Schon lange bevor Anfang Juni das erste Flugzeug vom neuen Flughafen Willy Brandt BER abheben wird, haben sich Firmen in der Umgebung niedergelassen. Rolls-Royce hat in Dahlewitz ein Testzentrum eröffnet, Lufthansa und Air Berlin haben in Schönefeld ihre Wartungshangars geschaffen, und DB Schenker hat einen Logistikstandort in Großbeeren aufgebaut.
Allerdings blieb die Zahl der entstandenen Arbeitsplätze hinter den Erwartungen zurück. Momentan sind 2000 bis 3000 neue Jobs direkt beim Flughafen entstanden. Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Die Linke) ist sicher, dass die Zahl der neuen Stellen steigen wird.
Der Flughafen werde seine Sogwirkung noch entfalten, so der Minister. Auch die Bewohner in Berlin und Brandenburg dürften die Auswirkungen bald viel mehr zu spüren bekommen. Christoffers geht davon aus, „dass die Kooperation zwischen den beiden Bundesländern über den Flughafen hinaus ausgebaut werden kann“. Das Gespräch führte Viktoria Unterreiner.
Morgenpost Online: Herr Minister, was war bislang Ihr Lieblingsflughafen?
Ralf Christoffers: Ich muss gestehen, das war Tegel.
Morgenpost Online: Warum wird der neue Hauptstadt-Flughafen Willy Brandt besser sein?
Ralf Christoffers: Das ist ganz einfach. Hier in Brandenburg entsteht gerade der modernste und technisch beste Flughafen in Europa.
Morgenpost Online: Was hätte man bei der Planung besser machen können?
Ralf Christoffers: Ich hätte mir gewünscht, dass der Flughafen beim Lärmschutz zügiger auf die Bedürfnisse der Anwohner eingegangen wäre. Die kürzlich vom Flughafenaufsichtsrat genehmigten 17 Millionen Euro weisen aber in die richtige Richtung.
Morgenpost Online: Wann kommen die vorhergesagten Firmenansiedlungen und neuen Arbeitsplätze?
Ralf Christoffers: Wir merken das jetzt schon. Eine ganze Reihe Unternehmen hat sich schon vor der Eröffnung in der Umgebung des Flughafens niedergelassen. Das werden ab dem 3. Juni noch deutlich mehr.
Morgenpost Online: Die Flughafenbetreiber haben unter Berufung auf eine Studie fast 40.000 zusätzliche Arbeitsplätze für Berlin und Brandenburg versprochen. Davon ist erst etwa ein Viertel entstanden.
Ralf Christoffers: Ich bin sicher, dass die Zahl noch steigen wird. Eine ganze Reihe von Firmen wartet auch erst einmal die Eröffnung ab. Der Flughafen hat eine starke Sogwirkung für Firmen. Aber er wird sie erst in den kommenden drei bis fünf Jahren richtig entfalten. Im Sommer wird das neue Messegelände in der Nähe des Flughafens fertig. Das wird ebenfalls für einen Schub sorgen.
Morgenpost Online: In welchen Branchen entstehen die Jobs?
Ralf Christoffers: Zuallererst bei Firmen, die einen Bezug zur Luftfahrt haben. So hat unter anderem Siemens sein Turbinentestzentrum in der Nähe des Flughafens angesiedelt. Dazu kommen Logistikfirmen, ein Stahlhersteller sowie Hotels und Restaurants. In einem Radius von 30 Minuten Fahrtzeit zum Flughafen haben wir mehr als 20 Gewerbegebiete ausgewiesen. Dort lassen sich nach und nach die Firmen nieder. Sie haben allein in den vergangenen beiden Jahren für 9000 neue Arbeitsplätze gesorgt.
Morgenpost Online: Welche größeren Investoren haben sich angekündigt?
Ralf Christoffers: Wir sind mit mehreren Firmen aus dem europäischen Ausland und aus China im Gespräch. Hier geht es um eine breite Mischung, die wir aber auch dringend brauchen, um unsere industrielle Basis zu stärken.
Morgenpost Online: Manche Arbeitssuchende beschweren sich, dass am Flughafen zu viele Minijobs und untertariflich bezahlte Stellen entstehen.
Ralf Christoffers: Leiharbeit und Minijobs haben als arbeitsmarktpolitisches Instrument ihre Berechtigung, aber nicht, wenn sie reguläre Jobs verdrängen. Der Fachkräftewettbewerb ist so nicht zu gewinnen. Niedriglohnstrategien belasten das Konzept der sozialen Marktwirtschaft, und die Unternehmen werden sie auf Dauer auch nicht durchhalten können.
Morgenpost Online: In dem Fall wäre es mit der Jobmaschine Flughafen nicht weit her.
Ralf Christoffers: Das ist meines Wissens am BER nicht der Fall, und darauf werden wir auch achten. Der Bau des Flughafens hat für die Region wie ein kleines Konjunkturprogramm gewirkt. Zwei Drittel der Aufträge gingen an Firmen aus Berlin und Brandenburg, unter ihnen viele Mittelständler.
Morgenpost Online: Zuletzt gab es am Flughafen immer wieder Fälle von Schwarzarbeit und erzwungener Scheinselbstständigkeit.
Ralf Christoffers: Wir haben über 5000 Beschäftigte auf der Baustelle am BER. Bei einer solch hohen Zahl kann man kriminelle Energien nicht ausschließen. Der Zoll hat die Lage durch seine Kontrollen aber gut im Griff. Ich gehe davon aus, dass es sich dabei um Einzelfälle handelt.
Morgenpost Online: Wie wird der Flughafen die Hauptstadtregion verändern?
Ralf Christoffers: Hier findet ein Imagewandel statt. Wir werden bunter. Durch den Flughafen werden wir als moderner Standort in Europa wahrgenommen. Für die Zukunft rechnen wir auch mit einem starken Anstieg des Tourismus, vor allem für Kongresse und Tagungen.
Morgenpost Online: Wachsen durch den Flughafen auch Berlin und Brandenburg weiter zusammen?
Ralf Christoffers: Davon bin ich überzeugt. Berlin und Brandenburg vermarkten den Standort gemeinsam. Ich bin zuversichtlich, dass die Kooperation zwischen den beiden Bundesländern auch über den Flughafen hinaus ausgebaut werden kann.



