Karina Kretschmer hat an diesem Tag schon einen bewusstlosen Piloten aus seinem Sitz befreit, ein Flugzeug evakuiert und ist die Notrutsche hinabgesaust. Später wird sie noch einen Kabinenbrand löschen.
Im Trainingszentrum TFC in Schönefeld werden die Flugbegleiterin und ihre Kollegen auf Extremsituationen vorbereitet, die hoffentlich nie eintreten. „Die Übungen sind gut, dadurch verliert man die Unsicherheit“, sagt die 40-Jährige.
Im Januar 2011 eröffnete Firmeninhaber Christian Käufer das Trainingszentrum in unmittelbarer Nähe zum neuen Flughafen BER. Zu seinen Kunden zählen große Fluggesellschaften wie Air Berlin, Lufthansa und Germanwings. Es ist nach Essen, München und Köln bereits die vierte Niederlassung der TFC. Christian Käufer erwartet wegen des neuen Hauptstadt-Airports eine steigende Nachfrage von den Fluggesellschaften. „Deshalb haben wir uns bewusst für ein neues Trainingszentrum in Schönefeld entschieden“, sagt Käufer. Die Übungen dort können die Grundausbildung der Flugbegleiter nicht ersetzen und sollen es auch nicht. „Wir schulen die Flugbegleiter und Piloten ausschließlich für Extremsituationen wie einen Brand an Bord“, sagt Käufer.
In der Halle stehen Kabinen zweier ausrangierter Flugzeuge. Für die Crews macht es einen Unterschied, ob sie in einem Airbus oder in einer Boeing arbeiten. Das merkt Michael Viek, als er zur Übung einen vermeintlich bewusstlosen Piloten aus seinem Sitz befreien muss. Er öffnet den Gurt, hebt die Armlehen und fasst dann vorsichtig den Arm des Kollegen, der für diese Übung in die Rolle des Piloten geschlüpft ist. „Der Vorgang selbst verändert sich natürlich nicht“, sagt Trainerin Katrin Krauth. „Aber die Handhabung unterscheidet sich leicht, da die Sitze unterschiedlich gebaut sind.“
Jährlich üben ist Pflicht
Michael Viek hat seinen Kollegen mühelos befreit. Er macht die Übung auch nicht zum ersten Mal. Seit zehn Jahren arbeitet er schon als Flugbegleiter. Jedes Jahr muss das Kabinenpersonal solch ein Training absolvieren. Dies ist laut Gesetz vorgeschrieben. Als nächstes muss Michael Viek das Flugzeug evakuieren. Nebel hat sich in der Kabine ausgebreitet, einige Passagiere sind bewusstlos. „Open your seat belts and get out“, ruft er erst auf Englisch. Dann fordert er sie auf Deutsch auf, die Gurte zu öffnen und das Flugzeug zu verlassen. An der Notrutsche steht er bereit, den Passagieren hinaus zu helfen. 4,80 Meter sind es bis zum Boden. Vor allem am Ende wird die Fahrt gefährlich schnell. Wenn die Passagiere unten nicht rasch genug zur Seite treten, kommen die nächsten von oben nach und rutschen ihnen in den Rücken. „Dabei können Verletzungen entstehen“, sagt Viek. „Es ist daher wichtig, die Leute schnell, aber möglichst geordnet aus der Kabine zu bekommen.“ Die Rutsche kann theoretisch auch als Rettungsboot genutzt werden. Mehr als 80 Leute haben dann darin Platz. Sie müssen allerdings wie bei einer Ziehharmonika gegenüber gesetzt werden. Danach gehen die Kursteilnehmer in den Feuercontainer, wo Brand an Bord nachgestellt wird. Obwohl Rauchen an Bord streng verboten ist, gehen manche Passagiere auf die Toilette und genehmigen sich dort heimlich eine Zigarettenpause. Manche sind sogar so achtlos und schmeißen die noch glühende Kippe in den Abfall. Dort kann sich die Glut entzünden und einen Kabinenbrand auslösen. Drei unterschiedliche Feuerlöscher stehen bereit. Die Flugbegleiter sollen mit jedem der Geräte problemlos umgehen können.
So viel Aufregung bietet der normale Arbeitstag von Karina Kretschmer als Flugbegleiterin bei Air Berlin sonst nicht. In ihren neun Jahren an Bord waren die schlimmsten Erlebnisse ein kranker Passagier und das erneute Durchstarten beim Landeanflug.



