Mamas & Papas

Vom genialen Geist der Unordnung

Warum das Empfinden für Ordnung relativ und der Streit über Zustand oder Prinzip philosophisch - die Kolumne von Hajo Schumacher.

Unordnung im Kinderzimmer

Unordnung im Kinderzimmer

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Wir sind eine ordentliche Familie. Wobei unsere Definitionen von Ordnung ein wenig auseinandergehen. Die Chefin bevorzugt jenes sorgsam arrangierte Durcheinander light, das wir aus Möbelkatalogen kennen; ein keck schräges Kissen oder das aufgeschlagene Buch auf dem Sofa. Für uns Jungs sieht es schrecklich ordentlich aus, für die Chefin wiederum ist das Maximum an Unordnung erreicht. Die Chefin ist es auch, die unter dem Vorwand, "nur schnell Teelichter" erwerben zu wollen, mit einem Kombi voll Ordnungsmöbel heimkehrt. Legos nach Farbe, Schrauben nach Größe, Stifte, Batterien, Merkzettel – alles soll fortan in heiteren Kartons und Schubfächern Platz finden. Die brutale Wirklichkeit ist im Keller zu besichtigen: Dort türmen sich mehrere Generationen Kisten und Kästen. Falls jemand gerade ein Museum für Ordnungsmöbel plant – wir spenden gern.

Ordnung, sagt der Philosoph, sei Zustand und Prinzip. Wenn Hans seine Kleidung zum Beispiel über den Boden seines Zimmers verteilt, wobei er klugerweise schmale Trampelpfade und Hüpfinseln einbaut, dann folgt er einem Prinzip: Morgens, wenn es schnell gehen muss, sieht er alle Kleidungsstücke auf einen Blick und kann sich zügig für das Falsche entscheiden – ein dünnes T-Shirt, wenn draußen Eisregen wütet, vier Lagen Wollenes bei Hitze.

"Wenn er eine Freundin hat, wird er ordentlicher", sagt die Chefin. Prinzipiell teile ich die Ansicht, dass Frauen Evolutionsbeschleuniger sind. Aber die Jungs wehren sich tapfer. Karl, unser Großer, definiert Ordnung als Zustand, der es erlaubt, die Zimmertür ohne größere Gewaltanwendung zu schließen. Hinter der Tür sei privates Terrain, argumentiert er und zitiert Studien, wonach geniale Geister nur im Chaos alles wiederfinden, bis auf Kleinkram wie Mahnungen oder Immatrikulationsbescheinigungen. Ordnung dagegen führe stracks in die Penibilitätsfalle: Alles wegräumen, nichts wiederfinden.

Unökologischer Verbrauch der knappen Ressource Trinkwasser

Leider weiten die beiden Jungs ihre Ordnungsprinzipien auf Gemeinschaftsflächen aus. Komme ich morgens in die Küche, erwarten mich Nudeltopf und Soßenflecken. Geschirr stapelt sich provozierend wenige Zentimeter entfernt von der Spülmaschine. Aha, der Herr Sohn haben sich ein Nachtmahl genehmigt. Klar, sieben großen Mahlzeiten am Tag sind gesünder als fünf kleine. Als ich höflich anmahne, dass Spuren zum Beseitigen da sind, schüttelt mein Sohn den Kopf. Natürlich hätte er aufräumen können, aber erstens hätte uns das Spülmaschinengeklapper womöglich geweckt und zweitens brauche er den Nudeltopf ja mittags wieder, für die Frühstücksnudeln, weswegen eine Reinigung unökologischen Verbrauch der knappen Ressource Trinkwasser bedeute. Aha.

Neulich suchte ich einen amtlichen Schrieb von der Krankenkasse. Als ordnungsliebendes Vorbild hefte ich offizielle Post umgehend ab oder bunkere sie vorübergehend in einer von vier Ablagen, die ich vor Jahren mal ordentlich beschriftet habe. Dummerweise ist mein Ordnungssystem stark tagesformabhängig, weder Prinzip noch Zustand, zumal ein Brief der Krankenkasse in verschiedene Ablagen passt, etwa "Ausgaben", "Erledigen", "Ärgernis" oder "Egal". Wo also hatte ich das Dokument gelassen? Anschwellende Panik.

Hans saß derweil an seinem neuen Schreibtisch, den wir neulich erst zwischen den Kisten im Keller hervorgezerrt hatten. Ein Sechstklässler brauche mehr Arbeitsfläche, hatte die Chefin entschieden. Denkfehler: Mehr Platz bedeutet mehr Unordnung. Gedankenverloren kritzelte Hans Karikaturen seiner Lehrer auf ein Blatt; prima Idee, kurz vor der Notenkonferenz. "Worauf malst du da?", fragte ich und bekam meine Lieblingsantwort: "Keine Ahnung." Immerhin drehte er das Blatt um. Es war das Schreiben der Krankenversicherung. "Hast du hier liegen lassen, beim Vokabelabfragen", erklärte mein Kleiner. Großartig. In einem ordentlichen Haushalt findet sich alles wieder.

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