Frank Welskop warnt schon lange vor einem Milliardengrab BER. 2009 veröffentlichte er ein Buch, in dem er den Flughafenbau mit dem Berliner Bankenskandal vergleicht. Die Finanzen der Flughafengesellschaft durchleuchtete er jahrelang. Seine Prognose: Das ohnehin sehr optimistische Finanzierungskonzept des Neubaus und des weiteren Betriebs wird ohne Zuschüsse der Gesellschafter Bund, Brandenburg und Berlin nicht zu halten sein.

Allein die von Aufsichtsratschef Klaus Wowereit bestätigten Ausfälle der höheren Gebühren in BER belaufen sich auf 15 Millionen Euro pro Monat, also auf mindestens 135 Millionen Euro. Dazu müsse man laut Welskop jedoch die ausbleibenden höheren Einnahmen aus dem sogenannten Non-Aviation-Bereich, also dem Shoppingcenter und der Gastronomie am neuen BER, rechnen. Der Experte schätzt die Verluste auf 80 Millionen Euro bis zur geplanten Eröffnung im März 2013.

In Tegel und Schönefeld gibt es kaum Läden, an denen die Passagiere nach der Sicherheitskontrolle vorbeigelotst werden. Die Flughafengesellschaft erzielte mit Non-Aviation 2011 nur 47 Millionen Euro, keine 20 Prozent ihres Umsatzes. Dieser Sektor sollte nach Aussagen des Flughafenchefs Rainer Schwarz am BER einmal knapp die Hälfte des Umsatzes erbringen, also 130 bis 150 Millionen. Hinzu muss man nach den Worten des Flughafenkritikers mindestens 350 Millionen Euro höhere Baukosten rechnen.

Schon allein der Versuch, den Juni-Termin zu schaffen, habe 100 Millionen Euro zusätzlich gekostet. Ohne die kaum zu beziffernden Regressforderungen geschädigter Händler, Dienstleister oder Firmen summierten sich die ziemlich sicher eintreffenden Mehrkosten beziehungsweise Ausfälle also auf mindestens 550 Millionen Euro. Diese Rechnung entspricht in etwa der, die auch die Grünen im Abgeordnetenhaus aufmachen. „Wir rechnen mindestens mit Zusatzkosten von einer halben Milliarde“, sagte Fraktionschefin Ramona Pop. Letztlich werde das Gesamtprojekt, das 2011 mit 2,1 Milliarden Euro angegeben worden sei, knapp doppelt so teuer, warnt Welskop.

Die Mehrbelastungen werden laut Welskop Folgen haben: „Die Flughafengesellschaft wird ihre Kredite für den Bau nicht ohne Hilfe bedienen können.“ Weil in Berlin der Anteil der Billigflieger sehr hoch sei und auch nach der BER-Eröffnung hoch bleiben werde, erreiche man nicht die Umsätze anderer Airports. Die Berliner Flughafengesellschaft setzt in der Tat mit jedem der 24 Millionen Passagiere nur knapp mehr als zehn Euro um. An anderen Flughäfen seien die Erlöse pro Fluggast doppelt so hoch. Zumal für 2012 und 2013 ohnehin Verluste von jeweils mehr als 100 Millionen Euro eingeplant waren, wegen der hohen Zinszahlungen. Schon 2011 musste die Gesellschaft 82 Millionen an die Banken für ihre langfristigen Verbindlichkeiten von 2,6 Milliarden Euro überweisen und erwirtschaftete deshalb einen Verlust von 74 Millionen Euro.

Flughafenchef Rainer Schwarz bezifferte den finanziellen Mehraufwand bisher nicht. Es würden derzeit mit Partnern und Beteiligten Gespräche geführt, um die entstehenden Kosten „halbwegs dimensionieren“ zu können, sagte er. Es gebe noch keine schriftlich eingereichten Schadenersatzforderungen.

Die Berliner Wirtschaft fordert indessen, das Nachtflugverbot für Tegel zu lockern, um dort zusätzliche Kapazitäten zu schaffen. Der Präsident der Industrie- und Handelskammer, Eric Schweitzer, sagte, das Thema Betriebszeiten müsse überdacht werden. Alle Beteiligten sollten nun möglichst kurzfristig pragmatische Lösungen für die Übergangszeit entwickeln. Derzeit darf in Tegel zwischen 23 und 6 Uhr nicht geflogen werden.

Auch Air Berlin hatte gefordert, die Nachtruhe auf die Zeit zwischen Mitternacht und 5 Uhr zu verkürzen. Flughafenchef Schwarz sagte, die Airlines könnten in begründeten Einzelfällen Ausnahmeregelungen beantragen. Schwarz geht es vor allem darum, für Air Berlin die Verluste in Grenzen zu halten. Denn die ohnehin angeschlagene Fluglinie, die jeden dritten Berlin-Passagier befördert, wollte in BER ein Drehkreuz mit möglichst vielen Umsteigepassagieren einrichten. Das ist wegen der baulichen Gegebenheiten in Tegel kaum möglich. Bisher steigen nur etwa vier Prozent aller Fluggäste in Berlin um.