Nina* macht sich große Sorgen. Sie sind in jedem ihrer Sätze spürbar. Seit einem Jahr betreibt ihr Freund exzessiv Sport, er läuft jeden Tag, manchmal trotz Verletzungen. Er meint, nur so bekomme er seinen Kopf frei, schreibt Nina. Längst leidet die Beziehung der jungen Frau unter seiner Fixierung aufs Laufen. „Außerdem ist er extrem dünn geworden. Reden kann man mit ihm nicht darüber, weil er sagt, es ist alles in Ordnung.“
Das Leben von Ninas Freund gleicht einem Hamsterrad, dem er nicht entkommen kann – und will: Laufen ist für ihn nicht nur selbstverständlich geworden, sondern zur Abhängigkeit. „Sportsucht modifiziert sich im Gehirn ähnlich wie eine Heroinsucht im Gehirn. Es gibt Versuche mit Ratten, die man quasi laufsüchtig gemacht hat im Rad. Man hat festgestellt, dass sie ähnliche Entzugserscheinungen zeigten wie Heroinsüchtige“, sagt Professor Jürgen Beckmann, Inhaber des Lehrstuhls für Sportpsychologie an der TU München.
In diesem Jahr werden wieder Zigtausende bei den großen Marathonrennen starten. Die allermeisten tun es gern und aus Leidenschaft, und ihnen tut es gut. Doch werden unter ihnen auch solche sein, die längst keinen Spaß mehr verspüren – sondern nichts als Zwang. Finishen verschafft ihnen allenfalls kurzfristige Befriedigung.
Wie viele Läufer süchtig sind? Niemand vermag es seriös zu sagen, weil die Abhängigkeit von Sport zu den Tabuthemen gehört. Experten schätzen aber, dass ein Prozent der Ausdauersportler betroffen sind. Das Denken dieser Personen drehe sich fast nur noch um Sport, weiß Psychologe Beckmann: „Es ist ähnlich wie bei starken Rauchern, wenn sie ihr Nikotin nicht bekommen: Sie werden unruhig, aggressiv, misslaunig. Diese Effekte findet man genau so bei den Sportsüchtigen. Deren Dosen werden immer weiter erhöht. Sie laufen öfter und weiter.“
Oliver Stoll kennt dieses Gefühl. Nach dem Abitur begann er eine Lehre, doch befriedigte sie den ehrgeizigen jungen Mann nicht. Mehr und mehr befasste er sich mit Ausdauerläufen. Er spricht von einer „Ecke, in die ich geflüchtet bin“ und erklärt: „Ich erzielte relativ schnell Erfolge. 10 Kilometer, 15 Kilometer, Halbmarathon, Marathon – dann guckt man, wie es sich anfühlt, wenn man 100 Kilometer oder 24 Stunden läuft. Ist man in dieser Spirale drin“, sagt Stoll, „dann ist es kognitiv schwer, dort wieder heraus zu kommen. Ich habe es bis zum Exzess betrieben mit allen Symptomen: Dosissteigerung, schlechtes Gewissen, Missachtung von Verletzungen, soziale Isolation…“
Das Ende seine Zeit als Lauffanatiker in den 80er-Jahren kam unfreiwillig. In seinem letzten 24-Stunden-Lauf musste er nach 13 Stunden wegen entzündeter Knie aufgeben: „Da begann ich mich zu fragen, was ich da eigentlich mache.“ Heute stellt Stoll als Professor an der Universität Halle-Wittenberg wie sein Kollege Jürgen Beckmann die Fragen anderen.
Eine der entscheidenden lautet: Warum werden Menschen süchtig nach Sport, nach Laufen? „Aus meiner klinisch-psychologischen Sicht ist das Sporttreiben eine unangemessene Bewältigungsstrategie für Probleme, die diese Leute haben“, sagt Beckmann. Oft gebe es einen Zusammenhang zwischen Sportsucht und Essstörungen, etwa wenn die eigene Körperwahrnehmung gestört ist. Ebenso oft werde das Problem eines Süchtigen aber auch gar nicht erkannt oder verdrängt – von ihm selbst oder seinem Umfeld. „Es heißt dann beschwichtigend: Der treibt halt viel Sport.“ Die Notwendigkeit einer Therapie liegt den Betroffenen so fern wie eine Woche ohne Sporttreiben. Sie fühlen sich schnell stigmatisiert.
So wird derjenige als Miesmacher abgekanzelt, der bei manchem regelrecht Wahn wittert. Laufen ist schließlich anerkanntermaßen gesund, und wer viel Sport treibt, gilt gemeinhin als bewundernswerter Mensch mit Disziplin und Ehrgeiz.
„Sozial ist diese Sucht positiv bewertet“, sagt der Sportwissenschaftler Eike Emrich, bis November 2009 Vizepräsident im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV): „Das Phänomen Laufen ist Ausdruck von Leistungsbereitschaft und bestimmter sozialer Kreise, die ein schichtspezifisches Verhaltensmuster zelebrieren, nämlich: langfristige Orientierung, Leidensbereitschaft, Kontinuität im Leistungsstreben.“ Marathonläufe etwa bestreiten überproportional viele Menschen aus der Mittel- oder oberen Mittelschicht.
Oft sprechen Ausdauersportler von einem Hochgefühl, das sie während des Laufens erleben, dem sogenannten „Runner’s High“, bei dem im Gehirn schmerzhemmende und euphorisierende Endorphine ausgeschüttet werden. Nicht jeder, der diese Momente immer wieder zu erhaschen sucht, ist freilich suchtgefährdet oder süchtig. Und – dosiertes – Laufen hat nachgewiesenermaßen auch psychisch positive Aspekte, wie Studien beweisen.
Profiläufer wie Sabrina Mockenhaupt, 29, rühmen den Effekt der ausdauernden Schinderei. Ob sie sich als laufsüchtig bezeichnen würde? Die Kölner Marathonläuferin bekennt: „Auf jeden Fall. Wenn ich nicht laufe, so wie ich es mir vorgenommen habe, dann verspüre ich eine innere Unruhe. Das kann man als Sucht bezeichnen, ja.“
Stimmungsschwankungen sind Mockenhaupt alles andere als fremd. Wenn sie am Ende eines Tages ihre Kilometer zusammenzählt und merkt, dass die Rechnung nicht aufgeht, „dann bin ich unleidlich, und das merkt man mir auch an.“ Die mehrmalige Deutsche Meisterin über 10.000 Meter hat sich angewöhnt, sich nur nach erfolgreichen Wettkämpfen zu belohnen: „Waren sie nicht erfolgreich, gehe ich nicht einkaufen, dann trainiere ich noch mehr. Das ist schon ein bisschen krass – aber es ist so.“
Gleichwohl unterscheidet Mockenhaupts subjektives „Sucht“-Gefühl sich in einem entscheidenden Punkt von einer echten Sucht. Denn als Profisportlerin gönnt sie ihrem Körper je nach Trainings- und Wettkampfphasen Ruhe. Süchtige tun das nicht. Sie laufen gegen alle Warnsignale an. Sportwissenschaftler Emrich vermutet: „Es könnte sein, dass jemand sich psychisch nur gut fühlt, so lange er so viel rennt, wie es ihm körperlich gar nicht guttut. Da scheint etwas außer Balance geraten.“ Ist das „Runner’s High“ es wirklich wert? Profiläuferin Mockenhaupt rät: „Laufen soll immer noch Spaß machen – wenn alles nur noch Frust ist, dann geht der Schuss nach hinten los.“
*Name geändert





