Als wir nach Hause kommen, liegt das Kind in seinem Bett und schläft. Es hat seinen Schlafanzug an und ist zugedeckt. Die Babysitterin sitzt in der Küche. Wir lassen uns nichts anmerken. Wann ist sie denn eingeschlafen? Um halb neun? Ah, okay. Ich bringe Julia zur Tür, im Vorbeigehen raunt mir der Mann zu: Wahrscheinlich hat sie Fiona auch noch die Zähne geputzt. Als sie weg ist, setzen der Mann und ich uns erst mal aufs Sofa und sind ratlos. Julia ist neu, das war der erste Abend, an dem sie auf unsere Tochter aufgepasst hat. Sie kann nichts dafür, das ist klar. Ich gehe noch mal ins Kinderzimmer, aber Fiona liegt immer noch in ihrem Bett. „Was hat sie sich nur gedacht dabei?“, fragt mich der Mann. „Was kommt als Nächstes? Wird sie ausziehen?“

Was Julia nicht weiß: Fiona schläft nur, wenn man sich neben sie legt und sie in einen elterlichen Unterarm kneifen kann. Sobald man sie zudeckt, strampelt sie sich frei. Sie schläft auch nur, wenn sie es mag. Ich habe schon Stunden neben ihr gelegen ohne Resultat. Ihre Einschlafzeiten ändern sich jede Woche. Aktuell waren wir bei elf Uhr.

Unsere Tochter schläft ausschließlich bei uns im Bett. Am Anfang war das sehr kuschelig. Doch so ein Kind wächst. Mittlerweile bilden wir vom Universum aus gesehen den Buchstaben H. Beide Eltern an den Rand des Bettes gedrängt, das Kind wie ein Bindestrich in der Mitte. Aber sie schläft. Und das ist alles, was zählt. Denn sie kann auch anders. Letztens wachte Fiona aus unerklärlichen Gründen um zwei Uhr Nachts auf und wollte Aufmerksamkeit. Wir führten eine Stunde lang eine wortlose Diskussion in der Dunkelheit. Dann setzte ich Kaffee auf. Nacht und Tag, vielleicht sind solche Einteilungen ja auch sehr spießig.

Eltern auf Schlafentzug sind zu allem fähig. Sie erfinden die merkwürdigsten Einschlafrituale für ein bisschen Ruhe. Luisa, die Tochter meiner Freundin, schlief nur, wenn man sie föhnte. Unterwegs, auf Reisen, wenn ihre Mutter gerade keinen Fön zur Hand hatte, nutzte sie eine Fön-App auf dem Handy. Chiara schlief nur im Auto bei Reinhard Mey, stundenlang fuhren ihre Eltern sie nachts unter unerträglichem Gedudel durch die Stadt. Die kleine Marie war da deutlich hipper: Für sie musste es Nils Frahm sein. Jonathan schlief nur bei laufender Discokugel. Die Tochter eines Kollegen wurde von den müden Eltern in ihrem Maxi-Cosi auf den Herd platziert und die Dunstabzugshaube auf Stufe zwei gestellt.

Das klingt irre? Mag sein, aber bleiben Sie mal 48 Stunden wach, dann denken Sie anders darüber. Wenn man nun mal eine Methode gefunden hat, wie Kind und Eltern friedlich schlafen können, dann hält man daran betonfest. In ihren ersten Monaten glaubte ich sehr häufig, die perfekte Einschlafmethode gefunden zu haben. „Jetzt habe ich es raus“, flüsterte ich stolz dem heimkehrenden Vater zu. Aber noch bevor ich ihm das schlafende Kind präsentierten konnte, war es schon wieder aufgewacht.

Der Vorstoß der neuen Babysitterin, das Kind einfach abends in sein Bett zu legen und zuzudecken, war für uns ungefähr so, wie die Thesen von Luther einst auf die katholische Kirche gewirkt haben müssen. Was ist, wenn sie recht hat? Wenn Fiona längst alt genug ist, für ihr eigenes Bett?

Am Anfang eines Lebens ändert sich alles rasant schnell, wenn man als Eltern glaubt, endlich alles verstanden zu haben, ist das Kind oft schon einen Schritt weiter. Meine Schwester, Mutter von zwei sehr wachen Töchtern, plant seit Längerem einen Bestseller mit dem Titel: „Alle Eltern können lernen, ihre Kinder schlafen zu lassen.“

Am Tag nach dem Babysitter-Vorfall lege ich Fiona in ihr Bett und bleibe bei ihr, bis sie eingeschlafen ist. Als der Mann nach Hause kommt, setzt er sich zu mir. Gemeinsam betrachten wir das schlafende Kind. Der Mann schaut mich an: „Wenn wir ins Bett gehen, dann holen wir sie einfach wieder zu uns.“

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