„Illa“, sagt das Kind meiner Freundin Antonia, wenn sie auf den Gorilla im Kinderbuch zeigt. „Ball“, sagt das etwas kleinere Kind im Sandkasten, dem meine Tochter Fiona gerade eben dieses Spielzeug geklaut hat. „Dodel“, sagt Rosa, die sechs Monate jünger ist als Fiona, zu einem Vogel, der vor ihrem Kinderwagen einen Krümel gefunden hat. Meine Tochter sagt: „Ja.“ Fiona sagt Ja zu allem, was man zu ihr sagt. Willst du noch ein Fläschchen? Ja. Willst du ins Bett? Ja. Sollen wir rutschen? Ja. Sie sagt ihr Ja mit so viel Inbrunst und Überzeugung, dass man es ihr glauben könnte. Wer ist amerikanischer Präsident? Ja. Was ist die Wurzel aus 3245? Ja. Sie sagt auch Ja, wenn sie Nein meint. Nur manchmal sagt sie: „Yes“. Das hat ihr vermutlich Antonia beigebracht. Deren Kind wächst dreisprachig auf.

Als Fiona neun Monate alt ist, fragt mich eine Mutter im Kleinkindabteil des ICE, ob sie schon krabbeln kann. Nein, sage ich. Oh, sagt die Mutter, dann kann sie bestimmt was anderes total toll. Ich überlege kurz. Eigentlich nicht. Eigentlich kann sie nichts „toll“ im engeren Sinn. Muss ein Säugling denn irgendwas total toll können? Ich blicke auf den neun Monate alten Krabbelmeister, den diese Mutter in die Welt gesetzt hatte. Bislang ist mir nicht in den Sinn gekommen, mein Kind mit einem anderen Kind zu vergleichen. Fiona sitzt halt lieber als zu krabbeln. Ich bin zuversichtlich. Eines Tages wird sie laufen lernen.

Meine Freunde bringen ihren Kleinkindern ständig etwas bei. Sich umdrehen, wenn man das Sofa runterkrabbelt, mit dem Löffel essen, winken, wenn man jemanden begrüßt oder verabschiedet. Fiona hat diese Dinge alle irgendwann von selbst gemacht, nicht früher oder später als die anderen. Das löste in uns die Vermutung aus, dass auch die anderen Kinder es einfach von selbst gelernt haben. Und dass sich nur Eltern im Allgemeinen besser fühlen, wenn sie schon früh Erziehungserfolge bei ihrem Kind erreichen, die sie dann anderen zwecks Einordnung ihrer Kinder mitteilen. Allgemein bekannt als die Mutti-Olympiade.

Vielleicht fragen einen Menschen auch deswegen ständig, was das Kind schon kann. Also eigentlich fragen sie das Kind meistens selbst, so als könnte das schon antworten. Na, kannst du schon laufen? Na, was kannst du denn schon sagen? Oder sie fordern es ein. Sag mal Baum, sag mal Auto. Fiona sagt Ja. Wenn überhaupt.

Judith Luig mit Tochter Fiona
Judith Luig mit Tochter Fiona© Reto Klar

Es freut mich, dass sie einen Stift halten kann, weil ich dann mit ihr malen kann. Ob sie das früher oder später als eine Helene, eine Chiara oder ein Theodor auf dem Spielplatz macht, interessiert mich nicht. Nur das Sprechen, das beschäftigt mich.

Fiona ist jetzt 17 Monate alt. Sie hat eine Vorliebe für den Vokal A. Sie sagt „ja“ und „da“ und „Mama“. „Ja“ bedeutet für sie Sprache im Allgemeinen, „da“ bedeutet „da“ und „Mama“, nun, das ist eine andere Geschichte.

Fiona sagt „Mama“ mit einer Hingabe und Liebe, dass es einem das Herz erweicht. Sie sagt es so, als sei es der Text einer Arie in einer italienischen Oper. Als gäbe es nichts Kostbareres und Wundervolleres. Maammaa. Allerdings ist Maammaa nicht die Bezeichnung für mich, ihre Mutter. Mit Maammaa meint sie ihren Vater. Es gibt auch ein anderes Mama. Oder vielmehr ein Mamamamama. Forderndes Staccato. Das wiederum ist ein Appell meiner Tochter an mich.

Gestern hat sich eine neue Babysitterin vorgestellt. Sie hat Erziehungswissenschaften studiert. Sie hat neun Jahre Erfahrung als private Tagesmutter. Sie ist gerade aus London nach Berlin gezogen und sucht jetzt einen neuen Job. Ich erzähle ihr von dem „da“ und dem „ja“, dem „Maammaa“ und dem „Mamamama“. Sie sagt, wenn ein Kind spät sprechen lerne, sei das ein Indiz für eine besonders innige Beziehung zwischen Mutter und Kind. Man brauche eben keine Worte. Meine Freundin Eva sagt: „Es ist offensichtlich. Als Mutter bist du eben hochbegabt.“