Am Anfang waren es drei, vier Kilometer. Zweimal die Woche. Dann wurde es immer mehr: längere Strecken, häufigere Termine - bis die junge Frau mindestens einmal täglich die Laufschuhe schnürte und Symptome wie nervöse Unruhe und Magenschmerzen entwickelte, sobald ihr etwas dazwischen kam.

Ein bis drei Prozent der Sportskanonen sind süchtig

"Wenn jemand einen so zwanghaften Drang verspürt, Sport zu treiben, dass der Verzicht auf seine gewohnte Dosis ihn psychisch oder sogar körperlich leiden lässt, ist das nicht normal", sagt Professor Jens Kleinert von der Deutschen Sporthochschule Köln. Experten wie er sprechen in diesem Zusammenhang schon einmal von Suchtverhalten.

Sportsucht gehört zu den Verhaltenssüchten. "Ausgehend von einer Studie, die wir mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen durchgeführt haben, würde ich sagen, dass die Krankheitshäufigkeit unter den intensiv Sporttreibenden bei ein bis drei Prozent liegt", sagt Professor Oliver Stoll von der Universität Halle-Wittenberg.

Magersucht und Sportsucht können zusammenhängen

Im Rahmen der Studie wurden Ausdauersportler zu ihren Trainingsgewohnheiten befragt. Etwa jeder 20. zeigte Anzeichen einer Sportsucht oder Sportsuchtgefährdung.

Weitere Risikogruppen sind laut Stoll Kraftsportler, von denen einige muskelsüchtig werden, und Extremsportler, die von einem Adrenalinkick zum nächsten jagen. Menschen mit Körperwahrnehmungsstörungen wie Magersucht seien ebenfalls gefährdet.

Gehen genauso gesund wie Joggen

Einen Sportsüchtigen erkennen Angehörige daran, dass Sport nicht nur Teil seines Lebens ist, sondern es bestimmt. Betroffene seien wie besessen davon und trainierten nicht etwa, weil sie Lust darauf haben, sondern einen unkontrollierbaren Drang dazu verspürten, erklärt Professor Thomas Schack, Vizepräsident der Internationalen Gesellschaft für Sportpsychologie.

Auch bei der Sportsucht klettert die Dosis

Dabei werde die Dosis kontinuierlich erhöht. Denn der Körper verlange in immer größerer Menge nach dem "rauschhaften Wohlgefühl", in den ihn die beim Sport ausgeschütteten Botenstoffe wie Dopamin versetzen. Ein erzwungener Verzicht könne bei Sportsüchtigen Entzugssymptome wie Kopf- und Magenschmerzen, Nervosität oder Depressionen auslösen.

Ein so extremes Verhalten hat Folgen. Irgendwann verdrängen die negativen Trainingseffekte zunehmend die positiven. "Auf Dauer kann das exzessive Trainingsverhalten dazu führen, dass der Körper sich nicht mehr regenerieren kann und es zu einem Übertrainingseffekt kommt, der mit Symptomen wie Schlaflosigkeit, Kopfschmerz oder Muskelbeschwerden einhergeht", sagt Kleinert.

Außerdem könne die hohe körperliche Belastung langfristig das Immunsystem schwächen oder Herz-Kreislauf-Probleme und einen vorzeitigen Verschleiß von Gelenken, Knochen und Sehnen nach sich ziehen. Hinzu kommt, dass Sportsüchtige oft auch dann weitertrainieren, wenn sie verletzt oder krank sind.

Symptome der Sportsucht: Freunde und Familie leiden mit

Konsequenzen kann die Sportsucht aber auch auf psychosozialer Ebene haben: "Die Betroffenen stehen ständig unter Druck und fühlen sich so getrieben von ihrem Sportdrang, dass sie gar nicht mehr richtig zur Ruhe kommen", schildert Stoll die Symptome.

Damit es nicht so weit kommt, empfehlen die Experten, das eigene Trainingsverhalten kritisch zu hinterfragen, sobald sich Warnzeichen einer Sportsucht bemerkbar machen.

"Wenn die Grenze von Sportleidenschaft zu Sportsucht überschritten ist, heißt es, einen Therapeuten zurate zu ziehen2, sagt Schack. Dieser könne Betroffenen Strategien an die Hand geben, mit denen sie vom exzessiven zum normalen Sporttreiben zurückfinden.

Körperschemastörung kann eine Sportsucht verursachen

Wichtig ist auch, das Problem an der Wurzel packen: indem der Betroffene gemeinsam mit dem Therapeuten herausfindet, woher sein Suchtverhalten kommt und es aufarbeitet. Häufige Auslöser einer Sportsucht sind Traumata oder eine gestörte Selbstwahrnehmung.

Mehr Informationen zu Fitness, Sport und Ernährung bietet das Gesundheitsportal Lifeline. Quelle: lifeline.de