Wir sind eine ausgeschlafene Familie. Die Nacht ist immer zu kurz, daher holen wir uns die Ruhe woanders. Die Chefin schwört auf den Power-Mittagsschlaf, nur so lange, bis ich die Küche geschrubbt habe. Meine Erholung besorge ich mir vor dem Fernseher; Talkshows wirken herrlich sedierend. Karl, der Große, schläft vorwiegend bei Tageslicht, nur gelegentlich unterbrochen von lästigen Uni-Terminen. Der kleine Hans wiederum macht es sich seit Neuestem auf der Schulbank bequem, was wir sehr begrüßen. Seither gibt es kaum noch Beschwerden über das „sehr meinungsstarke Kind“, eine höfliche Chiffre für fortgesetztes Stören. Hans versichert glaubhaft, dass er nicht der Einzige sei, der in der Schule seinen Schlafmangel ausgleiche. Warum heißt die Penne „Penne“? Eben. Neulich, sagt Hans, hätten zwei Mädchen im Klassen-Chat bis nach Mitternacht WhatsApp-Duell gespielt und sich weit über 200 Nachrichten gesendet. „Warum?“, wollte ich wissen. „Weil die Eltern nicht zu Hause waren“, erklärte Hans. Ein Spitzenplatz in der ewigen Hitliste absichtsvoll missverstandener Fragen.

Natürlich würde ich niemals die Mitteilungen auf dem Smartphone unseres Zwölfjährigen lesen. Aber wenn Meldungen nach 22 Uhr eingehen, merkt der verantwortungsbewusste Vater schon mal auf. Ein Notfall? Nein, nur die Einladung eines Schulkameraden zum „Mitternachtszocken“. War doch eine gute Idee, das Mobiltelefon zur Nacht aus dem Kinderzimmer zu entfernen. Nachteil: Nun leidet der Schlaf der Eltern, wenn das Ding um 3.30 Uhr piept. Diesmal die interessante Frage eines Mitschülers, wer denn um diese Zeit wach sei. Antwort: Jetzt alle.

Die Wissenschaft ist sicher, dass fortgesetzter Schlafmangel das Reifen des Teenagerhirns bremst. Französische Forscher fanden heraus, dass Jugendliche mit dem wenigsten Schlaf die kleinsten Hirne hatten. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt: Die mit dem kleinsten Hirn schlafen am wenigsten, weil sie noch nachdenken müssen. Oder kleine Hirne brauchen weniger Schlaf, so wie kleine Menschen weniger Nahrung brauchen. Jedenfalls ist der frontale Cortex betroffen, wo die Konzentration zu Hause ist. Addiert man besorgniserregende Studien zu den Folgen fortgesetzten Smartphone-Gebrauchs dazu, dann ist die Nachtwache im Internet der sicherste Weg, einen Abschluss bestenfalls auf der Baumschule zu schaffen. Zeit zu handeln. Seit einer Woche stöpsele ich den Router aus. Wir sind dann mal offline. Wundersamerweise ist das Gerät am nächsten Morgen wieder scharfgestellt. Die drei potenziellen Verdächtigen weisen jede Schuld von sich. Am nächsten Abend nehme ich das Kabel mit. Doch offenbar fand sich in unserer Schublade für Elektroschrott passender Ersatz. Erst am dritten Abend war ich erfolgreich, weil ich den ganzen Router entfernt habe. Die Nacht verlief dennoch unruhig. Irgendwer schien sich an meiner Zimmertür zu schaffen zu machen. Wahrscheinlich alle drei, weil sie dringend was bei Wikipedia nachgucken müssen – der billigste aller Tricks. Wer den Router unter seinem Bett versteckt, ist seines Lebens nicht sicher. Egal.

Neulich kam Hans mit einer eher seltenen Dreifachhorrormeldung aus der Schule. Er hatte ein Referat vermasselt, eine Stunde verpasst und die Kuchenspende für eine via Klassen-Chat verabredete Feier vergessen, alles nur, „weil mein Papa das Internet kaputt gemacht hat“. Die Chefin war seit Tagen auffallend oft bei Freundinnen. Geballter passiver Widerstand. Schon gut, ich stöpsele den Router wieder ein. Bleiben die Hirne halt auf Erdnussgröße. Aber ich kann wieder ruhig schlafen.

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