld hatten sich zuletzt auch die Flughäfen Erfurt-Weimar und Leipzig-Halle als mögliche Ausweichstandorte ins Spiel gebracht.

Berlin will keine Kunden verlieren

Die Berliner Flughafengesellschaft hofft, dass sie durch die geplatzte Eröffnung des BER möglichst keine Kunden an andere Airports verliert, wie Sprecher Ralf Kunkel am Sonntag bestätigte. „Natürlich wollen wir mit unseren Airlines Geld verdienen“, sagte er. „Wir führen Gespräche mit allen Fluggesellschaften und sind zuversichtlich, den Verkehr in Tegel und Schönefeld abwickeln zu können.“

Zu dieser Einschätzung kommt auch die Flugkoordination. Derzeit gebe es keine Erkenntnisse, dass der für den BER vorgesehene Flugplan nicht in Tegel und Schönefeld realisiert werden könne, teilte die Behörde mit. Allerdings nur bei Nutzung „aller irgend möglichen Restkapazitäten“. Zumindest die Kapazitäten am Himmel über Berlin würden wohl ausreichen. Berechnungen der Frankfurter Behörde nennen für den neuen BER 73 bis 80 mögliche Starts und Landungen pro Stunde. Für Tegel sind es 52, für den alten Flughafen Schönefeld 26 – zusammen also 78.

Eng wird es dagegen am Boden. Vor allem in Tegel. Das Terminal dort ist schon jetzt völlig überlastet, zudem gibt es zu wenige Abstellplätze für Flugzeuge. Die Flughafengesellschaft will bei der Verteilung der knappen Kapazitäten vor allem dafür sorgen, dass die Bedürfnisse der beiden Hauptkunden – Air Berlin und Lufthansa – befriedigt werden, wie Flughafenchef Rainer Schwarz betonte. Andere Airlines sollen dagegen nach Schönefeld ausweichen. Etwa mit der Germania werde darüber bereits verhandelt, sagte Schwarz. Als Köder für einen Umzug nutzt Betreibergesellschaft die deutlich niedrigeren Gebühren in Schönefeld.

British Airways und Air France planen mit Tegel

Die großen europäischen Airlines verweisen auf ihren Internetseiten auf die unklare Situation. British Airways etwa teilt seinen Kunden mit, man werde weiter mit Tegel planen, bis ein neuer Eröffnungstermin für den BER unwiderruflich feststehe. Offiziell heißt es auch bei Air France, man sei bestrebt „bis auf Weiteres den Flughafen Berlin-Tegel (TXL) zu nutzen“. Nach Informationen von Morgenpost Online wurden aber zumindest die Passagiere einiger nach dem 3. Juni geplanten Air-France-Flüge bereits schriftlich darüber informiert, dass sie am alten Flughafen Schönefeld starten werden.

Neben den Problemen am Bau hat die Flughafengesellschaft auch Schwierigkeiten mit ihrer Finanzierung. Denn die Manager haben in dem Bestreben, sich gegen das Risiko steigender Zinsen für die meisten der zum Teil bis 2026 laufenden Kredite über bisher maximal 2,4 Milliarden Euro abzusichern, spekulative Finanzprodukte erworben. Drei solcher sogenannten Swaps hat das öffentliche Unternehmen seit 2006 erworben. Da die Zinsentwicklung jedoch anders als befürchtet eher nach unten gegangen ist, haben sich diese Papiere für den Flughafen deutlich negativ entwickelt.

Millionen-Risiken durch Swaps

2010 musste daher ein negativer Marktwert von 106 Millionen Euro ausgewiesen werden. Das heißt nicht, dass diese Summe tatsächlich gezahlt werden muss. Dieser Betrag würde nur fällig, wenn alle Verträge sofort beendet würden. 2011 hat sich die Lage der Flughafen-Swaps noch einmal deutlich verschlechtert, am Ende des abgelaufenen Jahres lag der negative Marktwert bei 214,5 Millionen Euro. Dieses Risiko hat die Flughafengesellschaft mit einer Avale, also einer Art Bürgschaft, bei der Investitionsbank des Landes Brandenburg über 225 Millionen Euro abgesichert, was de facto einen weiteren Kredit für den Flughafen darstellt.

Die negative Entwicklung ihrer Swap-Papiere wollten die Flughafen-Manager und Aufsichtsräte nicht endlos mit ansehen. Im Dezember 2011 handelten sie mit den Banken eine Restrukturierung aus und müssen die Risiken aus dem Swap-Geschäft nun nicht mehr absichern. Ein-Flughafensprecher verwies auf den Geschäftsbericht. Die Swaps seien weder neu noch irgendetwas Besonderes. Kritiker wie der Flughafen-Experte Frank Welskop verweisen darauf, dass andere deutsche Kommunen und öffentliche Unternehmen mit vergleichbaren Papieren erhebliche Verluste eingefahren hätten.

Mit den technischen Ursachen und finanziellen Risiken der geplatzten Flughafeneröffnung befasst sich an diesem Montag der Brandenburger Landtag bei einer Sondersitzung. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) will eine Regierungserklärung zum BER-Debakel abgeben. In Berlin fordern die Grünen bereits die Einrichtung einer Ombudsstelle für Unternehmen, die durch die Terminverschiebung einen wirtschaftlichen Schaden erleiden werden.